Comic-Literatur : Menschen nach Maß

Der Zeichner Michael Meier hat sich eine Groteske von 1890 vorgenommen – und macht daraus eines der interessantesten Comicdebüts des Jahres.

Lars von Törne
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Maßarbeit. Szene aus "Die Menschenfabrik"Illustration: Meier

Was macht den Menschen zum Menschen? Um diese Frage, die die Philosophie seit jeher beschäftigt, dreht sich eine gezeichnete Kurzgeschichte, die zu den interessantesten deutschen Comics des Jahres gezählt werden darf.

Michael Meiers „Die Menschenfabrik“ basiert auf einer 120 Jahre alten Kurzgeschichte des heute kaum bekannten Münchener Schriftstellers Oskar Panizza. Eine gelungene schriftstellerisch-zeichnerische Verbindung über die Jahrhunderte hinweg: Die verstörende Handlung um einen Menschen am Rande des Wahnsinns setzt Meier in einer handwerklich meisterhaften, in ihrer Makellosigkeit bezaubernden und doch zugleich verstörend makabren Ästhetik um.

Die Groteske, deren Autor das Ende seines Lebens in einer geschlossenen Psychiatrie verbrachte, handelt von einem Reisenden, der zufällig in einem geheimnisvollen Haus landet. Es stellt sich als Fabrik heraus, in der Menschen am Fließband und nach Kundenwünschen produziert werden – Ausgangspunkt eines moralische Grundfragen aufwerfenden Disputs zwischen dem Besucher und dem Fabrikbesitzer, in dem der Wahnwitz, aber auch die Verlockungen eines „Menschen nach Maß“ diskutiert werden.

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All dies zeigt Meier in dem Buch, das zugleich seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Kassel ist, mit fein konturiertem Strich in gedämpften, oft bedrohlich düster wirkenden Pastelltönen. Seine Figuren erscheinen trotz einer karikierenden Überzeichnung bemerkenswert lebendig, dezente Raster und Schattierungen geben ihnen Plastizität.

„Die Menschenfabrik“ ist eine Parabel auf den Perfektionswahn und den Glauben an die unbedingte Überlegenheit von Wissenschaft und technischem Fortschritt, der die Menschheit schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ähnlich umtrieb wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer. Der rhetorische Zweikampf zwischen dem Besucher, der beim Rundgang durch die gruselige Fabrik die Ideen von Tradition und natürlicher Schöpfung verteidigt, und dem Fabrikbesitzer, der die kapitalistische Moderne und das am Kundenwunsch orientierte Dienstleistungsprinzip vertritt, wirkt auch 120 Jahre nach Erscheinen des Ursprungstextes zeitgemäß.

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Ein beachtliches Debüt, das - nicht nur wegen seines dramaturgisch genialen, trotz des ohnehin dunklen Grundtons der ganzen Geschichte unerwartet bösen Finales - den Leser noch eine Weile in Gedanken verfolgt. Und eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit einer wahnsinnig erscheinenden Idee, die angesichts der jüngsten Nachrichten von aus tierischen Hautfetzen geklonten Mäusen weit weniger absurd erscheint, als es zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung des Textes der Fall gewesen sein dürfte.

Michael Meier: "Die Menschenfabrik", nach der gleichnamigen Geschichte von Oskar Panizza (1853 - 1921), 16,7 x 23cm, 56 Seiten, 4-farbig, 50 Seiten, 15 Euro. Verlegt und zu beziehen bei dem von Michael Meier mitgegründeten Verlag Rotopolpress. Die Website des Zeichners und Autors Michael Meier findet sich hier. 

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