Hamburger Bahnhof : Weit und Breit

"Die Kunst ist super!" im Hamburger Bahnhof: Der neue Direktor Udo Kittelmann schafft Räume für das Zeitgenössische.

Nicola Kuhn

Eine gelbe Sprechblase, zackig rot eingefasst. Normalerweise würde in einem Comic darin „Zack“, „Bummmmm“ oder „Argggggggg“ zu lesen sein. Stattdessen steht darin „Die Kunst ist super!“, als Titel und knalliges Design für die Neupräsentation des Hamburger Bahnhofs. Soll das etwa witzig sein? Steckt Galgenhumor dahinter, nach den Preisstürzen und rasanten Wertminderungen der Kunst in den letzten Monaten?

Das Berliner Museum für Gegenwart, mit 10 000 Quadratmetern Europas größter Ausstellungsort für Zeitgenössisches, gibt sich fein ironisch. In Zeiten, wo so vieles über den Jordan geht, erklärt der Spruch mit rotziger Selbstsicherheit: Trotz allem bleibt Kunst super, zumindest sind es die hier gezeigten Werke.

Der schöne Spaß vergeht aber erst einmal, sobald man die große Bahnhofshalle betritt. Statt Klamauk steht in der leer geräumten Kathedrale des Gleisverkehrs einsam ein Waggon, der sogleich Assoziationen an das „Dritte Reich“ weckt. In Deutschland kann man einen solchen Zug nicht einfach so zeigen; hier in Berlin bedeutet er immer auch Deportation und Leid. Der polnische Künstler Robert Kusmirowski hat ihn abgestellt, nachdem er bereits 2004 auf der 4. Berlin Biennale in der Jüdischen Mädchenschule zu sehen war – erbaut aus einfachsten Materialien, Pappe, Orangenkisten, Fundmaterial, das täuschend echt bemalt wurde. Kunst ist, was im Kopf passiert, lautet die Botschaft dieses dramatischen Entrees.

Kunst ist, wenn das Denken Sprünge macht, ergänzt die von Marcel Duchamp auf einen Hocker montierte Fahrradfelge, sein erstes Ready-made, das ebenfalls in der großen Halle steht und als revolutionärer Erfindungsakt 1913 die Kunst von den Fesseln der Artefakt-Produktion befreite. Kunst ist Modell, wiederholt auch Roman Ondáks 1:10-Verkleinerung der Turbinenhalle der Londoner Tate-Modern-Galerie. Hier schlägt der Schelm wieder durch, denn wie oft wurde nicht die Tate Modern in den letzten Jahren als Vergleich ins Spiel gebracht, weil der Hamburger Bahnhof ohne Ausstrahlung dahinzudämmern schien und die großen Ausstellungen andernorts zu sehen waren.

Das soll sich nun mit diesem Fanal einer Wiedereröffnung ändern. Elf Monate amtiert Udo Kittelmann als neuer Direktor der Nationalgalerie. Für die Premiere seines Lieblingskindes unter den sechs von ihm betreuten Häusern (Alte Nationalgalerie, Neue Nationalgalerie, Museum Berggruen, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Skulpturensammlung in der Nicolaischen Kirche) ließ er sich sehr viel Zeit, nachdem die pompöse Abschiedsausstellung „Der Kult des Künstlers“ seines Vorgängers Peter-Klaus Schuster im Februar abgeräumt worden war, vielleicht zu viel für ein Flaggschiff. Doch der vom Frankfurter Museum für Moderne Kunst geholte Frontmann wollte zunächst in Ruhe die Bestände studieren. Außerdem wurde die historische Halle saniert, das Haus innen komplett neu gestrichen.

Die Sichtungsphase hat sich gelohnt, denn plötzlich wirken die zum Haus gehörenden Kollektionen Marx, Flick, Marzona wie neu gedacht. Eine Öffnung zu anderen Berliner Sammlungen wie dem Naturkundemuseum oder der Gipssammlung der Staatlichen Museen tut sich auf. Während der Hamburger Bahnhof bislang in Pflichterfüllung gegenüber seinen Sammlern zu erstarren drohte, das Haus in separate Kompartimente zerfiel, atmet nun ein frischer Geist.

Wo sonst bleiern schwer die Monumentalwerke Anselm Kiefers aus der Marx-Kollektion den Raum dominierten oder Jason Rhoades bei der Flick-Präsentation den Besucher mit seiner Mega-Installation überwältigte, herrscht nun wohltuende Leere, endlich Platz für eigene Ideen der Kuratoren. „Die Kunst ist super!“ erweist sich als viel versprechender Start. „Nur ein Modell“, schränkt Kittelmann kokett ein. Damit intoniert er auch die Erkennungsmelodie seines Debüts, denn ihm gilt bereits das Museum als Modell zur Anschauung einer anderen Wirklichkeit, als Angebot zum Denken, ebenso wie die Kunst selbst stets Modell und nicht die Wirklichkeit ist. Andere Modelle sollen folgen.

Auch wenn der Hamburger Bahnhof erst heute Abend offiziell wiedereröffnet wird, so waren in den letzten Monaten schon einige Trakte zugänglich: der Westflügel mit dem weltweit bedeutendsten Beuys-Komplex, die Sektion Fluxus und Happening sowie die Kleihues-Halle mit ihrem traditionellen Schwerpunkt bei Werken der Sammlung Erich Marx. Alles zeigt sich neu sortiert, mit frischem Blick, was insbesondere für die Sammlung Marx wie eine Belebung wirkt. Von den Kiefer-Skulpturen ist nur noch ein Flugzeug in der Kleihues-Halle zu sehen. Und siehe da: Es wirkt zwischen den Stellwänden nicht klein, sondern ungeheuer inspirierend durch die neuen Nachbarschaften. Vanitas, Vergänglichkeit, das Ende aller Eitelkeit lautet hier das Thema. Von Kiefers Flugzeug, das mit seinen Mohnkapseln ein Celan-Gedicht zitiert, fällt der Blick auf einen Monitor mit Syberbergs Winifred-Wagner-Interview und auf den Waggon in der Bahnhofshalle. Zu seinem Gemälde „Deutschland, Deine Geisteshelden“ gesellen sich gipserne Totenmasken, darunter erneut Goethe, der auch bei Kiefer zu sehen ist.

Gerade dadurch zeichnet sich immer wieder die Präsentation aus, dass sie überraschende Sichtachsen bildet, Werke unerwartet zusammenstellt wie jene in den vierziger Jahren entstandenen überlebensgroßen Insekten des „wissenschaftlichen Plastikers“ Alfred Keller aus dem Naturkundemuseum, die ähnlich kostbar in Vitrinen ausgeleuchtet sind wie die „Kollektion“ des Berliner Künstlers Gerd Rohling. Was auf den ersten Blick wie eine exzeptionelle Glas- und Alabastersammlung etwa aus dem Vorderasiatischen Museum erscheint, sind in Wirklichkeit aus Plastikfundstücken collagierte Gefäße. Schraubenziehergriffe bilden transparente Kelchstiele, Kanistergriffe Henkel von hauchzarten Vasen.

Im Hamburger Bahnhof werden Schein und Sein gegeneinander ausgespielt, mal heiter, mal tragisch. Hans Peter Feldmanns „Schattenspiel“ aus sich drehendem Spielzeug lädt zum kindlichen Träumen ein; die von Lyonel Feininger seit den vierziger Jahren geschnitzten Holzpüppchen und -häuschen unter dem Titel „Die Stadt am Ende der Welt“ zeigen das Bildpersonal des verfemten Künstlers für Kinderhände. Von der Kraft der Kunst, der Imagination erzählt auch Jochen Alexander Freydanks Kurzfilm „Spielzeugland“, mit dem er vor zwei Jahren einen Oscar gewann, die Geschichte zweier Buben im Dritten Reich, die glimpflich endet.

Die Stärke der Neupräsentation im Hamburger Bahnhof besteht in solchen zwei, drei Räume miteinander verknüpfenden Erzählungen, die sich auch kreuz und quer durch das gesamte Haus weiterspinnen. Der Besucher wird mitgenommen auf eine Reise durch Raum und Zeit. Nie war es kurzweiliger, die schier endlosen Rieck-Hallen mit der Flick-Collection zu durchschreiten. Auf Marcel Broodthaers „Wintergarten“, der sich auf das Berliner Naturkundemuseum bezieht, folgt irgendwann die monomanisch wuchernde „Gartenskulptur“ von Dieter Roth mit hoppelnden Hasen und frisch gewonnenem Regenwasser in Einmachgläsern und schließlich Martin Kippenbergers freche Mauerskulptur und dilettantisch zusammengeklebte Vase mit dem Untertitel „Keep it for a rainy day“.

Diese Stärke mag dem Hamburger Bahnhof auch als Schwäche ausgelegt werden, als Über-Anekdotisierung, als visuelle Schnitzeljagd. Doch vor allem ist sie als große einladende Geste zu verstehen, sich die Kunst zunächst lustvoll anzusehen, fern von kunsthistorisch vorgestanzten Wegen und sammlerischen Begehrlichkeiten.

Das Berliner Museum für Gegenwart hat damit 13 Jahre nach seiner Gründung eine zweite Chance bekommen, die zeitgenössische Kunst zu verorten – sowohl in Berlin als auch international.

Mit „Die Kunst ist super!“ gibt der neue Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, in Berlin seinen Einstand. Auf 10 000 Quadratametern Ausstellungsfläche zeigt er im Hamburger Bahnhof Werke von 77 Künstlern, darunter Andy Warhols „Mao“ in der Kleihues-Halle. Eine Überraschung ist die „Kollektion“ von Gerd Rohling, eine vermeintliche Glassammlung, die auf den schönen Schein anspielt. Auch Jason Rhoades ironisiert den Glamour, indem er Michael Jackson als goldene Monumentalskulptur darstellt. Die Ausstellung ist bis 10. Februar Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr und So 11-18 Uhr geöffnet.

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