Ausstellung : Ein Leben für den Comic

Das Dahlemer Museum für Europäische Kulturen widmet sich den Menschen hinter den Bildern. Die Ausstellung bringt Akteure zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben.

Thomas Hummitzsch
Szene-Stars: Ulli Lust und Marko Djurdjevic sind zwei der in der Schau Vorgestellten.
Szene-Stars: Ulli Lust und Marko Djurdjevic sind zwei der in der Schau Vorgestellten.Foto: Sixmorevodka/Jelena Djurdjevic und Alex Englert (Promo)

Der Arbeitsplatz der Comicautorin Ulli Lust erinnert eher an eine Zettelablage als an einen Schreibtisch, an dem ein internationaler Comic-Bestseller entstanden ist. Skizzen, Notizen, aufgeklappte Bücher, ein Leuchtpult und andere Utensilien befinden sich auf dem schmalen, an die Wand geschraubten Brett. Links blickt sie in den Hinterhof ihres Altbaus in Prenzlauer Berg, geradezu auf eine mit Skizzen beklebte Raufaserwand – ihr Kreativboard. Vier Jahre lang saß die gebürtige Österreicherin an diesem Tisch und zeichnete geduldig ihren Autorencomic „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, der später vielfach preisgekrönt wurde.

Lusts Arbeitsplatz ist in der Ausstellung „comicleben_comiclife“ im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem nachgebaut. Die Schau ist sieben Menschen gewidmet, die ein Leben für den Comic führen. Sechs davon kommen aus dem Berliner Raum. Mit Baugerüsten haben die Macher ein Comicraster über die Ausstellungsfläche gelegt, aus dem in sieben Kuben die Comicleben dieser Enthusiasten herausragen.

Zu ihnen gehört auch Lusts Zeichnerkollege Marko Djurdjevic, der weltweit für seine martialischen Superheldenzeichnungen gefeiert wird, die er für Marvel entworfen hat. Über 300 Titelblätter hat er für den renommierten US-Comicverlag gezeichnet. Superhelden wie Captain America, Daredevil oder Thor hat er in Szene gesetzt. Der Deutsch-Serbe ist eine internationale Ikone im Mainstream-Bereich. Seit 2008 geht er neue Wege, setzt in seinem Studio in der Winsstraße Videospiele für Sony und Warner Brothers um. Sein Traum bleibt ein Comic über den Bürgerkrieg in Jugoslawien, von dem man erste Entwürfe schon in der Ausstellung bewundern kann.

Ins Staunen gerät man auch, wenn man sich in den Kosmos der Comicsammler begibt, hier vertreten durch den Galeristen Carsten Laqua und den Sammler René Köhler. Laqua organisiert die Berliner Comicbörse und sammelt selbst amerikanische Wochenzeitungsstrips. Sein Stolz ist aber ein Underground-Comic der ersten Stunde: Robert Crumbs legendäres „Zap“-Heft Nummer 1 in der Erstauflage. Köhler haben es die Mosaik- Hefte aus der DDR angetan. Längst hat er alle 229 Hefte der Digedag-Serie zusammen, inzwischen sucht er geduldig nach wenig benutzten Heften.

Rollenspiele. Cosplayerin Nicole (links) vor der Alten Nationalgalerie in Berlin.
Rollenspiele. Cosplayerin Nicole (links) vor der Alten Nationalgalerie in Berlin.Foto: Gert Geidel/Promo

Dirk Rehm gründete Anfang der Neunziger mit Reprodukt seinen eigenen Verlag und ist heute einer der gefragtesten deutschen Comicverleger. Der Schöneberger bemüht sich um den unabhängigen Comic – national wie international. Comickünstler wie Guy Delisle, Manu Larcenet, Craig Thompson, Mawil oder Lewis Trondheim haben in seinem Verlag ihr Zuhause gefunden. Die Berlinerin Nicole, die ebenfalls vorgestellt wird, liest nicht nur Mangas, also japanische Comics, sondern lebt sie. Als Cosplayerin schlüpft sie in die Rollen ihrer liebsten Mangahelden. Und wer nach alldem noch immer meint, dass Comics Kinderkram sind, der kann sich vom Kunstprofessor Dietrich Grünewald, dem einzigen Nicht-Berliner in der Schau und Gründer der Gesellschaft für Comicforschung, eines Besseren belehren lassen.

„comicleben_comiclife“ im Museum Europäischer Kulturen bis 28. Oktober, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa u. So 11–18 Uhr. Eintritt: 6,- Euro (erm. 3,- Euro), Katalog 24,90 Euro. Mehr Informationen auf der Website des Museums.

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