Comic-Literatur : Der erste Mord

Comic-Autor Brad Meltzer verarbeitet in seinem neuen Roman „Das Buch der Lügen“ einen historischen Mord - das Opfer war der Vater von „Superman“-Schöpfer Jerry Siegel.

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Drei Schüsse in die Brust. In den Geschichten des ersten Comic-Superhelden - hier eine Szene aus dem Superman-Heft # 1 von 1939 -...Illustration: Shuster/DC Comics

Manchmal ist die Decke nun mal einfach viel zu kurz. Bereits mit seiner vierten Comicarbeit kam der schreibende Rechtsanwalt Brad Meltzer an seine Grenzen: Der 14 Hefte lange Run der „Justice League of America“ begann viel versprechend, versandete in der Mitte in einem unnötig komplizierten Crossover und kroch am Ende nur noch mit Müh‘ und Not über die rettende Ziellinie: Meltzer brach die Team-Struktur der Serie auf und beschränkte sich einfach auf seine persönlichen Lieblingsfiguren. Natürlich weiß man als Leser von US-Heften niemals genau, wer hier etwas versaubeutelt, ob es nun ein schwächelnder Autor oder umschreibwütiger Redakteur ist. Angekreidet wird solche Schwäche aber immer dem Autor.

Besonders schade, denn die ersten Comics des heute 40-Jährigen waren durchaus lesenswert: Die „Young Avengers“ pusteten viel frische Luft in die 40 Jahre alten „Avengers“. Die Miniserie „Identity Crisis“ ist ein mehr als solider Krimi im Superheldenmilieu und seinen fünf Hefte langen Gastauftritt beim „Green Arrow“ kann man getrost als das Highlight der Reihe bezeichnen. Genau anders herum lief es bei den Romanen des studierten Juristen. Die ersten, zum Subgenre der Justizthriller zählenden Bücher, erinnerten noch stark an John Grisham. Später wechselte er in Richtung Politthriller. Sein neuester Roman, „Das Buch der Lügen“ dagegen könnte auch ohne weiteres als Dan-Brown-Ripp-Off durchgehen - nur ohne billige Kirchen-Kritik -, wenn Meltzer nicht eine überaus raffinierte zweite Ebene eingezogen hätte. Und die hat nun wieder viel mit Comics zu tun.

Viele Rätsel um den ersten aller Superhelden

Zunächst geht es jedoch um Kain und Abel, den ersten Mord der Menschheitsgeschichte und die Suche nach der Tatwaffe. Eher durch Zufall gerät der ehemalige Zollfahnder Calvin Harper in diese Geschichte: Nach mehreren Schicksalsschlägen - Cal musste als Kind mit ansehen, wie der eigene Vater den Tod seiner Frau verschuldete, später wird er als Zollbeamter entlassen - arbeitet der früh ergraute junge Mann jetzt für die Wohlfahrt und kümmert sich um Obdachlose in Meltzers Heimatstadt Miami.

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Da stößt er eines Abends auf einen Stadtstreicher, den er kennt: seinen eigenen Vater, der von einem Killer angeschossen wurde. Bald befinden die beiden ungleichen Männer sich auf der Flucht und in eine Intrige verstrickt, die seit vielen Jahren aufgebaut wurde.

Natürlich ist das zunächst mal ganz elender US-Mainstream, im Tempo suggerierenden Präsenz geschrieben, mit kurzen Kapiteln, die alle mit einem Kliffhänger enden, immer auf eine mögliche Verfilmung schielend. Eine Charakterisierung gibt es kaum und die Dialoge sind langweilig-effektiv. Aber wie Meltzer das dann mit der Geschichte von Mitch Siegel, dem Vater des „Superman“-Schöpfers Jerry Siegel, verknüpft, das ist extrem unterhaltsam. Um die Schöpfung dieses ersten aller Superhelden gibt es nämlich weitaus mehr Rätsel, als uns selbst Michael Chabon, Autor der hochgelobten „Unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, verraten wollte.

Warum log die Familie über die Todesursache?

Wie etwa hat es Mikhel Segalovich geschafft, sich als mittelloser, litauischer Jude aus dem gnadenlosen und rassistischen Militärdienst des Zaren zu befreien? Warum hat er bei der Einwanderung in die USA seinen Namen so radikal geändert? Warum wurde er 30 Jahre später mit drei Schüssen in die Brust getötet? Und warum log die Familie über die Todesursache? Wie autobiografisch sind die teilweise verschollenen ersten „Superman“-Entwürfe von Jerry Siegel und seinem Freund Joe Shuster? Und was haben die Nazis und die Thule-Gesellschaft mit all diesen Rätseln zu tun? Und kann ein druckfrisches Exemplar von „Action Comics“ # 1 den Fall lösen?

Alle diese Fragen beantwortet Meltzer zufrieden stellend in diesem Roman, der in der zweiten Hälfte immer spannender und komplexer wird, bis hin zu einem überraschenden, antiklimatischen Schluss. Hier erweist sich der gebürtige New Yorker als intimer Kenner der Comicszene, der all diese Erzählstränge liebevoll verknüpft. Wenn „Superman“ nicht gerade im Moment so gute Autoren hätte (Meltzers Krimikollege Greg Rucka zählt zu ihnen), man würde sich sofort eine Geschichte aus seiner Feder wünschen.

Das Buch der Lügen. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Goga-Klinkenberg und Ulrike Thiesmeyer. Rowohlt Taschenbuch, 448 Seiten, 9,95 Euro. 

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