Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2013 - Stefan Pannors Favoriten

Welches sind die besten Comics des zu Ende gehenden Jahres? Das wollen wir von unseren Lesern und von Comic-Kritikern wissen. Heute: Stefan Pannor (Spiegel Online)

Stefan Pannor
Anti-Helden: Jimmy Corrigan und sein Vater.
Anti-Helden: Jimmy Corrigan und sein Vater.Foto: Reprodukt

In den vergangenen Wochen haben wir unsere Leser gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu war wie bereits im vergangenen Jahr wieder eine Fachjury gefragt. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comix), Stefan Pannor (Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied war aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen und die Auswahl kurz zu begründen. Daraus ergab sich eine Shortlist, über die die Jury jetzt endgültig abgestimmt hat. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Tagesspiegel veröffentlicht.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Stefan Pannor, freier Journalist u.a. für Spiegel Online und zitty, Übersetzer sowie Blogger unter www.pannor.de.

Platz 5
"Die Amateure" von Brecht Evens (Reprodukt)
Sowieso war es ein guter Jahrgang für Reprodukt, der die Auswahl schwer macht. Brecht Evens' „Die Amateure“ steht stellvertretend für eine der zentralen Fragen dieses Verlags, nämlich was dieses verfickte Ding namens Kunst eigentlich ist, wie es geht und ob, klar, man es überhaupt macht. Und ob es die Mühe wert ist. Evens' Fabel über die Errichtung einer gewaltigen Gartenzwergstatue im belgischen Hinterland, erzählt mit dem nur notdürftig kaschierten Figurenpersonal der Commedia del'Arte, ist eine Groteske, die sich gar nicht erst die Mühe gibt, ihre selbstgestellten ewigen Fragen zu beantworten, sondern sich am glorios zu Kunst hochstilisierten menschlichen wie kreativen Versagen des Kunstpersonals abarbeitet, an den ewigen Beschwichtigungsformeln, dass das, was man macht, schon ganz toll, dekonstruktivistisch, halt irgendwie die Gegenwart hinterfragend und derlei mehr ist. Ist es nicht. Es ist nur ein zehn Meter hoher Gartenzwerg. Auch Reprodukt hat schon solche Gartenzwerge veröffentlicht. Das hier ist keiner. Wenn Sie das nächste Mal von Jeff Koons hören oder dass jemand eine gewaltige Statue eines Wackeldackels aufgestellt hat, denken Sie an dieses Buch.

Platz 4
"Ein Frühling in Tschernobyl" von Emmanuel Lepage (Splitter)
Fast schon wieder veraltet ist Lepages grafische Aufbereitung einer Reise nach und um Tschernobyl, noch zu Zeiten, als die Gegend für reguläre Touristen gesperrt war. Inzwischen sind tatsächlich Reisegruppen gestattet, und man mag sich ausmalen, was das für jene inselartigen Kolonien verbliebener Einwohner, sesshaft gewordener Aufräumer des atomaren Gaus von 1986 und den Mitgliedern von Hilfsorganisationen bedeuten mag, deren bizarres Leben im lichten Strahlenschatten Lepage schildert. Wie es überhaupt ein sehr lichtes Buch ist, aus ebendieser Diskrepanz entsteht sein größter Reiz. In halb- und ganzseitigen Tableaus schildert Lepage eine Landschaft, die nachgerade unter dem Schutz der atomaren Strahlung und der Tatsache, nahezu unbewohnbar zu sein, die Flecken der Zivilisation zurückerobert und und vom Menschen ungestört wild wuchert. Das verschneite Paris, mit dem das Buch endet, ist grau dagegen. Ein grade wegen seiner Schönheit verstörendes Buch.

Platz 3
"Daytripper" von Fabio Moon und Gabriel Ba (Panini)
Dass sich Vertigo, DCs Label für außergewöhnliche Comics, in der Krise befindet, ist kein Geheimnis. Wirtschaftlich, aber auch inhaltlich. Ein Buch wie „Daytripper“, ursprünglich als zehnteilige Heftserie erschienen, dient unter solchen Umständen auch als Erinnerung daran, wozu dieses Label in der Lage sein kann. Man muss sich den Mut vorstellen, mit der die beiden brasilianischen Comicbrüder bei Vertigo vorstellig wurden: „Wir wollen eine zehnteilige Geschichte über den Tod machen, sonst passiert nicht viel.“ Aber wie da nicht viel passiert! Moon und Ba brechen jede erzählerische Regel, lassen ihre Hauptfigur fast so oft sterben wie die Miniserie Hefte hatte, ohne dass das irgendeinen Einfluss auf die Handlung hat, schwelgen in schwärmerisch-stillen Momenten von Freundschaft, Sex, Kinderspiel und Landschaftsbetrachtung. Leicht und luftig, versponnen, die Zeichnungen sowieso, ist „Daytripper“ eine Geschichte über das Unvermeidliche, erzählt mit unausweichlicher Konsequenz. Ein schönes Buch, ein mutiges Buch. Davon könnte es bei Vertigo ruhig wieder mehr geben.

Stefan Pannor.
Stefan Pannor.Foto: Privat

Platz 2
"Die Ignoranten" von Etienne Davodeau (Egmont Graphic Novel)
Der Herbst 2013 war ohne Frage der der kulinarischen Comics. Neben Christophe Blains „In der Küche mit Alain Passard“ (Reprodukt) und Guillaume Longs „Kann denn Kochen Sünde sein“ (Carlsen) - letzteres leider von wenigstens einer Handvoll Übersetzungsfehler geplagt, die das Nachkochen der Rezepte erschweren - ragt „Die Ignoranten“ schon wegen seiner für deutsche Verhältnisse aberwitzigen Grundidee heraus: ein Comiczeichner erzählt einem Weinbauern über Comics, ein Weinbauer erzählt einem Comiczeichner über Wein. So denken nur Franzosen, besser noch, sie machen das auch so. Davodeau entwirft eine Kalendergeschichte, in der sich die beiden die besten Weine, die besten Comics, die schönsten Anbaugebiete, die besten Conventions eines Jahrgangs um die Ohren hauen. Das Ergebnis sind witzige Diskussionen über den Zustand des jeweils anderen Fachgebietes, geprägt von wunderbar naivem Unverständnis, getragen von gegenseitigem Respekt und Sympathie.

Platz 1
"Jimmy Corrigan, der klügste Junge der Welt" von Chris Ware (Reprodukt)
Seien wir ehrlich: diesen Titel nominiert man nicht, weil er erschienen ist, sondern obwohl er erschienen ist. Faktisch kommt die Übersetzung von Chris Wares Großtat in Sachen Erinnerung, in der Erzählweise vom Autor so fraktalisiert und mühsam wieder zusammengesetzt wie es die beigefügten Bastelbögen vom Leser wünschen,  um mindestens eine Handvoll Jahre zu spät. Das Original ist immerhin seit dem Jahr 2000  verfügbar. Natürlich, das hat Gründe, und die sind schlicht in der Perfektion des Buches zu suchen. Es ist Reprodukt geglückt, ein Buch zu übersetzen, das eigentlich nicht zu übersetzen ist, ein Buch zu lettern, das eigentlich nicht zu lettern ist. Wares hochdiffizille Prosa, voller Querverweise und Subtext, die mikrometergenaue Zeichensetzung, das ist alles da – doch, genau so muss eine gute deutsche Ausgabe eines der wichtigsten und intelligentesten Comics mal mindestens der letzten fünfzig Jahre aussehen. Und trotzdem, kann man sich vorstellen, welchen Eindruck dieser Band zu Beginn der Graphic-Novel-Bewegung gemacht hätte, bevor jeder Comic mit mehr als fünfzig Seiten Graphic Novel genannt wurde, bevor Handel und Feuilleton mit oft eher behaupteter als vorhandener Wichtigkeit der Bücher geflutet wurden? So schön, so spät.

Am 19. Dezember geben wir die Gewinner der Jury-Auswahl bekannt.  Und eine aktualisierte Auswahl der Favoriten unserer Leser gibt es hier.

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