Christoph Peters : Schöner schweigen lernen

Christoph Peters schlägt in seinem Roman „Herr Yamahiro liebt Kartoffeln“ einen Bogen zwischen Japan und Deutschland. Am Sonntag stellt er das Buch in Berlin vor.

von
Interkultureller Ironiker. Der in Berlin lebende Erzähler Christoph Peters.
Interkultureller Ironiker. Der in Berlin lebende Erzähler Christoph Peters.Foto: Peter von Felbert/Luchterhand

Ganz gleich, an welcher Stelle man anfängt – immer ist vorher schon viel passiert.“ So einfach, so schwierig ist der Prozess des Erzählens: Wie verbindet man das Vorher mit dem Nachher? Wie verknüpft man unterschiedliche Zeitebenen? Und wie strukturiert man den Stoff? Der Erzähler in Christoph Peters’ Roman „Herr Yamahiro liebt Kartoffeln“ bietet ab und an Dialoge mit dem Leser an. Denn so lässt es sich spielen mit Erwartungen und Hoffnungen. Peters erzählt anfangs eine kleine Geschichte aus dem Jahr 1979, angesiedelt in Japan. Das Ganze klingt ein wenig altertümlich und fremd, doch irgendwie auch stimmig und rund. Und dann heißt es: „Natürlich passieren nie Dinge auf diese Weise in der gewöhnlichen Welt.“ Schnitt auf die Welt der Fiktion und die Macht des allwissenden Erzählers, der nun ein kunstvolles Schachtelsystem aus Vor- und Rückblenden entwickelt.

Kenner und Liebhaber von Peters’ 2009 erschienenem Roman „Mitsukos Restaurant“ freuen sich vielleicht, dass es im neuen Buch auch wieder um japanische Spezialitäten geht. Dort war es die Ess-Kultur, hier geht es um die hohe Kunst der Keramikherstellung. Ein Kritiker hat dem Autor kürzlich bescheinigt, dass er sich exotischen Themen nähern kann, ohne in „Ethnokitsch“ oder „interkulturelle Einfühlungsekstasen abzurutschen“. Dem kann man sich nur anschließen: Da schaut sich einer selbstironisch beim Entdecken anderer Kulturen zu. Christoph Peters kann nicht nur spannend erzählen, er verfügt auch über die Gabe der subtilen Reflexion bei der Schilderung des Zusammenpralls unterschiedlicher Kulturen.

Christoph Peters erklärt einen japanischen Holzbrennofen

„Können Europäer unsere japanische Herangehensweise überhaupt begreifen?“ Das ist die Kernfrage des Buches. Dazu muss man erst einmal Grundlegendes über den japanischen Holzbrennofen vom Typ Anagama lernen. Dabei entstehen die Farben auf den Keramiken allein durch das Brennen, Glasuren werden nicht aufgetragen. So ein Ofen muss Temperaturen von rund 1300 Grad aushalten können, geheizt wird er nur mit Kiefern- oder Buchenholz. „Drei Dinge sind wichtig: Erstens die Form des Ofens, zweitens muss das Feuer am Brennplatz sich gut entwickeln können und drittens muss bei der Feuerung ein guter Zug entstehen.“ Für das Brennen des Tons gibt es seit Jahrhunderten überlieferte Regeln.

Sie beruhen auf den Erfahrungen japanischer Keramiker bei der Herstellung künstlerischer Gefäße, speziell für die Teezeremonie. Kann man so einen Ofen in Deutschland aufstellen? Man kann, meint Ernst Liesgang, der von Zen und Buddhismus angehauchte Hauptprotagonist des Buches. 1985 ist er nach Japan gereist, um von einem Meister die Geheimnisse des Holzbrands zu lernen. Es ist eine streng reglementierte Lehrzeit, deren Eckpfeiler „Schweigen und Nachahmung“ sind. Allmählich begreift Liesgang, welche ungeheure Verantwortung ein japanischer Keramik-Künstler bei der Herstellung von Trinkgefäßen fühlt. Er will die Mühsal des Lebens ausgleichen: „Wenn einer sich nun hinsetzt, um auszuruhen und einen Tee zu trinken, dann sollten wir dafür sorgen, dass er in dem Moment, wo er den Becher in die Hand nimmt, ein kleines Gefühl der Erleichterung verspürt. Etwa wie eine freudige Überraschung.“

Nach dem Ende der Lehrzeit gelingt es Liesgang, den berühmten Ofensetzer Yamashiro für den Kulturtransfer zu gewinnen: der Errichtung eines Anagama-Ofens in der Holsteinischen Schweiz. Der Meister macht sich, trotz seiner 72 Jahre, Ende der Achtziger auf den Weg nach Deutschland. Die Umsetzung dieses Projekts bildet die Haupthandlung dieser luftigen und witzigen Parodie auf den deutsch-japanischen Kulturaustausch. Dazu gehört auch, dass der Ofensetzer allmählich seine Vorliebe für deutsches Essen entdeckt – und schließlich Mettbrötchen viel attraktiver findet als eingelegtes japanisches Gemüse und sorgfältig frittierten Fisch.

Christoph Peters: Herr Yamahiro bevorzugt Kartoffeln. Roman. Luchterhand, München 2014. 224 S., 18,99 Euro. – Buchpremiere heute Sonntag, 25. 5., um 20 Uhr in der Kulturbrauerei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar