Mitte : Temporäre Kunsthalle in der Krise

Was klangen die Reden zur Eröffnung vor einem halben Jahr so euphorisch. Mittlerweile geht es dem prächtigsten Präsentierteller Berlins schlecht. Von den Gründerinnen ist heute keine mehr im Amt.

Nicola Kuhn

Was klangen die Reden zur Eröffnung vor einem halben Jahr so euphorisch. Champagner, Häppchen und eine stimmungsvolle Videoinstallation zum Start der Temporären Kunsthalle am Schlossplatz, dem prächtigsten Präsentierteller Berlins. Fans von Michael Jackson, Madonna und John Lennon sangen aus voller Kehle ihre Lieblingssongs mit. Die Stimmung hätte nicht besser sein können. Endlich war die Kunst in der Mitte der Stadt angekommen, endlich bekam sie das ersehnte Schaufenster für ihre Stars, die bislang andernorts mit Ausstellungen aufgetreten waren.

Der Regierende Bürgermeister Wowereit beglückwünschte die Initiatoren der Temporären Kunsthalle zu ihrer "wunderbaren Erfolgsgeschichte". Schließlich hatten private Spender vollbracht, was der Senat bislang nicht selbst finanzieren konnte. So stellte man sich bürgerschaftliches Engagement vor. 950.000 Euro hatte der Mäzen Dieter Rosenkranz für den provisorischen Bau hingelegt; die von ihm mitgetragene Stiftung Zukunft Berlin rückte damit zur Hauptgesellschafterin der Temporären Kunsthalle auf.

Erste Anzeichen von Auseinandersetzungen hinter den für zwei Jahre errichteten Kulissen aber waren schon damals zu erkennen. Nur wenige Tage vor der Eröffnung wurde der Künstler und Publizist Thomas Eller als zweiter Geschäftsführer berufen und neben eine der beiden Gründerinnen, Constanze Kleiner, gesetzt. Die andere, Coco Kühn, war zu dem Zeitpunkt bereits nur noch als Beraterin tätig. Seit gestern ist bekannt, dass nun auch Constanze Kleiner ausgebootet ist. In der Gesellschafterversammlung am 3. April war die Geschäftsführerin ihrer Pflichten entbunden worden.

Eine fatale Zwischenbilanz für ein Projekt, das gerade einmal 24 Monate angelegt ist. Doch noch sei das Unternehmen Temporäre Kunsthalle nicht gegen die Wand gefahren, beeilen sich die Beteiligten zu versichern – ob die entlassene Geschäftsführerin oder ihr verbliebener Kompagnon. Abgesehen davon, dass hier ein Konflikt zwischen Ost und West, jüngerer und älterer Generation seinen Ausdruck gefunden haben könnte, wie mancherorts vermutet wird, scheint die Kunsthalle vor allem durch finanzielle Probleme in die Bredouille geraten zu sein. Kurz vor Eröffnung hatte mit dem Konkurs der Lehman-Bank die Finanzkrise auch den Kunstbetrieb erreicht. Nicht nur auf Auktionen halten sich seitdem die Käufer zurück, sondern auch die Sponsoren von Ausstellungen. Das Marketing der Temporären Kunsthalle braucht deshalb ein neues Konzept; mit der bisherigen Geschäftsführerin ging dies offenbar nicht. Wurden bislang mit einem gewissen Stolz die Publikumszahlen genannt (50.000 Besucher sahen die erste Ausstellung!), heißt es nun selbstkritisch, für den prominenten Standort genüge der bisherige Zuspruch nicht.

Zu den geschäftlichen Unstimmigkeiten kommen vor allem inhaltliche hinzu. Bislang durfte jedes Mitglied des vierköpfigen kuratorischen Beraterteams seinen eigenen Künstler präsentieren, ein wenig überzeugendes Programm, an das sich bislang keine weiteren Ankündigungen anschlossen. Nach der südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz stellte der britische Konzeptkünstler Simon Starling aus; gegenwärtig ist die Malerin Katharina Grosse dran; ab Juli wird das Duo Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla gezeigt. Für September steht noch alles offen. Ein Richtungsstreit scheint hinter den Kulissen ausgebrochen zu sein. Während Thomas Eller einer politischen Ausrichtung eine Absage erteilt hat, glaubt Constanze Kleiner noch immer an eine inhaltliche Bestimmung der Ausstellungen durch den zentralen Ort in der Mitte Berlins. Mit Hilfe einer von ihr mitbegründeten Stiftung versucht sie nun extern das Ausstellungsprojekt "Erased Walls" zu realisieren und muss doch zunächst ganz eigene Hindernisse überbrücken.

Das Debakel der Temporären Kunsthalle kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Für den Regierenden Bürgermeister hat das Projekt einer dauerhaften Einrichtung längst an Attraktivität verloren, seit sich am Humboldthafen die Investoren zurückgezogen haben, die eigentlich den Bau finanzieren sollten. Stattdessen wird nun die Errichtung einer Landesbibliothek am Tempelhofer Flughafen mit Verve vorangetrieben. Auch in der Kunstszene glaubt man nicht mehr recht an die Notwendigkeit eines solchen Schaufensters, seit die Nationalgalerie einen neuen Direktor hat, auf den sich die größeren Hoffnungen richten. Der Temporären Kunsthalle bleiben noch eineinhalb Jahre Zeit. Der Countdown läuft.

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