Kunstgenuss : Ausgetrickst

Kolja Reichert lässt sich von der Kunst den Kopf verdrehen: Frances Stark und Marck Leckey in einer Doppelausstellung von Daniel Buchholz.

Kolja Reichert

Es ist ein bisschen wie beim Kinderspiel „Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann“: Während der Fänger sich auf einen der Gegner stürzt, rennen die anderen kichernd davon. Man glaubt fast zu hören, wie die bunten Kreise einen auslachen, die sich in optischer Täuschung auf den Kleidern von Frances Starks Scherenschnittmädchen drehen. Fixiert man einen, bleibt er stehen. Fixiert man den nächsten, rennt der erste wieder weiter. Man kann diesem irren Treiben nicht beikommen. Keck blickt dazu die zarte Varieté-Tänzerin zwischen ihren Beinen vor, als würde sie abwarten, was der Betrachter als Nächstes macht. Daniel Buchholz zeigt die kalifornische Konzeptkünstlerin Frances Stark in einer Doppelausstellung mit Turner-Preisträger Marck Leckey (Fasanenstraße 30, bis 25. April). Die Arbeiten der beiden umtanzen sich in einem reizvollen Pas de deux, miteinander flirtend, pendelnd zwischen augenzwinkernden Versteckspielen und der Lust, sich zu zeigen. Es ist diese fragile Spannung, die Starks Arbeiten auszeichnet. Zerbrechlich wie die Kreativität selbst, um die Stark in ihren Texten fürchtet. Ihre Kräfte tanzen im Verborgenen wie die bunten Op-Art-Kreise, geben ihre Geheimnisse nicht preis und man weiß nie, ob sie einem nicht im nächsten Moment davontanzen. Starks minimalistische Mädchen aus der Serie „A Torment of Folies“ (26 000 bis 32 000 $) finden ihr Gegenüber in Leckys Transvestiten im Gymnastikbody, der auf Fotos Blicke über die Schulter wirft oder die Glücksfee an einer Lostrommel gibt. Und in der alten Stummfilm-Animationsfigur Felix the Cat, die sich auch als Tänzerin verkleidet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Katzenschwanz. Aus dem oberen Bildrand einer ratternden 16mm-Projektion hangelt er sich herunter, winkt, lässt sich fallen und führt einen koketten Hüfttanz auf (25 000 €).

Die Doppeldeutigkeit mag im Auge des Betrachters liegen. Wie bei den großen weißen Gips-Phalli von Kasia Fudakowski, die bei Zak/Branicka mit „Gleaning the Gloss“ ihre erste Berlin-Ausstellung hat (Lindenstraße 35, bis 25. April). Sie balancieren quer auf einer drehbaren Stange, hängen zwischen einem Reck oder ragen aus einem Eimer in die Höhe (3000 bis 3500 €). Könnte auch ein Kaktus sein, die Dinge sind doch unschuldig. Oder nicht? Jedes Objekt hat hier seine Geschichte oder wartet darauf, mit dem Betrachter eine zu erleben. An der Wand lehnt ein Rohr mit Pferdehufen. In der Mitte einer runden Holzbank kniet ein Unterleib mit Stangenprothesen wie zum Empfang des Strafgerichts, mit einer verrosteten Schraube auf dem weißen Gips. Ist das die Schuld? Drumherum sind bunte Objekte als Ankläger zum „Circle of Shame“ versammelt (7000 €). Man denkt an Hans Bellmers Puppen, aber diese Objekte hier sind überwiegend kerngesund und selbstzufrieden, ihre Libido ist voll intakt. Dicht nebeneinander drängen sie sich auf diesem Skulpturenspielplatz. Galeristin Monika Branicka macht es vor, greift die Spinne mit den Drahtfüßen, trägt sie zu ihrem Nest aus Stahlringen, wandert mit der weißen Figur einmal im Kreis. Die literarischen Texte, die zwei Autoren mitgeliefert haben, sind gar nicht nötig. Spannender ist es, selbst mit den Objekten in Kontakt zu treten, die Oberflächen zu fühlen und mit ihnen zu spielen, so wie es auch die Künstlerin selbst bei der Herstellung macht, in neugierigem und zärtlichem Umgang mit den Materialien.

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