Comic-Biografie : Leidenschaftlicher Glaube

Religiöse Themen im Comic haben derzeit Konjunktur. Jetzt erzählt der Brite Siku die Lebensgeschichte Jesu – emotional, packend und überraschend vielschichtig.

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Glanz in den Augen: Einer der ersten Auftritte der Hauptfigur.
Glanz in den Augen: Einer der ersten Auftritte der Hauptfigur.Illustration: Siku/Ehapa

Dieser Jesus ist kein harmloser Sandalenträger. Er tritt eher auf wie Darth Vader und lebt in einer archaischen Welt, in der rohe Brutalität herrscht. Ein Menschenleben zählt da wenig. Um den Leser mit dieser Welt bekannt zu machen, stellt Siku ein Kapitel vorweg, in dem Galiläer einen Aufstand versuchen und von den Römern mit roher Brutalität niedergemetzelt werden. Das Kapitel endet mit einer Landschaft, die bis zum Horizont übersät ist mit Kreuzen und Gekreuzigten.

So hat man schon auf den ersten Seiten von „Jesus. Die ganze Geschichte“ das Gefühl, in eine Comicversion von Mel Gibsons Jesus-Film geraten. Man hört förmlich, wie die gezeichneten Dolche Köpfe abschlagen und wie sich Säbel in Leiber bohren. Und wenn am Ende Jesus übel zugerichtet wird, zieht sich im Magen etwas zusammen.

Mit Emotionen wird nicht gegeizt in diesem Comic. Johannes der Täufer begegnet dem Leser mit wallender Mähne, wilder Entschlossenheit und am Rande des Wahnsinns. Wenn er predigt, verzieht sich sein Gesicht zu einer mit Hass erfüllten Fratze, die sich nicht mehr unterscheidet von den Fratzen seiner Gegner. Dann aber tritt da jener junge, schöne Mann mit vollen Lippen und lockigem Haar auf. Er zieht seine helmartige Kapuze zur Seite, sieht einen an und sagt mit einem merkwürdigen Glanz in den Augen: „Oh, übrigens… Man nennt mich Jesus“. Und sofort ist ein neuer Ton in der Welt. Aber auch Jesus kann zulangen. Wenn er zum Beispiel die Händler aus dem Tempel verjagt, ist von Sanftheit wenig zu spüren. Im Gegenteil: Siku inszeniert das Ereignis als brutalen, gewalttätigen Übergriff.

Der englische Comickünstler Siku ist studierter Theologe, was man seinem Jesus-Buch anmerkt. Denn er schafft es, aus den vier Evangelien eine Geschichte zu destillieren, die glaubwürdig ist und zugleich fesselnd. Das liegt auch an der Vielschichtigkeit, mit der er seine Charaktere zeichnet - und da unterscheidet sich Siku wohltuend von Mel Gibson.

Archaische Brutalität: Eine Szene aus dem Buch.
Archaische Brutalität: Eine Szene aus dem Buch.Illustration: Siku/Ehapa

Simon, Andreas und die anderen Jünger werden in ihrer Begeisterung, aber auch mit ihren Abgründen gezeigt. Und auch Judas ist nicht einfach nur der böse Verräter. Siku stellt ihn dar als Getriebenen, der seinen Meister nicht nur aus Geldgier verrät, sondern eben auch deshalb, weil sich Gottes Heilsplan erfüllen muss. Am Ende fühlt sich Judas von Gott betrogen.

Widersprüchliche Gefühle, Zweifel

Großartig auch, wie Siku den rabiat schnellen Gesinnungswandel der Bevölkerung darstellt, die einen Tag Jesus zu ihrem König ausrufen und ihn am nächsten Tag voller Hass am Kreuz sehen wollen. Besonders ist auch, wie Siku Menschenmassen darstellt. Mit raffiniert ineinander verschachtelten Bildern zoomt er einzelne Personen aus der Menge heraus und leuchtet in ihre Gesichter, so dass auch eine große Anzahl von Menschen immer mehr ist als eine anonyme Masse.

Aber nun zu Jesus, der Hauptfigur. Siku macht von Anfang an klar, dass Jesus Jude ist: Aus seiner Lockenmähne fällt eine Strähne besonders auf, oft fällt sie ihm auch ins Gesicht. Man könnte diese Locke als Anklang an die Schläfenlocken deuten, wie sie orthodoxe Juden tragen. Auch Jesus wird nie eindimensional geschildert, sondern mit durchaus widersprüchlichen Gefühlen, mit einer großen Liebe zu den Menschen, aber auch mit einem großen Misstrauen und gemartert von Zweifeln.

Sikus Jesus ist eben nie nur der Sozial-Revoluzzer von vor 2000 Jahren, sondern immer auch: Gottes Sohn. Wenn sich nach der Kreuzigung die Erde verdunkelt, taucht Siku die Figuren nicht einfach in eine nächtliche Schwärze, sondern lässt geschickt einen Schatten über die Buchseiten fallen. Nicht ganz so überzeugend gerät die Auferstehung. Aber zumindest ein Mysterium muss ja auch noch bleiben.

Siku: „Jesus. Die ganze Geschichte“, Ehapa Comic Collection, 351 Seiten, 19,99 Euro. Zur Verlags-Website geht es hier.

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