Comic-Kunst : Gib mir ein Zeichen

Wer sagt denn, dass Comics immer Geschichten erzählen müssen? Die Anthologie "Abstract Comics" zeigt, dass es auch anders geht

Daniel Wüllner
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Klassiker. Ausschnitt aus Robert Crumbs "Abstract Expressionist Ultra Super Modernistic Comics".

Jede Besprechung eines neuen Comics rühmt, kritisiert oder feiert die Erzählung, die dem Leser in Bildern und Texten vermittelt wird. Bei diesen Bildergeschichten, so hat es Comic-Guru Scott McCloud in "Comics richtig lesen" gelehrt, handelt es sich um „zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen“ oder kürzer, um Comics. Bilder und andere Zeichen werden so von Comic-Künstlern angeordnet, dass sich Sinnzusammenhänge zwischen den Bildern ergeben, die vom Leser gefüllt werden. Die räumlichen Sequenzen vermitteln ein Zeitgefühl und treiben so die Narration voran. Man stelle sich vor, die Kunstform würde keine Geschichte erzählen. Sprechen wir dann trotzdem von einem Comic? Diesen scheinbaren Exoten unter den Comics, die uns nicht durch ihre narrative Überzeugungskraft in ihren Bann ziehen, hat Herausgeber Andrei Molotiu die Anthologie "Abstract Comics: The Anthology 1967-2009" gewidmet.

Der schöne schwere Band aus dem amerikanischen Verlagshaus Fantagraphics präsentiert sich als aufwendiges Hardcover und wirbt bereits auf dem Umschlag für seinen Inhalt. Das Cover zieren sechs große Panels, die aus verschiedenen Beiträgen des Sammelbandes entnommen wurden. Während die drei Reihen unterschiedlicher nicht sein könnten und auf der Bildebene keinen ersichtlichen Zusammenhang bilden, so umreißen die abgebildeten Worte einen gebührenden Rahmen.

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Exotisch. Auszug aus "Kung Fu" von Mark Badger.

Während das oberste Panel in weißen Lettern das Wort „Abstract“ wie eine Parole herausruft, ergibt sich aus der mittleren Reihe erst durch die Aneinanderreihung der drei Panels das Wort „Comics“. Molotiu öffnet seinen Leser die Augen für Unbekanntes und stößt gleichzeitig einen neuen Diskurs über den Comic an.

Die ersten Seiten von Abstract Comics dienen sowohl der Einführung als auch der Verwirrung. Anstelle von Seitenzahlen führt das Inhaltsverzeichnis nur Symbole an. Obwohl diese Symbole genauso auf den entsprechenden Seiten im Buch wieder auftauchen, leitet das unbekannte Einteilungssystem den Leser in die Irre statt ihm eine Hilfe zu sein. Ein ähnliches Prinzip wird auch in der Einleitung verwandt, die in die Welt der Chiffren und der Codierung einlädt. Nur im unteren Drittel der einleitenden Seiten beschreibt Molotiu die Welt der abstrakten Comics in verständlichem Englisch. Der Rest der Seite ist gefüllt mit abstrakten Symbolen und Bildbeispielen auf die der Text verweist. Molotiu bietet seine Hilfe beim ersten Schritt in seine Sammlung von nicht-narrativen Comics an, indem er Robert Crumbs "Abstract Expressionist Ultra Super Modernistic Comics" im Kontext der abstrakten Kunst und gleichzeitig in der Welt der Comics verortet.

Irgendwann hört man auf, nach einer Handlung zu suchen

Der weitere Verlauf der Lektüre von Abstract Comics lässt sich kaum mit dem üblichen Vokabular eines Comicrezensenten beschreiben; es gibt keine Fixpunkte in der Erzählung, da eine solche per definitionem in diesen Comics nicht existiert. Während der eher ungewöhnlichen Lektüre ist man bei jedem neuen Panel auf der Suche nach Verbindungen, nach sich fortsetzendem Muster oder wenigstens nach sich wiederholenden Formen, die man aus vorangegangenen Panels kennt. Aber selbst bekannte Künstler wie Lewis Trondheim oder James Kochalka verwehren dem Leser diese Sinnsuche. Erst nach mehreren schweren, weißen Seiten und einigen kurzen Comics löst man sich vom Zwang sich krampfhaft an einer Narration festklammern zu müssen. Befreit von allen anderen Konventionen kann man die Farb- und Formenspiele in "Hearts" genießen, sich von Henrik Kehr "Storms" davon wehen lassen und sich in "Life Interwoven" selbst verlieren.

Alle gesammelten Exponate dieser Anthologie haben trotz ihrer scheinbaren Losgelöstheit eine gemeinsame Formensprache. Eben diese Sprache, die uns McCloud als die des Comics präsentiert, die wir stets mit einer Narration, einer Erzählung, gleichgesetzt haben.

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Verwirrend. Das Cover von Andrei Molotius Anthologie, die es im Internet und im Comicfachhandel für knapp 30 Euro zu kaufen gibt.

Durch die Verwendung der Panelstruktur auf den Seiten, überlegt man sich ob Inb Al Rabins "Pampers Welcome" nicht auch ein Comic ist, da er „zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen“ zeigt. Wie wichtig ist die Erzählung als solche noch, und ist sie wirklich mit Literatur gleichzusetzen? Was diese Comics von ihren narrativen Cousins unterscheidet ist sicherlich der Freiraum zwischen den einzelnen Panels. Während McCloud diverse Kategorien aufstellt, um die Induktion seitens des Lesers zu bestimmen, sind in Abstract Comics solchen Denkprozesse nicht auf die Freiräume zwischen den Panels, sondern auf die kleinen Bilderrahmen selbst gerichtet.

Mit Abstract Comics gibt Molotiu seinem Publikum eine Sammlung von nicht-erzählenden Comics an die Hand und hinterfragt so festgefahrene Meinungen über Comics. Der Blick auf eine genuine Kunstform scheint nicht mehr verklärt durch die Qualität von Erzählungen, die Prägnanz der Themen oder die Wertungsfragen über die Graphic Novel. Selbst wenn diese abstrakten Comics dem Leser den Eskapismus der Erzählung verwehren, so legen sie den Grundstein für einen Diskurs über die Form der Comics als solche und laden zum Hinterfragen ein.

Andrei Molotiu: Abstract Comics: The Anthology: 1967-2009, 208 Seiten, Fantagraphics, umgerechnet rund 30 Euro. Mehr unter abstractcomics.blogspot.com.

Die Homepage unseres Autors findet sich hier, zu seinem Blog geht es hier.

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