Autorencomic : Spiel mit der Angst

Surreal, verstörend, explizit: Daniel Clowes Groteske  „Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ wurde neu aufgelegt.

Katja Schmitz-Dräger
Grotesk: Eine Szene aus dem Buch.
Grotesk: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Reprodukt

Clay Loudermilk geht in ein Pornokino - und entdeckt in dem bizarren Film auf der Leinwand seine verschwundene Exfrau. Als er sich auf die Suche nach ihr begibt, beginnt eine alptraumhafte Odyssee voller surrealer Situationen und Gestalten der absonderlichsten Sorte. Ein möglichst glaubhafter Plot, so warnt schon der Klappentext vor, ist hier nicht zu erwarten. Stattdessen hat Clowes mit „Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ ein die Vorstellung des Einzelnen anregendes Konstrukt aus Fantasien und Träumen geschaffen, oder wie der Verlag ankündigt: ein Spiel mit menschlichen Urängsten.

Fischfrauen, Psychopathen

In der Tat sind die harten Schwarz-Weiß-Bilder des in den USA erstmals 1993 zusammenhängend erschienenen Comics explizit und verstörend. Das Groteske findet beiläufig Eingang in den Alltag und manifestiert sich sowohl in physischer Form – der Freund mit den „seltenen asiatischen Krustentieren“ in den Augenhöhlen, der Hund ohne Körperöffnungen, der Psychopath mit der abgebrochenen Haartransplantation – als auch im Habitus der Charaktere, denen Clay auf seiner Reise begegnet. Die weichherzige Fischfrau, die ihn zu verführen sucht, indem sie ihren Laich auf seinem Bett ablegt, wirkt ähnlich irritierend wie der stets nackte Sektenführer Gottfrey, der die Frauen im großen Krieg der Geschlechter, Harum Scarum, anführen will.

Erinnerungen an David Lynch

Sexualität und Gewalt, das Zusammenspiel von Geschlecht und Macht, Wahnsinn, Sekten und Verschwörungstheorien sind die Themen, die durch den Band mäandern – ohne dass eine Position eingenommen oder eine Auflösung angeboten wird. Clowes hat, um es mit David Boring, der Titelfigur aus seinem späteren Werk, zu halten, „für eine abgeschlossene Handlung wohl nicht viel übrig.“ Die quasi-kafkaeske Geschichte folgt, wenn überhaupt, einer schwer zu greifenden Traumlogik: Es bleibt dem Betrachter überlassen, sich einen Reim auf die verstreuten Plot-Ansätze zu machen.

Dabei kann streckenweise der Eindruck der Beliebigkeit entstehen. Andererseits hat gerade seine stark am Unterbewussten orientierte Erzählweise Clowes zum amerikanischen Kultautor gemacht. Er hat darin ein prominentes Pendant: Wie der Band Stimmung und Intuition einer kohärenten Handlung vorzieht, erinnert stark an Filme von David Lynch. Und wie bei Lynch gibt es auch hier Exegeten, die dennoch eine finden.

Daniel Clowes: Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln, aus dem Amerikanischen von Oliver Köll , Handlettering von Dirk Rehm, 144 Seiten, 18 Euro. Leseprobe unter diesem Link.

Vor einiger Zeit beantwortet Clowes den Tagesspiegel-Fragebogen - hier stehen seine Antworten.

Einen ausführlichen Artikel von Klaus Schikowski über die Bedeutung von Clowes lesen Sie hier.

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