Albertine Sarrazins „Der Astragal“ : Die Poesie der Bordsteinschwalbe

Auch 50 Jahre nach der Romanveröffentlichung von Albertine Sarrazins „Der Astragal“ haben Stoff und Erzählweise nichts an Verve eingebüßt, wie die Comic-Adaption von Anne-Caroline Pandolfo und Terkel Risbjerg eindrucksvoll belegt.

Marie Schröer
Sehnsucht nach Leben: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Sehnsucht nach Leben: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Schreiber & Leser

Die Ouvertüre: Ein Splash-Panel voller schwarzer Schwalben auf Seite eins. Drei horizontale Panels mit weiteren Tusche-Vögeln auf Seite zwei. Seite drei: Noch mehr Schwalben mit ausgebreiteten Schwingen, mittendrin ein Mädchen. Auch sie breitet die Arme aus und balanciert auf einem schwarzen Massiv: Ob Mauer, Dach oder Abgrund, lässt sich nicht bestimmen. Im Hintergrund warnt eine dicke Frau aus dürren Strichen: „Pass auf, Anne! Du wirst dir noch die Beine brechen.“

Anne scheint das nicht zu kümmern. Nicht nur Position und Pose markieren ihre Zugehörigkeit zur luftigen Sphäre der Schwalben. Verbindend ist auch das massige Schwarz, das Tiere und Mädchen ausfüllt, während die Schwerkraft von Frau und Wäscheleine mit dünnem Pinselstrich bedeutungslos gemacht wird.

„Engel mit gebrochenen Flügeln“

Der Prolog von Caroline Pandolfos und Terkel Risbjergs Comic-Adaption „Der Astragal“ antizipiert inhaltliche und stilistische Leitmotive der Erzählung: Dem Drahtseilakt ihres prekären Lebens begegnet Anne mit unverdrossenem (Über-)Mut. Sie fällt und steht wieder auf, immer angetrieben von der Sehnsucht nach Freiheit.

Fataler Sprung in die Freiheit: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Fataler Sprung in die Freiheit: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Schreiber & Leser

Der Auftakt ist auch programmatisch für die eigentliche Handlung, die schnell erzählt ist: Aus der kleinen Anne des  Prologs wird eine junge Frau, die den schmerzhaften Weg durch ein Fenster in Kauf nimmt, um der ungeliebten Erziehungsanstalt zu entkommen. Und ja, sie bricht sich das Bein – genauer gesagt, das Sprungbein, den titelgebenden Astragal. Kaum in der Freiheit, schon wieder abhängig, wird sie von einem jungen Mann aufgelesen und -gepäppelt. Zunächst noch entschlossen, ihre ehemalige Mitinsassin und Geliebte Rolande zu suchen, findet sie schon bald in der Beziehung zu ihrem Retter Julien Halt. In diversen Verstecken wartet sie auf ihn, dessen undurchsichtige Geschäfte die Diskretion ihrer Gastgeber und die nötige ärztliche Versorgung erkaufen. Halbwegs genesen, arbeitet Anne in Paris als Prostituierte, bemüht sich aber mental Abstand zu wahren: „Später werde ich natürlich andere 'Geschäfte' machen, große, herrliche“.  

Im Ton ähnelt „Der Astragal“ Irmgard Keuns „kunstseidenem Mädchen“ von 1932: Beide Romane werden von Frauenfiguren getragen, deren Charisma in Kontrasten begründet ist: Poetische Straßengören, emanzipierte Dirnen, majestätische Kindfrauen, „Engel mit gebrochenen Flügeln“ (so Patti Smith in ihrem Nachwort über „Der Astragal“). Mit reduziert-melancholischer Bildsprache und Orientierung am Originaltext gelingt es der Comic-Adaption, die Aura der Vorlage einzufangen: Hoffnungen und Niederlagen spiegeln sich im facettenreichen Schwarz-Weiß. Der Strich mal sanft und klar, mal wütend und expressionistisch, übersetzt Annes Emotionen, Sympathien und Antipathien in Bilder.  „Der Astragal“ ist ein lakonischer Underdog-Roman, eine Milieustudie und eine große Liebesgeschichte, schnoddrig und  lyrisch wie ein gutes Tagebuch.

Eine zweite Verfilmung ist in Arbeit

Die Romanvorlage galt in den 60ern nicht zuletzt aufgrund der autobiografischen Färbung als Sensation. Sarrazin, die fast ein Drittel ihres kurzen Lebens hinter Gittern verbrachte, wurde genau dort zu einer Schriftstellerin. „Der Astragal“ erzählt ihre Geschichte, in nur vier Monaten zu Papier gebracht. Prominent unterstützt von Simone de Beauvoir folgten weitere Romane... und eine Gefängnis-Hochzeit mit Julien.

Gefallenes Mädchen: Das Buchcover.
Gefallenes Mädchen: Das Buchcover.Foto: Schreiber & Leser

Eine zeitlose Liebesgeschichte mit einem Touch „Bonnie und Clyde“, ein Leben wie im Film. Kein Wunder, dass der Stoff auch vom Kino neu entdeckt wird. Zurzeit arbeitet Brigitte Sy an einer zweiten Film-Adaption, die es hoffentlich auch in die deutschen Kinos schafft. Der Comic jedenfalls macht Lust auf mehr Sarrazin: Auf diesen Roman und weitere, die Gedichte, die Briefe, die frühe Verfilmung von 1968 (mit Horst Buchholz in der Rolle des Julien) und weitere Comic- und Film-Versionen.

Und wer keine Zeit hat, vollständig in Sarrazins Welt und Werk einzutauchen, dem sei dieser Comic trotzdem ans Herz gelegt: Es handelt sich nicht um eine reduzierte Version des Romans, sondern um eine eigenwillige Interpretation. Der Comic funktioniert als eigenständiges Werk. Und ganz profan gesagt: Es ist einfach ein schönes Buch.

Terkel Risbjerg & Anne-Caroline Pandolfo: Albertine Sarrazin - Der Astragal, Schreiber & Leser, 224 Seiten, 22,80 Euro

 

 

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