Comic-Kurzgeschichten : Kurz und gut - ein Plädoyer für den Episodencomic

Comiczeichner Bela Sobottke über den Zauber der Comic-Kurzgeschichte in Zeiten von telefonbuchdicken Integral-Ausgaben und Graphic Novels.

Valerian trifft auf Moebius, festgehalten von Bela Sobottke.
Valerian trifft auf Moebius, festgehalten von Bela Sobottke.Illustration: Bela Sobottke

Der Raum-Zeit-Agent Valerian rennt auf seinen Kumpel Slane zu, in der Hoffnung, diesmal sein Leben retten zu können. Doch der Freund leidet bereits unter Bauchschmerzen, und in wenigen Stunden wird ihm die bösartige Pflanze in seinem Magen erneut aus dem Bauch brechen wie ein Keimling aus der Muttererde. Also reist Valerian ein weiteres Mal in die Vergangenheit, um zu verhindern, dass Slane das garstige Gemüse verspeist. Vier Zeitsprünge muss er insgesamt unternehmen, um schließlich den Freund retten zu können.

Zeitreisen, exotische Welten, fantasievolle Aliens

Das ist nicht etwa der Plot für den nächsten Valerian-Film, es ist das Szenario der gerade mal 16-seitigen Kurzgeschichte „Gastmahl mit Tücken“. Und ein Musterbeispiel für effektives Storytelling: Jede Dialogzeile von Pierre Christin sitzt, jeder Strich von Zeichner Jean- Claude Mézières sowieso. Es ist die Essenz des Zeitreise-Thrillers, ein grandioses Mini-Meisterwerk. Sieben solcher Kleinode schufen Mézières und Christin zwischen 1968 und 1970 für „Super Pocket Pilote“, den kleinformatigen Ableger des Comicmagazins „Pilote“.

Knackiger Episodencomic: „Valerian & Veronique: Jenseits von Raum und Zeit“.
Knackiger Episodencomic: „Valerian & Veronique: Jenseits von Raum und Zeit“.Foto: Carlsen

Mir begegneten einige der Kurzgeschichten das erste Mal vor vielen Jahren in abgegriffenen „Zack Parade“-Taschenbüchern, und Carlsen hat sie nun komplett als „Valerian & Veronique: Jenseits von Raum und Zeit“ wiederveröffentlicht (übrigens die insgesamt dritte Carlsen-Ausgabe der Kurzgeschichten, diesmal ungekürzt im Hardcover). Der knackige Episodencomic enthält alles, was wir an Valerian und Veronique lieben: Zeitreisen, exotische Welten, fantasievolle Aliens, psychedelische Szenen, hippieske Gesellschaftskritik. Nicht weniger als ein kompaktes Destillat des Valerian-Universums wird uns hier geboten, ebenso geeignet für Kenner wie Neulinge.

Einstiegsdroge: Als Neunjähriger entdeckte unser Autor „Lucky Luke: Der Galgenstrick“ am Kiosk.
Einstiegsdroge: Als Neunjähriger entdeckte unser Autor „Lucky Luke: Der Galgenstrick“ am Kiosk.Foto: Egmont Ehapa

Ich bin der speziellen Form des Episodencomics verfallen, seit ich mir 1984 als neunjähriger Steppke „Lucky Luke: Der Galgenstrick“ am Kiosk kaufte. Der Band enthält sieben Kurzgeschichten von verschiedenen Textern, und alle übertreffen sich gegenseitig mit sprühenden Gags und grandiosen Ideen, veredelt von Morris’ erhabenen Zeichnungen. Ein blutdürstiger Lynchmob. Ein trotteliger Zorro-Verschnitt namens „Zollo“. Ein Ägypter, der im Wilden Westen Kamele verkaufen will. Eine köstliche Liebesgeschichte, in die Lucky Luke und Laura Legs verwickelt werden. Ein fanatischer Missionar. Ein Chinese, der durch die Kraft der Ruhe allen überlegen ist. Und natürlich die Daltons. Und das alles in einem einzigen Band! Als Kind war ich völlig begeistert davon, eine derartige Vielfalt für fünf Mark sechzig ergattert zu haben – und bin es heute noch.

Jedes Panel zählt: „Arzach“ von Mœbius.
Jedes Panel zählt: „Arzach“ von Mœbius.Foto: Cross Cult

Ein weiterer Episodencomic, der mich stets beeindruckt hat, ist „Arzach“ von Mœbius. 1976 zeichnete er vier achtseitige Episoden für das legendäre neu gegründete Magazin „Métal Hurlant“ und verzichtete bei seiner surrealen Fantasy-Geschichte komplett auf Text. Dafür „sprechen“ die Illustrationen umso mehr. Laut eigener Aussage hatte Mœbius „jedem einzelnen Bild einen Arbeitsaufwand und eine Energie gewidmet, vergleichbar dem, was man üblicherweise für ein Gemälde vorsieht“. Und das ist kein Zufall: Die Kürze des Formats bewirkt das bei einem Zeichner. Jede Seite, jedes Panel zählt. Die Form begünstigt beeindruckende Ergebnisse.

Es gibt noch viele weitere gelungene Episodencomics, aber für den Anfang sollen diese drei Klassiker genügen. Gerade in Zeiten von fetten Integral-Ausgaben und telefonbuchdicken Graphic Novels bietet der Episodencomic einen bemerkenswerten Gegenentwurf. Schwafeln können die anderen. Hier zeigt sich auf eindrucksvolle Weise, dass diese zwei Eigenschaften sich keinesfalls ausschließen: kurz und gut.

Unser Autor Bela Sobottke ist Grafiker und Comiczeichner und lebt in Berlin. Zur Zeit arbeitet er, wie sollte es anders sein, an einem Episodencomic über den runtergekommenen Revolvermann Rocco.

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