Comic „Lydie“ : Wo ist das Baby?

Ein bisschen kitschig, ein bisschen böse und schön absurd: Jordi Lafebre und Zidrou erzählen in „Lydie“ eine Dorfgeschichte über Verlust, Fantasie und Solidarität.

Marie Schröer
Familienidyll mit Rissen: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Familienidyll mit Rissen: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Salleck

„Lydie“ ist der Name dieses Comics – doch welcher Figur auf dem Cover ist er zuzuordnen? Das Zentrum füllt eine zierliche Frau im massiven Sessel, die selig lächelnd ein Bündel im Arm wiegt. Eingerahmt wird sie von einem älteren Herrn im schwarzen Dreiteiler zur Linken und einem Tischchen mit weißen Calla-Lilien zur Rechten. Wasserwelle und bodenlanges Kleid, das Dekor und der Stil eines sehr alten, abgewetzten Familienfotos vermitteln nostalgische Flohmarktatmosphäre. Doch wie im Foto zeigen sich auch im dargestellten Familienidyll Risse: Gequält, nicht stolz schaut der stattliche Herr der Dame über die Schulter, und deren versonnenes Lächeln geht – ins Leere: Da ist zwar ein Bündel, aber wo ist das Baby?

Die „Schnurrbärtler“ halten zusammen

Schauplatz der Geschichte ist ein belgisches Dorf in den 30er Jahren, genauer eine Straße. Nach einem bekritzelten Werbeplakat, das nie entfernt worden ist, nennen die dort Ansässigen sie „Gasse des Babys mit dem Schnurrbart“. In der Nische über der Haustür mit der Nummer 3 wohnt eine Marienfigur aus Buchenholz, der das Jesuskind abhanden gekommen ist. Gleich nebenan Victor, der in der ersten Szene sieben Katzenjunge ertränkt – bevor die Kinder wach sind, natürlich. Nach Sichtung des Titelbildes und der ersten vier Seiten ist das Leitmotiv erkannt. Bisherige Babybilanz: Eine Mutter ohne Nachwuchs, eine Maria ohne Messias, ein schnurrbärtiger Papiersäugling und sieben tote Katzenbabys.

Nostalgische Atmosphäre: Das Cover des besprochenen Albums.
Nostalgische Atmosphäre: Das Cover des besprochenen Albums.Foto: Salleck

Im Zentrum der Geschichte von Jordi Lafebre und und Benoît Drousie alias Zidrou steht die Cover-Dame in Mutterpose. Aus ihrer Nische meldet sich die Madonna als Erzählerin zu Wort: „Ich kann Ihnen alles erzählen, denn ich hatte einen Logenplatz“. Und so erfahren wir, welches Schicksal die Protagonistin Camille ereilt hat (die in ihrer rührenden Gutmütigkeit und Naivität Assoziationen an die Comiclegende Bécassine weckt). Der Comic nimmt dieses Ereignis zum Anlass ein Tableau der Dorfgemeinschaft zu entwerfen: An skurrilen und grafisch herrlich überzeichneten Charakterköpfen mangelt es nicht.

Gleich zu Beginn diskutieren die selbsternannten „Schnurrbärtler“ im Café Lefort Camilles Schicksal in rasantem Schlagabtausch. Aus der hintersten Ecke zetert eine groteske Erscheinung, die Dorfalkoholikerin La Malisse. Die vom Alkohol gezeichnete krähenhafte Gestalt, zu allem Überfluss mit einem Federhütchen gekrönt, könnte einem Gemälde von Otto Dix entsprungen sein. Camille sei ein „Flittchen“, tönt sie, „die noch weniger Anstand als Grips“ habe. Sofort wird sie von einem anderen knollnasigen Stammgast ruhiggestellt: „Auf jeden Fall, was Dich angeht, La Malisse, so würde es mich nicht wundern, wenn sich deine Mutter gerade den Arsch mit Essig abgeschrubbt hätte, als sie dich geboren hat!“

Doch auch wenn sie nicht immer in trauter Eintracht miteinander leben: Wenn es darauf ankommt, halten die „Schnurrbärtler“ zusammen. Sie hieven La Malisse immer wieder routiniert nach Hause, wenn diese sich oder auch ihre Blase nicht mehr kontrollieren kann. So verwundert es auch nicht, dass sie (bis auf die Bande notorisch boshafter Lausbuben) alle mitspielen, als Camille von einem Wunder zu berichten weiß. Es ist ein Dorfmärchen über die Kraft der Fantasie und Solidarität, das mit spritzigen Dialogen, markanten Charakteren und absurden Elementen das Abdriften in allzu gefühlsduselige Sphären zu umschiffen weiß – und so ein im doppelten Sinne fabelhaftes Schauspiel bietet.

Jordi Lafebre (Zeichnungen) und Zidrou (Szenario): Lydie, Salleck Publications, 60 Seiten, 20 Euro

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