Wehrmachtsjustiz : Der Apparat und der Soldat

Eine Berliner Schau über die deutsche Militärjustiz.

Thomas Lackmann

Berlin Junge Gesichter. Matrosen mit schmucker Mütze. Jünglinge mit pflichtbewusstem Blick. Lächelnde Fräuleins. Draufgänger mit virilen Wangenknochen. Die Ernste mit dunklen Locken, der Intellektuelle mit runder Brille, der Pathetische mit Schnäuzer. Die Fotos neben biografischen Texten und Abschiedsbriefzitaten bilden das emotionale Zentrum einer Ausstellung, die sich mit der Wehrmachtsjustiz im Zweiten Weltkrieg befasst. Soldaten und Zivilisten aus Deutschland und dem deutsch besetzten Europa: einfache, grüblerische oder idealistische Personen, lebenshungrig oder patriotisch.

Einige kehren vom Heimaturlaub nicht zurück. Andere verüben Anschläge. Einer geht früher als beurlaubt zum Zahnarzt. Manche ecken oft an, erhalten Disziplinarstrafen, denen sie sich durch Flucht entziehen. Sorge um die Familie, Heimweh: Manche fliehen nach Hause. Etliche werden denunziert, weil sie Hitler-Gegner loben oder Führers Konterfei aus der Offiziersmesse entfernen. 14 verschiedenste Personen, verbunden durch das von deutschen Militärrichtern verhängte Todesurteil. Abweichler, die der Apparat eliminiert.

Die Stiftung „Denkmal für Europas ermordete Juden“ schickt – gemäß ihrem Auftrag, alle Opfergruppen zu würdigen – eine Wanderausstellung zur Militärjustiz auf den Weg. „Was damals Recht war …“ gastiert in der Berliner St. Johannes-Evangelist-Kirche, gegenüber vom Tacheles. Den beliebigen Ort und die Baukasten-Ästhetik vergisst der Besucher beim Anblick bewegender „Fallgeschichten“, die durch historische InfoFelder ergänzt werden. Die Karte von Richtstätten und 15 Lagern der Reichsjustizverwaltung erinnert den Berliner Besucher auch daran, dass es ein abseits gelegenes „Denkzeichen“ am Wehrmachtserschießungsplatz Murellenberg gibt, während toten Bundeswehrsoldaten demnächst nahe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand ein Ehrenmal errichtet wird.

Obwohl die Ausstellung die Nachkriegs-Karrieren einiger Militärjuristen und die langwierige Rehabilitation von Verurteilten dokumentiert und auf jenen Bundeswehr-Offizier verweist, der den Irakkrieg nicht am Computer unterstützen wollte, spitzt sie ihre Aktualität nur äußerst zaghaft zu. Den Zweiten Weltkrieg haben seinerzeit Deutsche (19 600 Militärjustizhinrichtungen) und Japaner (22 600) verloren, USA (146) und UdSSR (150 000) waren die guten Sieger. Dennoch ist der Beweis, dass Armeen ohne Verrat am Rechtsstaat totalitäre und terroristische Gegner besiegen können, damit nicht endgültig erbracht.

Die Gewissens-Utopie der Bundeswehr („Innere Führung“) scheitert auch am Filbinger/Oettinger-Syndrom systemkompatibler Anschmiegsamkeit; die Wanderschau präsentiert Tragödien zwischen Ich-Stärke und corporate identity. Wie viel Abweichung verträgt ein Apparat?

St. Johannes-Evangelist-Kirche, Auguststr. 90, bis 1. August. Di bis Do und So von 12 – 19 Uhr; Fr/Sa von 12 – 21 Uhr.

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