Kultur : Bibliomanie

Alberto Manguel stellt in Berlin sein neues Buch vor

Olga Martynova

Die Bibliothek als Macht, als Form, als Zufall, als Werkstatt, als Verstand, als Insel, als Vergessen, als Fantasie, als Identität, als Zuhause. Der Leser ahnt wohl, worum es in den entsprechenden Kapiteln des Buches von Alberto Manguel geht. „Bibliothek als Schatten“ spricht von Büchern, die in einer Bibliothek fehlen.

„Bibliothek als Werkstatt“ enthält unter anderem eine kostbare Beschreibung der Wohnung von Jorge Luis Borges in Buenos Aires, nicht nur seiner Bücher, sondern auch des Flurs und der Zimmer, der Bilder und Fotos an der Wand. Borges, selbst Bibliothekar,war der Erfinder des modernen Bibliothekenmythos. Und Alberto Manguel, der 1998 mit seinem bei Volk & Welt erschienenen Band „Eine Geschichte des Lesens“ in Deutschland bekannt wurde, hatte das Glück, als junger Mann Borges’ Vorleser zu sein.

Auch öffentliche Büchereien ziehen sein Interesse an. Ihr Urbild ist die Bibliothek von Alexandria. Manguel selbst lässt an die Gelehrten von Alexandria denken, auch er verbringt seine Tage mit Lesen und dem Katalogisieren des Gelesenen: Seine Schriften sind Sammlungen vieler wunderbarer Geschichten aus vielen wunderbaren Büchern: über grandiose chinesische Manuskriptlager in den Berggrotten an der östlichen Seidenstraße; über Erzbischof Juan de Zumárraga, der im 16. Jahrhundert als Oberhaupt der mexikanischen Inquisition die aztekischen Schriften fast vollständig vernichten und die erste Druckerpresse in die Neue Welt bringen ließ.

Einige Schauergeschichten über den Verlust wertvoller Dokumente, die auf neuen elektronischen Datenträgern gespeichert waren, zeigen, dass diese viel weniger sichere Archive als Papierbücher sind. Gespalten ist auch Manguels Meinung zum Internet: „Gestaltlos wie Wasser, zu groß, als dass ein Sterblicher es wahrnehmen könnte, lädt das Web uns ein, das nicht zu Bewältigende mit dem Unendlichen zu verwechseln.“ Man kann sich aber auch sehr gut vorstellen, dass Jorge Luis Borges von der Entwicklung des Internets begeistert gewesen wäre. War er doch bereit, die ganze Welt als eine gigantische Bibliothek darzustellen, wie Manguel es in seiner Zusammenfassung von Borges’ Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ formuliert: „Die Weltenzyklopädie, die Universalbibliothek, existiert und ist nichts anderes als die Welt selbst.“ Olga Martynova

Alberto Manguel: Die Bibliothek bei Nacht. S. Fischer, Frankfurt am Main, 400 S., 19,90 €. Der Autor stellt sein Buch heute um 19. 30 Uhr in der Staatsbibliothek Unter den Linden vor. Die deutsche Übersetzung liest Christian Brückner.

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