Comic-Klassiker : Schweben und schweben lassen

Mit „Arzak“ ist jetzt das letzte unvollendete Werk des großen Comic-Wegbereiters Jean Giraud alias Moebius veröffentlicht worden.

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Die Wüste lebt: Eine Szene aus „Arzak“.
Die Wüste lebt: Eine Szene aus „Arzak“.Foto: Ehapa

Die kargen, nordamerikanischen Wüstenlandschaften ließen ihn bis zu seinem Tod nicht mehr los. Als 17-Jähriger war Jean Giraud, der sich später Moebius nennen sollte, zum ersten Mal aus Frankreich nach Mexiko gereist, wo seine Mutter mit ihrem Partner lebte. Ein Jahr später, 1956, veröffentlichte er seinen ersten Western-Comic, dessen Kulisse von seiner Auslandsreise inspiriert war und dem mit „Blueberry“ eine Reihe folgen sollte, die das ganze Genre bis heute prägt. Anfang der Siebziger Jahren kamen die ersten Science-Fiction-Geschichten hinzu, in denen ebenfalls unwirtliche und schier endlose Landschaften eine wichtige Rolle spielten, die ebenso offensichtlich von seiner Zeit in Mexiko inspiriert waren. In seiner Autobiografie beschrieb er das später so: „Auf der Suche nach ein wenig Kühle und Wasser war ich in eine Kneipe am Straßenrand eingetreten. Die Hintertür war offen. Durch diesen leuchtenden offenen Rahmen im Halbschatten sah ich die Wüste sich erstrecken, bis an den Horizont. Ein absolutes Bild. Und noch dazu ein Comic-Bild – mit der Türzarge als Rahmen! Dort habe ich mein Bündnis mit dem Western geschlossen, mit der unendlichen Wüste und ihrem Zauber.“

Nun kann man mit den von Moebius erdachten Figuren ein letztes Mal durch ästhetisch betörende Traum- und Wüstenlandschaften reisen: Der Ehapa-Verlag hat jetzt ein gutes halbes Jahre nach Girauds Tod mit 73 Jahren im März diesen Jahres in seiner Comic-Collection das letzte, unvollendete Album des wohl einflussreichsten europäischen Comiczeichners auf Deutsch veröffentlicht: den großformatigen Titel „Arzak“. Darin knüpft der experimentierfreudige Comic-Metaphysiker an die fünfteilige Episodengeschichte „Arzach“ von 1975 an, die „den modernen französischen Comic geprägt hat wie kaum ein anderes Werk“, wie Andreas C. Knigge in seinem Standardwerk „Alles über Comics“ schreibt.

Das lag vor allem daran, dass Moebius damals mit einigen grundlegenden Konventionen des Mediums brach: Es gab keinen nachvollziehbaren Handlungsverlauf, die Geschichte um den auf einem Technosaurier schwebenden Wüstenkrieger namens Arzach (dessen Schreibweise sich im Verlauf der Episoden mehrfach änderte) war so meditativ wie rätselhaft, Sprechblasen fehlten fast völlig, durch den direkten Farbauftrag erhielten die Seiten zudem eine bis dahin im Comic unbekannte räumliche Tiefe, die an Gemälde erinnerte. „Die Seiten schlugen ein wie eine Bombe, eine kleine Revolution in der Welt der Comics“, erinnerte sich Moebius später im Vorwort zu einer Neuauflage des Klassikers, die vor einigen Jahren auch auf Deutsch beim Verlag Cross Cult erschien.

Sein Spätwerk „Arzak“ ist eine Reminiszenz an dieses bahnbrechende Werk und vermittelte zumindest eine Ahnung davon, was für ein Verlust Moebius’ Tod für den europäischen Comic bedeutet. Im Vergleich mit dem berühmten Vorgänger kommt „Arzak“ zwar deutlich konventioneller daher, die zeichnerische Eleganz ist jedoch nach wie vor beeindruckend. Dazu gibt es diesmal eine für Moebius’ Verhältnisse klare und nachvollziehbare Geschichte - Sprechblasen eingeschlossen. Sie ist teils im Weltall und teils auf dem Wüstenplaneten Tassili angesiedelt und erzählt vom Kampf der Ureinwohner jenes Planeten, den Wergs, mit den Menschen, die ihn einst besiedelten. Der Umgang der europäischen Siedler mit den Ureinwohnern Nordamerikas und der dort bis heute anhaltende latente Rassismus standen hier offensichtlich Pate. Als Mittler zwischen den Welten fungiert der mit staatlichem Auftrag ausgestattete Raumvermesser Arzak, dessen Vorfahren aus beiden verfeindeten Völkern stammen. Während im Weltall Werg-Piraten ein Menschen-Schiff in Geiselhaft nehmen, wird Arzak auf dem Planeten Tassili in eine schwer durchschaubare Intrige verwickelt.

Vollendet, unvollendet: Rechts das Arzak-Cover, links das Cover des jetzt erschienenen letzten Incal-Bandes.
Vollendet, unvollendet: Rechts das Arzak-Cover, links das Cover des jetzt erschienenen letzten Incal-Bandes.Fotos: Splitter/Ehapa

Wie die Geschichte um den einsamen Space-Cowboy weitergeht, ist eines der Geheimnisse, das Moebius mit ins Grab genommen hat. Ein erzählerisch befriedigendes Leseerlebnis ist „Arzak“ daher nicht. Das vermag die Wiederauflage seiner zusammen mit dem Schriftsteller Alejandro Jodorowsky geschaffenen Weltraum-Oper „Der Incal“ im Splitter-Verlag besser. Soeben ist er letzte der sechs liebevoll editierten Bände des Zyklus um den Weltraumdetektiv John Difool neu veröffentlicht worden. Wer sich aber ein weiteres Mal an Moebius’ psychedelischen Farb- und Formfantasien erfreuen möchte, ohne die Filme wie „Star Wars“, „Alien“ oder „Tron“ schwer denkbar gewesen wären, für den lohnt sich die Lektüre seines letzten Spätwerks.

Moebius: „Arzak“, Ehapa Comic Collection, 78 Seiten, 25 Euro

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