Kunst-Werke : Ohne Kamera keine Geschichte

Ein historischer Erlebnisparcours und Sigalit Landaus Installation in den Berliner Kunst-Werken.

Nicola Kuhn
Kunst-Werke Foto: Martin Jenkinson
Alles nur Spiel. Jeremy Dellers "Battle of Orgreave". -Foto: Martin Jenkinson

Kunst hat viel mit Therapie zu tun. In den Berliner Kunst-Werken legt sich jetzt eine gesamte Ausstellung auf die Couch. Unter dem Titel „History Will Repeat Itself“ spielen 22 internationale Künstler in Videos, Wandarbeiten und Installationen immer wieder historische Szenen durch. Der Besucher bewegt sich zunehmend schwankend durch den Schleudergang der Zeit. Einer der laut Sigmund Freud „heißesten Wünsche der Menschheit“ – nämlich „etwas zweimal erleben zu dürfen“ – wird hier mit dem Kauf einer Eintrittskarte erfüllt. Doch während der Begründer der Psychoanalyse noch das Glücksversprechen der Hypnose meinte, greifen Freizeitparks und Geschichtswerkstätten heute auf die Methode des Reenactments zurück: Historie hautnah erleben! Auch für Künstler ist diese Strategie verführerisch. Bei ihnen wird der Showeffekt jedoch ersetzt durch den Erkenntnisgewinn.

So rekonstruierte Rod Dickinson 2002 die Räume des berühmt-berüchtigten Milgram-Experiments an der Yale-Universität in Connecticut, bei dem der 27-jährige Assistenzprofessor seine Probanden dazu animierte, dem hinter einer Wand verborgenen Gegenüber immer höhere Elektroschocks zu verpassen. Die meisten befolgten gehorsam die Aufforderungen, trotz zunehmend schriller werdender Schmerzensschreie – womit die Autoritätshörigkeit vieler Menschen drastisch bewiesen war. Das Experiment liegt fast fünfzig Jahre zurück, doch der Ausstellungsbesucher heute schleicht sich noch immer beunruhigt um den Stuhl mit dem entscheidenden Knopf und fragt sich: Wie weit würde ich gehen?

Darin besteht der wohlige Grusel des Reenactment-Spiels: dass es die Chance zum Ausstieg gibt, zur Rückkehr in den eigenen sicheren Alltag. Der polnische Filmemacher Arthur Zmijeswki verwehrt diese Rückkehr jedoch. Er bringt einen ehemaligen KZ-Inhaftierten dazu, seine verblasste Häftlingsnummer auf dem Unterarm erneut tätowieren zu lassen. Eine Zeitlang versucht sich der alte Mann noch gegen die Argumente seines perfiden Regisseurs zu wehren. Vergeblich, der Zuschauer wünscht sich in dem Moment nur noch, es wäre wirklich Spiel und nicht die Dokumentation einer zynischen Wiederholung.

Die Ausstellung gewinnt ihre Kraft, indem sie den Besucher zum aufgeklärten, fernen Zeugen historischer Vorgänge macht und doch eine Haltung von ihm verlangt. Das reicht bis zur Reflexion der Medienbilder, über die sich erst Geschichte transportiert. Ohne Fernsehen, die Kamera gibt es sie nicht. Jeremy Deller betrieb regelrecht Rehabilitation der britischen Bergarbeiter, deren Streiks 1985 durch die Polizei brutal niedergeschlagen worden waren, ohne dass jemand Notiz davon nahm. Die Vorgänge in Orgreave passten damals nicht in das Bild des Großbritannien von Maggie Thatcher. Deller befragte Augenzeugen auf beiden Seiten, lässt sie die Schlacht spielerisch rekonstruieren und gibt ihnen mit seiner Kunst ein Stück Wirklichkeit zurück.

Diese traumwandlerischen Pfade zwischen Erleben und Erinnern beschreitet auch die israelische Künstlerin Sigalit Landau mit ihrer großräumigen Installation „The Dining Hall“, die parallel zur „History“-Ausstellung heute eröffnet wird. Die mit ihren Beiträgen vor zehn Jahren für Documenta und Biennale di Venezia bekannt gewordene Bildhauerin baut für die Kunst-Werke Stationen eines israelischen Haushalts nach: Wohnzimmer, Küche, im Entree die Tellerwaschanlage eines Kibbuz als Music-Box. Das wirkt subtil, verführerisch wie die durch wochenlange Lagerung im Toten Meer komplett mit Salzkristallen überzuckerten Lampenschirme.

Wäre die Künstlerin nur dabei geblieben. Im Speisesaal selbst, der großen Ausstellungshalle, findet das reine Fressen statt. Blutig-rot bemalte Pappmaché-Männer säbeln sich hier von gigantischen Dönerspießen ihre Fleischstücke zurecht, sodass mal die endlose Säule Brancusis entsteht, mal eine Art abstraktes Blumenbouquet. Mit der Kombination zwei so verschiedener Ausstellungen haben sich die Kunst-Werke keinen Gefallen getan.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 13. 1.; Di-So 12-19, Do bis 21 Uhr.

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