Berlinale : Beton gab's genug

Rollbrettfahrer, so nannten sich die Skater in der DDR. Die Doku-Fiction „This Ain’t California“ in der Perspektive-Reihe erinnert an diese Subkultur.

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Rollbrettfahrer auf dem Alexanderplatz, irgendwann in den achtziger Jahren. Angesichts wachsender Popularität des zunächst als West-Mode geächteten Sports wurden auch in der DDR Skateboards produziert – seltsamerweise im VEB Schokoladenverarbeitung Wernigerode.
Rollbrettfahrer auf dem Alexanderplatz, irgendwann in den achtziger Jahren. Angesichts wachsender Popularität des zunächst als...Foto: Wildfremd Production

Das Anliegen der Skater

ist universal verständlich:

Schweben und Entschweben

Die alte Clique trifft sich

auf einer Beerdigung wieder –

und sammelt Geschichten

Bretter, die die Welt bedeuten, darum geht es. Nicht um das Theater als Welteroberung, sondern um die Straße und Skateboards. Diese Bretter, auf denen Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Junggebliebene das grenzenlose Gleiten suchen. Skater sind Augenblicksverkünder, Apostel des Hier und Jetzt, des Sprungs, des Tanzes auf Asphalt. Es gibt jede Menge Spiel- und Dokumentarfilme über Skater, und auf Youtube gibt es zehntausende Beweise, dass Skater kein Hindernis akzeptieren, auch wenn dabei Blut fließt und Knochen brechen.

Wozu also braucht es einen Film wie „This ain’t California“? Denkt man an Skater und Skateboards, denkt man zunächst an Kalifornien, an den American way of life, an lässige Typen in lässigen Klamotten, an den Westen. An die DDR und ihren muffig-totalitären Sozialismus denkt man dabei eher nicht.

Hier setzt Regisseur Marten Persiel an, hier wird sein erster langer Dokumentarfilm spannend und spannungsvoll. Er erkundet die Skater-Szene in der DDR, erzählt vom Alexanderplatz und den herrlich verrückten Typen, die in den achtziger Jahren mit selbstgebauten Brettern der Gravitation des Sozialismus, seinen Heldenbildern und seinem Trimm- und Leistungskult entfliehen. Was die Ost-Skater wollten? Das, was alle Skater wollen, das zweckfreie, ziellose, nur sich selbst meinende Spiel. Klar, das muss in der DDR, in der der Staat das Kollektiv propagierte, eine Konfliktgeschichte sein. Im Mittelpunkt des Films steht, fährt, skatet ein Abwesender. Denis war einer jener bunten Vögel. Der Vater drillte den 1970 geborenen Jungen humorlos zum Leistungsschwimmer, Olympia war das Ziel, Monotonie der Preis. Tag für Tag, Bahn um Bahn. Dann bricht Denis aus, geht nach Berlin, wird Skater, findet gleichgesinnte Freunde, lebt rauschhaft, augenblicksversessen, ziellos, mitunter aggressiv. Sein Spitzname: „Panik“.

Nach der Wende verliert sich seine Spur, der Freundeskreis zerbricht, Zeit, erwachsen zu werden. Die letzte Nachricht: Denis, der sich inzwischen als Bundeswehrsoldat verpflichtet hat, stirbt 2011 in Afghanistan. Von diesem Punkt aus rekonstruiert der Film mit dokumentarischen Mittel das Leben von „Panik“, seinen Freundeskreis und die Skater-Szene am Alexanderplatz. Von Denis’ Tod wieder zusammengebracht, versammelt sich die alte Skaterclique nach der Beerdigung am Lagerfeuer, trinkt Bier und sammelt Geschichten, legendäre Denis-Geschichten.

Wie vergegenwärtigt man dieses Leben, wie dokumentiert man eine verschwundene Subkultur in einem verschwundenen Land? „This ain’t California!“ ist kein puristischer Dokumentarfilm, er ist, wie das Skaten selbst, eine bunte Mischung aus Rhythmen und Materialien, Blickwinkeln, Perspektiven und poetischen Animationen. Der WestBerliner Michael Schöbel und der Ost-Berliner Ronald Vietz haben ihre Produktionsfirma Wildfremd mit dem Ziel gegründet, den Film zu realisieren. Sie fanden Persiel und machten sich an die Recherche.

Über Aufrufe in diversen Medien kamen sie an eine Fülle von seltenem Film- und Fotomaterial, private Super-8-Filme stehen neben Aufnahmen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv und Stasi-Filmen, sie fanden Veteranen der Skaterszene – und stießen auch auf ihre Gegner. Ein Stasi-Mitarbeiter, der mit der Beobachtung der Skater beauftragt war, gesteht: „Sie waren schwer einzuordnen, denn sie waren ja keine subversiven Elemente.“ Wie ein Protagonist sich erinnert: „Auf sowas wie Skaten kommen Kinder von ganz alleine. Beton genug gab’s ja bei uns. Mit Amerika hatte das nichts zu tun.“

Dennoch versuchte der Staat, sie in Betriebssportgemeinschaften und den „Deutschen Rollsportverband“ zu integrieren. Doch diese Zwangsbeglückung ging auf die Dauer schief, ebenso wie die Produktion des ersten und einzigen in der DDR gefertigten Skateboards. Das windschiefe Brett hieß „Germina Speeder“, wurde seltsamerweise von der VEB Schokoladenverarbeitung in Wernigerode hergestellt und bewies nur, dass seine Konstrukteure keine Ahnung vom Skaten hatten. Eine Sperrholz-Lachnummer!

Die DDR-Funktionäre hätten die Skater gerne als brave Aushängeschilder benutzt, doch die ließen sich von der Propaganda nicht vereinnahmen und orientierten sich lieber gen Westen, suchten den Kontakt zur West-Berliner und tschechoslowakischen Szene. Der Film macht den Antagonismus zwischen staatlicher Forderung und Formierung und jugendlicher Rebellion und Individualisierung anschaulich. Die gezirkelten, unfreien Massenbewegungen bei Sport- und Parteifesten werden mit dem stadtschlingernden Ritt auf dem Brett kontrastiert. Wer diese Bilder sieht und nicht sofort auf ein Brett steigen will, ist vermutlich nie jung gewesen oder hat keine Sehnsucht mehr nach jugendlicher Unbekümmertheit.

Da gelingen dem Film sehr flüssige und einleuchtende Montagen, die viel über das Lebensgefühl der Szene und ihren Freiheitswillen verraten, der erst einmal gar nicht politisch definiert ist, sondern von der Körpermotorik und Ich-Wahrnehmung befeuert wird. Hier liegt auch der universalistische Gültigkeit dieses Sports, dessen Anliegen jeder versteht: Schweben und Entschweben, ins Glück gleiten, den Augenblick reiten. DJ Laser, der mit drei Skatern, auch mit Denis, durch die Discos der DDR tourte, drückt es im Interview so aus: „Wir wollten einmal in die Unendlichkeit gucken.“

Mit der Musik von Alphaville, Anne Clark, Trentemoeller, Picturebooks und den Ärzten wird der Film zu einem hinreißenden Rück- und Einblick in ein Gestern, das viel über jugendliche Lebenswelten in der DDR erzählt. Marten Persiel verrät sein Material nie, weil über der Authentizität des Einzelbildes die Wahrhaftigkeit des Gesamtbildes steht. Die perfekte Verknüpfung von Dok- und Spielszenen, von historischen und rekonstruierten Bildern steht im Dienst der Geschichte. Schön, berührend, mitreißend. Wer steigt noch mal aufs Brett?

12.2., 19.30 Uhr (Cinemaxx 3), 13.2., 13 Uhr (Colosseum), 13.2., 20.30 Uhr (Cinemaxx 1)

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