Museum : Farben sollen sprechen

Alles neu: Das Berliner Bröhan-Museum setzt auf bunte Wände.

Michael Zajonz

Der Museumsdirektorin leuchten die Augen. Ingeborg Becker erinnert die Wandfarbe in den neugestalteten Räumen des Bröhan-Museums an das Johannisbeereis in den Kühltheken italienischer Eisdielen. Extravagant sehen sie aus, die kostbaren Möbel, Porzellane, Teppiche, Gläser, Silbersachen, die sie und ihre Mitarbeiter davor arrangiert haben, und der Cassis-Ton der Wände bringt die edlen Stücke so richtig zum Strahlen.

Nie in der Geschichte der Gebrauchskunst war der Sinn für sündhaften Luxus ausgeprägter als im Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre. Von Paris aus trat das Art Deco seinen Siegeszug an. Möbel, die die Welt bewegten. All das, findet die Kunsthistorikerin, komme mit der neuen Farbe besonders gut zur Geltung.

In den vergangenen Monaten hat das nach seinem Gründer und Stifter Karl H. Bröhan benannte Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus seine Dauerausstellung im Erdgeschoss nach über 20 Jahren neugestaltet – aus eigenen Kräften, bei laufendem Betrieb, mit sehr überschaubaren Mitteln. Herausgekommen ist ein kurzweiliger Rundgang durch die gehobene Raumkunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der die Atmosphäre großbürgerlicher Salons einfängt und Liebhaber wie Experten gleichermaßen begeistern dürfte.

Das 1981 aus der Privatsammlung des Stifters hervorgegangene Bröhan-Museum genießt international einen hervorragenden Ruf: für seine Sammlung zum französischen, deutschen und internationalen Art Nouveau und Art Deco; und für seine an historischen Interieurs orientierte Präsentation. In den letzten Jahren kamen jeweils um die 70 000 Besucher, darunter viele Touristen. Den Weg nach Charlottenburg, in die Sammlermuseen Bröhan und Berggruen, unternimmt man gezielt, seit die Nofretete von der gegenüberliegenden Straßenseite nach Mitte abgezogen worden ist.

Das Jugendstil- und Art Deco-Paradies des im Jahr 2000 verstorbenen Sammlers präsentiert sich nun, nach der Renovierung, wieder wie zu Gründungszeiten als ausgewogene Parallelerzählung: links vom Eingang vor cassisgetöntem Fond französische Raumkunst, vom Art Nouveau Hector Guimards, der mit seinen Pariser Metroeingängen Weltruhm erlangte, bis zu den Zwanzigerjahre-Ikonen des begnadeten Möbelkünstlers Jacques-Émile Ruhlmann. In der parallelen Raumflucht rechts werden die Erzeugnisse der deutschen Reformkunst vorgestellt. Designer wie Peter Behrens und Bruno Paul sind mit eichenholzwürzigen Geheimratsmöbeln aus den Jahren nach 1900 vertreten. Die wesentlich stärker als ihre französischen Kollegen an Industrieformen und Problemen der Standardisierung interessierten Deutschen präsentiert man übrigens vor hellgrauen Wänden. Sprechender könnte Wandfarbe kaum sein. Michael Zajonz

Bröhan-Museum, Schlossstraße 1a, Di-So 10-18 Uhr. Informationen unter: www.broehan-museum.de

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