Joseph Beuys : "Na, mein alter Kapitalist"

Das Stadtmuseum Düsseldorf zeigt ab diesem Samstag über 1100 Dokumente zum Leben und Wirken Joseph Beuys'. Viele Austellungsstücke sind zum ersten Mal zugängig.

Antje Lorscheider[dpa]
Joseph Beuys
Joseph Beuys als Regionalgeschichte im Stadtmuseum Düsseldorf. -Foto: dpa

DüsseldorfDas Leben und Wirken Joseph Beuys' in der Rheinmetropole steht von Samstag an im Mittelpunkt einer Schau des Stadtmuseums Düsseldorf. Bis zum 30. Dezember sind über 1100 Dokumente zu sehen. Die überwiegende Mehrheit der Fotos, Briefe, Aktennotizen oder Plakate ist zum ersten Mal öffentlich zugänglich.

Schwimmweste, Erste-Hilfe-Kenntnisse, "Schöpfgerät und Fangeleine": So lauteten einige der Bedingungen, unter denen das Wasserschifffahrtsamt Duisburg 1973 dem Antrag des Künstlers Anatol auf eine "Demonstrations- und Übersetzfahrt mit Kleinfahrzeug" stattgab. Im Oktober des Jahres setzte Anatol seinen Lehrer Joseph Beuys im Einbaum "Blaues Wunder" über den Rhein - eine symbolische Aktion, die als Rückführung des Professors in Amt und Würden gedacht war. Im Vorjahr war Beuys von der Kunstakademie Düsseldorf fristlos entlassen worden.

Postzustellungsurkunde der Entlassung

Dass es in der Schau - wie Stadtmuseumsdirektorin Susanne Anna sagt - um "das Geschriebene" geht, heißt nicht, dass sie "dröge" ist. Das Stöbern in den Dokumenten ist ein erhellender und spannender Blick hinter die Kulissen der "prägnanten Ereignisse" im Leben Beuys'. Ein Aspekt auch: Der erfolgreiche und gefragte Künstler. Die Deutsche Bank etwa, maßgeblicher Geldgeber zum Ausstellungsprojekt, sammelt seit über 30 Jahren Beuys'sche Kunst. Hochrangige Vertreter des Bankhauses, so erzählte dessen Vertreter Stefan Märkl, habe der Künstler mit "Na, mein alter Kapitalist" begrüßt.

Umfangreich sind die Archivalien zur Geschichte rund um die Kündigung des Lehrers Beuys, der behauptete, diese Tätigkeit sei sein "größtes Kunstwerk". Gemäß seiner Auffassung, dass jedem Studierwilligen ein Studium ermöglicht werden müsse, nahm er alle abgelehnten Bewerber in seine Klasse auf. Zur Erzwingung der Immatrikulation hatte Beuys 1972 mit Studenten das Sekretariat der Akademie besetzt. Folge: Räumung durch die Polizei und fristlose Entlassung.

Neben der "Postzustellungsurkunde", mit der Beuys per Einschreiben seine Kündigung erhielt, gibt es Dokumente zum arbeitsrechtlichen Streit mit dem Land NRW, das erst 1978 mit einem Vergleich endete. Amüsant sind dabei etwa Zeitungsartikel unter der Überschrift "Richter schlief". Aufschlussreich dagegen: Die vertraulichen Notizen wie die zur geheimen Abstimmung unter Professorenkollegen im Jahr 1975. Thema: Ja oder Nein zu einer Rückkehr Beuys' an die Akademie.

"Unser Land ist ärmer ohne ihn"

Erste Beschwerden über Beuys gab es schon in den sechziger Jahren. 1961 als Professor für Bildhauerei angetreten, beschwerte sich Otto Pankok 1964 beim Kultusminister über "hirnverbrannte Dummheiten" in der Klasse des Künstlers. In einem Schreiben von neun Professoren an den Akademieleiter heißt es 1968: Die Akademie gerate durch den Kreis um Beuys in eine existenzbedrohende Krise. Unter anderem führten die Hochschullehrer "anmaßenden politischen Dilettantismus und Sucht nach weltanschaulicher Bevormundung" als Gründe an.

Die Schau endet mit dem Tod des Künstlers am 23. Januar 1986. Zu sehen sind Nachrufe, die einen der meist diskutierten und umstrittensten Künstler des 20. Jahrhunderts etwa mit "Unser Land ist ärmer ohne ihn" würdigen. Ebenso: Traueranzeigen, in denen die Kunstakademie - jene Institution, an der einst der "Ungeist" des Kreises um den Künstler beklagt wurde - sich von Joseph Beuys verabschiedet: Die Hochschule verliere einen "großen Künstler, wichtigen Lehrer und Anreger".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben