"Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater : Auch Dialektiker wollen Sex

Deutsches Theater: Sebastian Hartmann entgeht in "Berlin Alexanderplatz" der Milieukitsch-Falle. Den Zugriff auf das Stück kennt man schon von einem Tolstoi-Klassiker.

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Andreas Doehler als Franz Biberkopf.
Andreas Doehler als Franz Biberkopf.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Sie sind hochtoxischer Stoff: lokalspezifische Geschichten fürs Theater. Zumindest dann, wenn Freunde der intellektuellen Globalisierung im Publikum sitzen. Wie viele Abende mit Berlin-Bezug man im Laufe seiner Zuschauerkarriere zum Beispiel schon in hanebüchenem Milieu- Kitsch oder in „Kleene Leute janzjroß“Folklore versinken sah, möchte man ja wirklich nicht zählen.

Wenn es einen Roman gibt, der für solche Inszenierungs-Missverständnisse gleich mehrere Steilvorlagen bietet, dann ist das sicherlich Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. 1929 erschienen, erzählt der üppige Fünfhundertseiter bekanntlich nicht nur die Geschichte des ehemaligen Transportarbeiters Franz Biberkopf, der – nachdem er wegen eines Tötungsdeliktes mehrere Jahre eingesessen hatte – zu Romanbeginn aus dem Gefängnis entlassen wird und beschließt, fortan „anständig“ zu sein. Sondern vor allem wird bei Döblin – in damals revolutionärer Montagetechnik – die Stadt selbst zur Protagonistin: Man springt gewissermaßen von Kellerwohnung zu Zuhälterkaschemme, von Hinterhof zu halbseidenem Tanzlokal. Das Ganze sieht dabei auf der Bühne meist weniger nach Berlin aus als vielmehr danach, wie man sich Berlin möglicherweise mal in Bielefeld vorgestellt hatte, ungefähr vor zehn Jahren.

Tatsächlich ist der Roman in der jüngeren Vergangenheit von nahezu jeder großen Berliner Bühne adaptiert worden; zuletzt – mit „echten“ Ex- oder Noch-Gefängnisinsassen – 2009 von Volker Lösch an der Berliner Schaubühne. Ein Versuch, der (wie die meisten) hinter Frank Castorfs Bespielung des leer stehenden Palastes der Republik mit dem Döblin-Stoff anno 2005 zurückblieb.

Kein illustratives Hinterherklappern - und auch kein Materialsteinbruch

Jetzt wagt sich der (theaterbiografisch übrigens stark Castorf-geprägte) Regisseur Sebastian Hartmann im Deutschen Theater Berlin an die Biberkopf-Geschichte. Und umschifft dabei nicht nur die naturalistische Milieukitschgefahr, sondern findet überhaupt eine sehr eigene Form der Roman-Dramatisierung.

Wird normalerweise auf der Bühne entweder illustrativ dem Stoff hinterhergeklappert oder aber – die wesentlich interessantere Variante – selbiger aufgesprengt und als eine Art Materialsteinbruch zur Diskursanlagerung verstanden, konzentriert sich Hartmann dezidiert auf einzelne Motive. Er folgt dabei weder linear dem Plot noch „dekonstruiert“ er ihn im Castorf’schen Sinne, sondern schält zum Beispiel aus Döblins Assoziationsüberangebot die Passionsgeschichte heraus, die biblischen Anspielungen. Oder auch die Krankheit zum Tode – womit wir dann gleichsam beim vollumfassenden Programm wären, das potenziell eben so zwischen Geburt und Ableben passt.

In diesem Sinne kann man den weiten Bühnenraum, den Hartmann selbst kreiert und mit mehreren fahrbaren Neonröhren-Wänden ausgestattet hat, sicher als eine Art Kathedrale verstehen, zumal die Röhren sich – wenn sie nicht gerade offensiv das Publikum blenden – gern mal zu einem signalroten Kreuz zusammenleuchten. Muss man allerdings auch nicht; wie das meiste an diesem sehr assoziationsfreudigen und interpretationsoffenen Abend, an dem es dann natürlich konsequenterweise auch nicht den Franz Biberkopf oder die Mieze gibt, sondern eher existenzielle (Paar-) Konstellationen.

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13.08.2013 21:52Kaum wiederzuerkennen: So sah der Alexanderplatz 1784 aus.

Andreas Döhler zum Beispiel macht gleich zu Beginn aus dem frisch Knast- Entlassenen einen ziemlich grandiosen Dialektiker mit anstandswillig verhuschtem Sexualtrieb, wenn er bei Minna auftaucht, der Schwester jener Frau, die er aus Eifersucht getötet hatte. Katrin Wichmann – als Minna ihrerseits einer Kiste entstiegen – lässt sich, bevor sie in selbige zurückkehrt, von Döhler kongenial in die komischste Sexanbahnungsszene verwickeln, die man am Deutschen Theater seit Langem zu sehen bekam: eine Art rührend unterspannten und dabei ziemlich komplexen Gelegenheitsbeischlaf, bei dem zumindest Minna die wirklich wichtigen Dinge des Lebens stets im Auge behält. Zum Beispiel, ob der Kaffee schon kocht.

Später an diesem insgesamt viereinhalbstündigen Abend (inklusive zweier Pausen), an dem die DT-Schauspieler überhaupt mehrheitlich zur Bestform auflaufen, kommt mit Felix Goeser eine andere Biberkopf-Variante ins Spiel. Typus: Romantiker mit schwer kontrollierbarer Aggressionsumtriebigkeit. Und mit Wiebke Mollenhauers sehr präzise zu Übertretungsintensität neigender Mieze eine andere Facette neben Wichmanns irgendwie urtypisch berlinischer Pragmatikerin mit gleichzeitig höchst ausgeprägter Empathiefähigkeit.

Der Abend lässt Pathos zu statt es komfortabel zu brechen

Apropos berlintypisch: Gesprochen wir hier tatsächlich Dialekt. Allerdings im deutlich ausgestellten Bewusstsein, dass das nicht bei allen Akteuren waschecht klingt – was zumindest in den gelungensten Momenten als Verfremdungseffekt zur Entlokalkoloritisierung des Abends beiträgt. Die zweite – und wesentliche – Abstraktionsmethode sind die Videoanimationen von Tilo Baumgärtel: Zeichnungen von Schlachthöfen, Bordellen, Kaschemmen, die irgendwo zwischen „Metropolis“ und Vegard Vinge in Schwarzweiß angesiedelt sind und riesig auf die Bühnenwände projiziert werden.

In seinem Zugriff erinnert „Berlin Alexanderplatz“ an die Tolstoi-Roman-Adaption „Krieg und Frieden“ vom Schauspiel Leipzig, mit der Sebastian Hartmann vor drei Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Auch dort hatte er die Erzählchronologie zugunsten tiefer liegender Motivschichten aufgelöst. Wobei Tolstois grandioser Wälzer allerdings historisch wie ideengeschichtlich noch mal wesentlich weitere Bögen spannt als Döblin. Das merkt man dem Abend auch an. Andererseits gibt es in „Berlin Alexanderplatz“ vergleichsweise viele Szenen, die versuchen, neben der per se immer wirkungssichereren Komik ein gewisses Pathos zuzulassen statt sich mit einer Brechung komfortabel herauszukatapultieren. Das geht zwar nicht immer gut, ist aber – zumal es verständlicherweise von den meisten Regisseuren vorsichtshalber vermieden wird – die wesentlich schwierigere Übung und so gesehen, auch vom Gesamtresultat her betrachtet, durchaus bemerkenswert.

Wieder am 16. und 22. Mai, 18 Uhr

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