Comic-Erzählung „Luzid“ : Die luziden Träume des Herrn L.

Sechs Zeichenstile, sechs Visionen: Die erste lange Comicerzählung des Künstlerkollektivs ComaComics nutzt ihr Potenzial nur ansatzweise aus.

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Gefangener seiner Träume. Zwei Seiten aus dem besprochenen Buch.
Gefangener seiner Träume. Zwei Seiten aus dem besprochenen Buch.Foto: Luftschacht

Jemand musste „Coma“ darüber informiert haben, dass L. sich noch nie an seine Träume erinnern konnte, denn ohne dass er sich für eine wissenschaftliche Studie angemeldet hätte, wurde er eines Morgens von einem Boten der Firma geweckt und als Versuchskaninchen für ein Experiment einbestellt. So beginnt „Luzid“, das Gemeinschaftsprojekt des österreichischen Zeichnerkollektivs ComaComics.

Der Durchschnittstyp Laika fügt sich – genau wie Josef K. – in sein Schicksal, ohne die Hintergründe dieser seltsamen Einbestellung zu hinterfragen. Wer sich beim Betrachten des Covers noch nicht gefragt hat, woran ihn der durchdringende Blick des Protagonisten erinnert, der wird spätestens auf den ersten Seiten von wenig subtilen Anspielungen auf Kafkas „Proceß“ erschlagen.

Hoffnungslos überfrachtet

Die Tatsache, dass sein Name stets abgekürzt wird, dass das Gebäude der Firma als labyrinthisch gezeigt wird, oder dass man ihn dort erst einmal lange warten lässt, bis das Experiment schließlich beginnt – all das zeigt: Hier soll man beim Lesen unbedingt an Kafkas Roman denken. Und als wären diese wenig subtilen Anspielungen nicht genug, versucht der Text (zu Beginn des Comics dominieren Kästen mit Erzähltext über Dialoge in Sprechblasen) auch noch, den Duktus der kafkaschen Prosa zu kopieren. Alles in allem führt das leider zu einer hoffnungslosen Überfrachtung. Zumal man sich fragt, was eigentlich der Mehrwert der Kafka-Anspielungen für die Geschichte, die sich nun entfaltet, sein soll.

Stil-Mix: Zwei Seiten aus dem besprochenen Band.
Stil-Mix: Zwei Seiten aus dem besprochenen Band.Foto: Luftschacht

Laika wird in einer Art Labor von zwei Wissenschaftlern an verschiedene Maschinen angeschlossen, sein linker Unterarm wird durch eine metallische Prothese ersetzt und schließlich stürzt er kopfüber in luzide Träume. Es folgt eine Reise durch sechs verschiedene Traumwelten – das eigentliche Herzstück des vorliegenden Bandes, denn jede davon wurde von einem anderen Zeichner des Kollektivs gestaltet.

Und hierin liegt das Potenzial des Gemeinschaftsprojekts „Luzid“. Sechs unterschiedliche Zeichenstile, sechs unterschiedliche Traumvisionen und sechs unterschiedliche Ideen davon, was es bedeutet, luzid zu träumen. Dass man sich als Träumender nämlich der Tatsache bewusst ist, dass man träumt und dennoch sein Handeln durch eigene Entscheidungen beeinflussen kann. Gleichzeitig ist man jedoch nicht mit den Konsequenzen des eigenen Handelns konfrontiert. Man befindet sich ja immer noch in einem Traum, aus dem man am Ende stets wieder erwacht.

 Zwischen Freiheit und Schuld

Lukas Frankenberger, Sophia Eyb, Lukas Köb, Moritz Mayer, Klaudia Kozma und G. Wolf nutzen diese Konstellation, um Fragen nach Ethik und Moral aufzuwerfen. Dabei ist es spannend zu sehen, wie jeder seinen eigenen Stil nutzt, um die Welt, in die L. gerät und ihre moralischen Herausforderungen zeichnerisch zu entwerfen. Die von Klaudia Kozma und Lukas Frankenberger gestalteten Kapitel sind dabei stilistisch am interessantesten. Gemeinsam ist allen diesen Traumsequenzen, dass sie den Protagonisten im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Freiheit und persönlicher Schuld zeigen und damit den Blick auf die Konsequenzen des eigenen Tuns lenken, denen man eben nur in luziden Träumen entgehen kann. 

Von Kafka inspiriert: Das Cover des Buches.
Von Kafka inspiriert: Das Cover des Buches.Foto: Luftschacht

Am Ende kehrt Laika in die Realität zurück und verlässt das Firmengelände als gebrochener Mann. „Man muss Coma verlassen wie ein Hund“ ist das Letzte, was die beiden Wissenschaftler ihm mit auf den Weg geben. Und schon sind wir wieder bei Kafka. Die Klammer der Rahmenhandlung schließt sich und der Leser wird unter dem Eindruck der erdrückenden Parallelen zwischen L. und Josef K. etwas ratlos entlassen.

Wäre es nicht auch möglich gewesen, die Fragen nach dem Verhältnis von persönlicher und gesellschaftlicher Schuld in den Traumsequenzen viel eindrücklicher zu beleuchten, ohne diese überdeutlichen Anspielungen? So kann das Ergebnis des eigentlich spannenden Gemeinschaftsprojekts leider nicht restlos überzeugen. Ein schlechtes Lektorat, das gravierende grammatikalische Fehler übersehen hat und sich um Zeichensetzung scheinbar erst gar nicht gekümmert hat, trägt zusätzlich zu diesem Gesamteindruck bei.

 ComaComics (Lukas Frankenberger, Sophia Eyb, Lukas Köb, Moritz Mayer, Klaudia Kozma und G. Wolf): Luzid, Luftschacht-Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

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