Modegrafik : Backfisch und Bubikopf

Weg mit dem Korsett: Die Berliner Kunstbibliothek präsentiert Modegrafik der zwanziger Jahre.

Anna Pataczek

„Der Backfisch von heute schwimmt, turnt, macht seine gymnastischen Übungen, treibt seinen Sport, um für den Lebenskampf gerüstet zu sein. Spricht die Mutter leise von Heirat, so lächelt der Backfisch von heute überlegen“, schreibt der „Moden-Spiegel“ 1928 über junge Mädchen. Das Heft lag einmal wöchentlich der Tageszeitung „Berliner Tageblatt“ bei. Es war eine progressive Zeitschrift – gerade weil es um Mode ging. Denn die war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Das zeigt die Ausstellung „Pailletten, Posen, Puderdosen“ in der Kunstbibliothek.

Präsentiert werden etwa 170 Modegrafiken der Zwanziger aus den Beständen der Lipperheideschen Kostümbibliothek. Zum neuen Lebensgefühl der berufstätigen, wahlberechtigten Frau gehörte, dass sie sich ihres Korsetts entledigte. Fließende Hängerkleidchen mit tiefer Taille umspielten sie. Auf der Straße begegnete man dem kokett-weiblichen „Girl“ oder der „Garçonne“, die sich mit Krawatte und gerade geschnittenen Herrenmänteln bewusst androgyn kleidete.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Berlin. In der aufstrebenden Metropole war die Bekleidungsindustrie ein boomendes Geschäft. Die Illustrationen waren Druckvorlagen für Zeitschriften. Dass es dabei um mehr ging, als der trendbewussten Leserin den neuesten Faltenwurf nahezulegen, zeigt ihr künstlerischer Anspruch. In den „Blättern für Wäsche, Kleider und Putz“ nimmt die Zeichnerin Lotte Wernekink den „Trotteurhüten aus Filz“ jegliche Materialität, löst die schwarz-weißen Kappen und stilisierten Frauenköpfe zu grafischen Flächen und schwungvollen Linien auf. Andere setzen ihre Modelle vor kubistisch anmutende Sonnenschirme und geometrische Raster. Sie gefrieren die Damen mit den schweren Augenlidern und überlangen Gliedmaßen zu dekorativen Ornamenten oder erzählen kleine Geschichten: Freundinnen-Grüppchen stehen mal am Bahnsteig, mal beim Croquet-Spiel oder an der Reling eines Ausflugsschiffs Schulter an Schulter. Es ist die mondäne Welt der Großstädterin.

Dazu gehörte, dass sie sich, früher undenkbar, in aller Öffentlichkeit schminkte. Der Bedarf an Fläschchen und Tiegelchen, die die Auto fahrende, sportliche Dame in der Handtasche verstauen konnte, wuchs. Neben den Modegrafiken sind deshalb rund 200 Puderdosen und Kosmetikaccessoires einer Berliner Privatsammlerin ausgestellt. Erschwinglich und handlich mussten sie sein, also wurden sie aus Karton gefertigt. Am Design wurde nicht gespart. Es spiegelt die künstlerischen Strömungen der Zeit wider. Klare Art-Deco-Muster liegen neben asiatischen Blumenranken, indische Tempeltänzerinnen neben Clownsgesichtern.

Kuratiert von Adelheid Rasche, der Leiterin der Lipperheideschen Kostümbibliothek, verzichtet die Ausstellung auf begleitende Texte. Das ist schade, gerade weil die wenigen einführenden Worte am Eingang betonen, wie sehr Mode und politische und gesellschaftliche Veränderungen Hand in Hand gingen. Gelungen dagegen ist die Wahl der elf Rubriken. Die Zeichnungen sind nicht nach Künstlern sortiert – einst renommiert, heute weitgehend vergessen –, sondern nach Tageszeiten und Anlässen. Das macht deutlich, wie sehr der öffentliche Auftritt bei aller Freizügigkeit der Etikette unterworfen war. Wie radikal der Abschied von alten Zöpfen war, zeigt das Bild „So wird der Bubikopf geschnitten“ (1925) von Lieselotte Friedlaender. Es zeigt eine Dame an einem Toilettentisch sitzend. Ein Friseur schneidet mit einer großen Schere eine dicke Strähne ihres wallenden schwarzen Haares auf Kinnlänge ab. Der Gesichtsausdruck der Frau ist im Spiegel zu erkennen: Sie reißt erschrocken Augen und Mund auf. Aber was sein muss, muss sein.

Kunstbibliothek, bis 9.8., Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, Katalog 19,95 €.

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