White Square Gallery : Nadelstiche

Wenn sich im umtriebigen Berliner Galerientableau eine neue Adresse schnell herumspricht, muss sich schon etwas dahinter verbergen: Junge indische Kunst in der White Square Gallery

Thea Herold

Beim Galeristentrio der White Square Gallery – Xenia Litvin, Elena Sadykova und Dieter Reitz – ist es eine ambitionierte internationale Zielstellung: Sie wollen mithilfe junger Kuratoren ihren Beitrag zur aktuellen Kunstdebatte liefern. Wie man sich das vorstellen kann, wird schon in ihrer zweiten Galerieausstellung sichtbar: profunde Auswahl, frische, unbekannte Positionen, professionell in der Präsentation.

Kooperationspartnerin für die aktuelle Ausstellung „roots“ ist die indische Kuratorin Sandra Khare. Sie lud junge Protagonisten aus Mumbai und Delhi sowie aus verschiedenen Provinzen zur ersten Vorstellung nach Berlin. Geboren in den siebziger und achtziger Jahren, sind die beteiligten Künstlerinnen und Künstler längst geprägt und eingebunden in das globale Medienzeitalter und überwiegend auf dem Parkett des internationalen Kunstbetriebes angekommen.

Shruti Mahajan zum Beispiel ist derzeit für ein halbes Jahr zu Gast in der Kunststiftung Nordrhein-Westfalens. Was sie jetzt ausstellt, stammt allerdings noch aus ihrem indischen Atelier. Eigenwillige Tuschearbeiten auf Papier (je 500 Euro) widmet sie einem praktischen Detail des Alltagslebens: der Sicherheitsnadel. „Ich behandle in meinen Arbeiten gern solche Dinge. Obwohl man sie braucht, übersieht man sie gern.“

Unübersehbar ist nun, wie sie allein mit ihrer konzentrierten Achtsamkeit beim Zeichnen den kleinen Alltagsbegleitern Atem einhaucht und ein Eigenleben gibt. Für Shruti sind diese ganz unprätentiösen Studien so etwas wie gezeichnete Haikus. Kleine poetische Übungen, mit denen sie „die inneren Geschichten des Nebensächlichen erspüren will. Wir alle leben heute sehr intensiv, sehr vieles findet gleichzeitig statt, während wir in großer Geschwindigkeit nebeneinander leben. In meiner Kunst versuche ich genau das Gegenteil: die Dinge, die wir bestenfalls am Rande wahrnehmen, sichtbar werden zu lassen“.

Auch die Künstlerin Nekshan Dabu entwirft mit ihren Fotoserien und Aktionen subjektive Panoramen und Statements wie bei „I am an artist and this is art“ (2500 Euro). Ganz packen den Betrachter die abstrakten und reduzierten Kohlezeichnungen, die opulenten Objekte und fantastischen Buchinstallationen von Ritesh Meshram. Überrascht fädelt sich der Blick durch die langen seriellen Transparentpapierzeichnungen von Bidyut Singha. Und irritiert bleibt man stecken im kleinen Kosmos der drastischen Kohlezeichnungen von Arun Peje.

Wahrscheinlich geht die Zeit langsam vorbei, in der aktuelle indische Kunst vorwiegend innerhalb des Landes oder im Ausland weitgehend von indischen Sammlern gekauft wurde. Allerdings anders, als es sich ein Frank Cohen oder Charles Saatchi dachten, die mithilfe ihrer Überblicksausstellungen zeitgenössischer indischer Künstler auch gleich den Import und Export jener Arbeiten übernahmen. Mittlerweile sind die indischen Künstler und Kuratoren selbst unterwegs. Sie bringen ihre eigene Perspektive mit. Jenseits von Dekor, Folklore und heiligen Kühen haben sie längst die einst vorherrschenden traditionellen, oft religiös geprägten Erkennungsmerkmale für indische Kunst hinter sich gelassen. Ihre nationalen Wurzeln tragen sie ohnehin in sich, meinen sie selbstbewusster denn je.

Bleibt zu hoffen, das sich die subjektiven sensuellen Fragestellungen, ihre subtilen indischen Injektionen ins oft allzu wohlgefällige Ego der Kunstwelt nicht allzu schnell im Mainstream auflösen.

White Square Gallery, Mauerstr. 83/84; bis 13.3., Di–Sa 12–18 Uhr. Anschließend ist die Ausstellung noch vom 18.3.–15.4. in der indischen Botschaft zu sehen.

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