Museen : Und dann kommt Clara

Die kleinen Großen (3): Die Staatlichen Kunstsammlungen Schwerin sind berühmt für ihre Flamen

Michael Zajonz
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Nationalgalerie in Klein. Die Staatsgalerie Schwerin, erbaut 1882 von Hermann Willebrand. Foto: dpadpa-Zentralbild

Rund um Berlin gibt es Museen mit exquisiten Sammlungen, die kaum jemand kennt. Anlass für Kunstreisen in die Umgebung – zu den „kleinen Großen“. Zuletzt: das Lindenau-Museum Altenburg (Tsp. vom 16. 8.). Heute: ein Ausflug nach Schwerin.

Ein Eis geht immer“, versprechen die Stände einer bekannten Süßwarenfirma. Auch sonst setzt die Schweriner Bundesgartenschau unter dem Motto „Sieben Gärten mittendrin“ eher auf zu laute Töne. Mittendrin – ein dummes Wort. Denn mittendrin, am Alten Garten zwischen Schloss, Theater und Landtag, lockt kein Buga-Grün, sondern ein Bühnenmonster aus rostigem Stahl. Den Sommer über wird auf einem der schönsten Gründerzeitplätze Deutschlands das Musical „Sorbas“ gegeben, mit Gojko Mitic in der Titelrolle. Der Oberindianer der Defa tritt zum ersten Mal als Sänger auf.

Wer von all dem genug hat, braucht nur hinter die „Sorbas“-Kulissen zu schauen. Dort steht, zur Zeit fast vergessen, das Gebäude der Staatsgalerie Schwerin: ein Tempel der Kunst, eine kleine Akropolis für Cranach, Rubens, Barlach. Und vor allem: ein Ort der Stille.

Allzu viele Besucher schaffen es, trotz thematischer Sonderausstellungen zur Gartenschau, derzeit nicht in das bedeutendste Landesmuseum von Mecklenburg-Vorpommern. Die Herausforderung beginnt schon damit, den richtigen Eingang zu finden. Nicht die gewaltige, von steinernen Löwen bewachte Freitreppe, die hinauf zur Tempelfront mit ionischen Säulen zieht, führt zum Ziel. Hinein geht es – nicht nur da ähnelt der 1882 eingeweihte Schweriner Museumsbau der Alten Nationalgalerie in Berlin – durch die einstige Kutschenvorfahrt zu ebener Erde, rechts oder links. Man drückt schwere Türen auf – und steht vor zwei filigranen Wendeltreppen aus vergoldetem Gusseisen. Geradezu geht’s zur schönen Cafeteria. Der Aufstieg zur Kunst jedoch will verdient sein.

Aber er lohnt sich. Die Oberlichtsäle und Kabinette der Abteilung Alte Meister prunken in feinstem GründerzeitKlassizismus. Grüngraue, grauviolette oder graublaue Wände, Schablonenmalerei an den Decken, altrosafarbener Stuck. Kleine, vergitterte Schränkchen im Sockelbereich: die Urform der Klimaanlage, und noch immer faucht es aus ihnen angenehm kühl. Und vor allem, in den größeren Räumen, schlanke, fein ornamentierte, farbig gefasste Gusseisensäulen. Ein Kompendium industrieller Bauweisen. Andachtsräume für Bilder.

Auch wenn sich Mecklenburg schon immer mit dem Image des Verschlafenseins konfrontiert sah, bewiesen die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin früh ein waches Interesse in Kunstdingen. Herzog Christian Ludwig II. besaß Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur eine der bedeutendsten Sammlungen niederländischer und flämischer Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts, sondern ließ an sein Schweriner Residenzschloss – der Vorgängerbau des um 1850 errichteten Neorenaissance-Märchenschlosses – einen eigenen Galerieflügel anbauen. Des Herzogs Sammlung, erweitert durch seinen Sohn Erbprinz Friedrich, bildet das Rückgrat der Schweriner Bestände.

Berühmt ist Schwerin bis heute für seine Niederländer und Flamen. Jan Brueghel d.Ä. ist mit kristallklar leuchtenden Miniaturlandschaften vertreten. Neben seinen „Windmühlen“ von 1608 hängen Hendrik Avercamps aktionsreiche „Eislandschaft“ und eine brasilianische Landschaft des Exotikspezialisten Frans Post. Von Gerard ter Borch, dem Meister abgründiger Verkupplungsszenen, gibt es ein moralisch unbedenkliches, tief sympathisches Alterswerk: Ein Soldat, den Degen abgelegt, ist in seine Lektüre vertieft, als wäre die Welt die Fiktion, und nicht die Bilder, die wir uns von ihr machen.

Im ersten Oberlichtsaal dann Meisterwerke massenhaft: Frans Hals’ kleine kreisrunde Knabenbildnisse mit Weinglas und mit Flöte; Jan Lievens’ bärtiger „Alter Mann“ (auf dem Rahmen noch als Rembrandt bezeichnet); „Die Torwache“ von Carel Fabritius, wohl das berühmteste Schweriner Bild, dem vor Jahren eine ganze Sonderausstellung gewidmet war; Rubens’ gleich nach der Rückkehr aus Italien gemaltes „Lot und seine Töchter“ sowie Hendrick ter Brugghens monumentale, an Caravaggio erinnernde „Befreiung Petri“. Allein dieses Arrangement lohnt die Anreise aus Berlin.

Und dann kommt Clara. In Lebensgröße hat Jean-Baptiste Oudry, der Hofmaler Ludwigs XV., das durch Europa tourende Rhinozeros 1749 in der Menagerie von Versailles porträtiert. Als Krönung einer ganzen Serie landete „Jungfer Clara“ schon wenig später in Schwerin. Heute wird Oudrys Tierbildern der größte Museumssaal gewidmet. Im letzten Jahr ergab sich mit der großen Oudry-Ausstellung sogar eine gewisse Neuauflage der Claramanie des Rokokozeitalters. Man begreift es, sobald man dem psychologisch einfühlsam gemalten Dickhäuter gegenübersteht.

Auch die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts in Schwerin bietet Schwergewichte, etwa Caspar David Friedrichs kompromisslos trostlose „Winterlandschaft“ oder Lyonel Feiningers mit Spendenmitteln erworbene „Windmühle bei Usedom“. Nachkriegsmoderne und Gegenwart hingegen können in diesem schönen Haus nur angedeutet werden. Die im Frühjahr verabschiedete Museumsdirektorin Kornelia von Berswordt-Wallrabe engagierte sich vergeblich für den dringend benötigten Erweiterungsbau.

Statt zu klagen, schwelgt das Schweriner Museum derzeit lieber in Gartenträumen. Eine sehenswerte Ausstellung holländischer und flämischer Blumenstillleben bestückt man locker fast ganz aus eigenem Bestand. Dazu gehört Rachel Ruyschs hauchzarte Blütengirlande auf schwarzem Grund, gemalt in Amsterdam Anno 1683. Festliche Farben, die Essenz eines Gartens. Garantiert spektakelfrei.

Kunstsammlungen Schwerin, Alter Garten 3, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Erwachsene 8, ermäßigt 6 Euro.

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