Tomas Schmit : Scharren am Zaun

Ein Buch kann eine Ausstellung begleiten oder eine Ausstellung ein Buch. Und manchmal ist beides nicht voneinander zu trennen. Die Galerie Barbara Wien arbeitet das komplexe Werk von Tomas Schmit auf.

Katrin Wittneven

In der Galerie und Buchhandlung Barbara Wien hängen Zeichnungen von Tomas Schmit, seine Kataloge liegen aus, man kann in die produzierten CDs hineinhören, auf denen er eigene Texte liest, oder farbkopierte „Quagga“-Hefte durchblättern und stößt dabei auf gezeichnete Kostbarkeiten wie den „Tapir auf Papir“ und das „Ree als Seh“.

Anlass zur Ausstellung gibt das letzte Buchprojekt des 2006 verstorbenen Künstlers: „Dreizehn Montagsgespräche“. Der 1943 geborene Schmit hat sich 2005 über mehrere Monate hinweg mit Wilma Lukatsch, Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin bei Barbara Wien, getroffen und ihr von seiner Kindheit im Rheinland erzählt, seiner frühen Begeisterung für die Natur, den Begegnungen mit Nam June Paik, George Maciunas und Arthur Köpcke bis hin zu seinem künstlerischen Selbstverständnis, das er auf überaus sympathische Weise immer wieder heruntergeschraubt hat: „Ich sitze hier und mache Kunst und Schluss“, ist auf einer der Zeichnungen in der Galerie zu lesen.

Legendäre Ausstellungen, an denen Schmit beteiligt war, werden in den Gesprächen gestreift: in den Sechzigern und Achtzigern die Fluxusfestivals in Paris und Wiesbaden, 1977 die documenta 6 und 1984 „von hier aus“ in Düsseldorf. Doch wer glaubt, in dem Buch sicher an einem literarischen Geländer entlang durch ein Leben wandeln zu können, verliert schnell die Orientierung. In der Bearbeitung der transkribierten Gespräche verzichtet Schmit auf den üblichen Wandel von Wort- in Schriftsprache. Verdichtung und Verschiebung, die sonst selbstverständlich im Redigat von Interviews sind, fehlen ebenso wie wohlvertraute Worthülsen.

Wie bei dem Vorbild von Dieter Roths „Gesammelten Interviews“, zu denen Schmit ein Nachwort geschrieben hat, bleibt das gesprochene Wort pur und lebendig, ja man glaubt immer wieder den Künstler selbst zu hören. Diese ungewohnte Form macht einem das Lesen von A bis Z anfangs nicht leicht – doch nach einer kurzen Eingewöhnung zu einem ganz besonderen Vergnügen. Mit all ihren Wiederholungen und Sprüngen wird die Interviewsammlung selbst zum Sinnbild für Erinnerungen, die nämlich keineswegs systematisch gespeichert sind, sondern vielmehr lückenhaft, teils sogar widersprüchlich und einem spontan in den Sinn kommen.

Eine Auswahl von theoretischen Texten Schmits über Paik, Fluxus und Zeichnen ergänzt die Interviews, darunter eine Zusammenfassung seines 1989 veröffentlichten Buches „erster entwurf (einer zentralen ästhetik)“, eine wissenschaftlich anerkannte Einführung in die Gehirnforschung. Der „Evoluzzer“ Schmit bezeichnete seine stets von konkreten Beobachtungen ausgehende theoretische Arbeit dagegen gern lapidar als „Scharren am Zaun“. Und doch waren es immer wieder die gleichen Stellen, die ihn anzogen: Sprache, Logik, Wahrnehmung und Paradoxien gehörten zu seinen Lieblingsthemen.

„Sachen machen“ war immer besser als „Sachen erklären“. Und so verweben sich in einzigartiger Weise der Künstler, sein Werk und das jetzt erschienene Buch zu einem Gesamtkunstwerk. Wobei das Wort Schmit nicht besonders gefallen hätte. Er pflegte es eher so zu sagen: „bücher, inseln, tintenfische und das glück besteht aus zipfeln“.

Barbara Wien, Linienstr. 158; bis 20.8. Di-Fr 13-18 Uhr, Sa 12-18 Uhr (Sommerpause: 29.7.-4.8.). Die „Dreizehn Montagsgespräche“ sind im Wiens Verlag erschienen und kosten 39,80 Euro.

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