Comic-Biografie : Mein Rüssel gehört mir

Der französische Comiczeichner Riad Sattouf verarbeitet in der illustrierten Erzählung „Meine Beschneidung“ die Ängste seiner Jugend. Ein Literaturtipp zur aktuellen Debatte.

Waldemar Kesler
Sozial disqualifiziert: Die Hauptfigur beim Penisvergleich.
Sozial disqualifiziert: Die Hauptfigur beim Penisvergleich.Foto: Reprodukt

Ist eine unversehrte Vorhaut Männerrecht? Seit das Kölner Landgericht die Beschneidung als Körperverletzung gewertet hatte, wurde krachig darüber gestritten, ob das deutsche Grundrecht hier mit der Religionsfreiheit aneinanderrasselt. Von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit war schon die Rede, bis der Bundestag vergangene Woche religiöse Beschneidung grundsätzlich für zulässig erklärte. Nachdem sich der Rauch verzogen hat, kann sich die erregte Öffentlichkeit einem kleinen Buch zum Thema widmen. In „Meine Beschneidung“ schildert der syrischstämmige Comiczeichner Riad Sattouf, wie sein achtjähriges Ich angstvoll auf die Dinge blickt. Sein Problem scheint weniger der schmerzhafte Vorgang selbst zu sein, sondern vielmehr der paranoide Männlichkeitskult, der seine Kindheit überschattet.

Riad Sattouf weidet sich gerne an den Nöten der Adoleszenz. In seinem Kinodebut „Jungs bleiben Jungs“ („Les beaux gosses“) begleitete er seine Protagonisten bei ihren ersten tapsigen Liebesschritten und wurde dafür mit dem französischen César als bestes Erstlingswerk ausgezeichnet. Für das Satiremagazin Charlie-Hebdo verarbeitete er drei Jahre lang wöchentlich auf der Straße aufgeschnappte Gesprächsfetzen und Szenen unter Jugendlichen. Diese Eindrücke sind in dem Band „La vie secrète des jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend) versammelt. Dort tritt besonders eindrücklich zutage, dass Riad Sattouf Situationen liebt, die beim Beobachten wehtun: Situationen, in denen sich die Leute in ihrer ganzen Ignoranz bloßstellen.

„Meine Beschneidung“ erschien in Frankreich bereits 2004 und ist seit 2010 auf Deutsch zu lesen. Es ist eine Mischung aus Comic und Bilderbuch, eine illustrierte Geschichte der Angst. Sattouf erzählt aus seiner damaligen Sicht, was ihm als Achtjähriger in Syrien widerfuhr.

Entweder Israeli oder Schwarzenegger

Eigentlich hätte der kleine Riad froh darüber sein müssen, als sein Vater ihm ohne weitere Erklärung ankündigte, dass er bald beschnitten werden würde. Nicht nur sein „Rüsselpenis“ unterschied sich von den „Champignonköpfen“ seiner Cousins. Da Riad auch noch blond war, beschimpften ihn seine Mitschüler als „Israeli“: Schlimmer konnte man sozial nicht disqualifiziert werden. Entweder gehörte man zu den Israelis, über die die Lehrer in der Schule täglich Tiraden abließen, oder man war wie Arnold Schwarzenegger in dem Brachialepos „Conan der Barbar“ ein „Cimmerier“, ein stolzer Krieger.

Kindliches Trauma: Der Autor als junger Mann.
Kindliches Trauma: Der Autor als junger Mann.Foto: Reprodukt

Kinder suchen stets danach, sich zugehörig fühlen zu können. Riad muss sich allerdings in einer brutalen Umgebung zurechtfinden, in der Prügel die einzige Antwort sind, die er auf seine Fragen erwarten kann. Anatomische Verformungen wie kürbisartige Köpfe, die generell zum Stil von Riad Sattouf gehören, wirken hier wie die Folgen der alltäglichen Gewalt.

Wenn dem Klassenlehrer beim Prügeln der Stock zerbrochen war, musste jeder seiner Schüler einen neuen mitbringen und dabei darauf achten, dass er auch stabil genug war, um den Zuchtritualen standzuhalten. Riad berichtet ganz treuherzig von öffentlichen Maßregelungen in einer rückständigen Umgebung. Es setzt Stockhiebe auf nackte Fußsohlen, im Kreis der Familie wird Kinderhaut verbrannt. Es geht schließlich darum, Cimmerier zu werden, ein richtiger Barbar, folglich gehorchte der gnadenlose Sadismus einem höheren pädagogischen Zweck.

Missbrauchte Schutzbefohlene, kindlicher Rassismus

Je mehr Riad eine freundliche Beziehung entbehrt, desto inniger wird die zu seinem Penis. Über Monate hinweg wächst in ihm die Angst, kastriert zu werden. Die Beschneidung ist ein symbolischer Akt: Indem man in dieser hypermaskulinen Gesellschaft ohne Mitgefühl ohne weiteres sogar sein bestes Stück zurechtstutzt, macht man ihm klar, was alles in ihrer Hand liegt.

Der einzige Freund, den Riad in seiner Not hat, ist eine Art überdimensionaler Transformer mit einem obszönen Lendenschurz. Sein Vater gaukelt Riad vor, dass er die Plastikfigur als Belohnung für die erlittene Qual erhalten würde. Dieser „Goldorak“ steht ihm für die Männlichkeit, die er nach der Beschneidung verkörpern wird. Endlich wird er in den Kreis der Cimmerier aufgenommen sein.

Rüsselpenis, Champignonköpfe: Das Buchcover.
Rüsselpenis, Champignonköpfe: Das Buchcover.Foto: Reprodukt

Bei der ganzen beklemmenden Lage, in der sich Riad befindet, ist es befreiend komisch zu lesen, wie er immer wieder an dem Punkt anlangt, wo sein Penis ihm doch näher ist als seine Freunde, die er mit dem Goldorak beeindrucken könnte. Dafür würde er sogar in Kauf nehmen, Israeli zu bleiben. Aus der Innensicht des Kindes entwickelt sich ein niedlicher Humor, dem sich die Bilder anpassen. Um Riad herum wimmelt es von Männlichkeitssymbolen, während Frauen nur in Erzählungen auftauchen. Zu spät erfährt er, dass ja auch Israelis beschnitten sind und sein schmerzhaftes Opfer also völlig sinnlos war. Sattoufs Entscheidung, die Einzelbilder auf nur weißem Hintergrund zu platzieren, korrespondiert schließlich mit dem Scheitern Riads, sich in diese Welt der Kastrationsparanoia einzufinden.

Wenn man Riads Geschichte von missbrauchten Schutzbefohlenen und kindlichem Rassismus gelesen hat, kommt einem die Debatte hierzulande noch hysterischer vor als ohnehin schon. „Meine Beschneidung“ rückt unsere Maßstäbe zurecht.

Riad Sattouf: Meine Beschneidung, Reprodukt, aus dem Französischen von Martin Budde, Handlettering von Hartmut Klotzbücher, 100 Seiten, 14 Euro.

Die Besprechung erschien zuerst auf Zeit Online, wir danken dem Autor für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

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