Comic Strips : Happy Birthday, Woody!

Woody Allen wird 75 - und der Zeichner Stuart Hample erinnert sich, wie er aus dem Komiker eine Comicfigur machte.

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Stadtneurotiker. Die Strips mit Woody Allen verhalfen Stuart Hample Mitte der siebziger Jahre zum Durchbruch als Comiczeichner.Illustrationen: Stuart Hample/Knesebeck-Verlag

Ich sah Woody Anfang der 60er Jahre in Greenwich Village in Clubs wie »Bitter End« und »Upstairs at the Duplex« auftreten, manchmal musste er gratis auftreten, manchmal war es ein richtiger Flop.

Eines Abends hatte er nicht einen einzigen Lacher. Ja, Woody Allen! Nicht einmal Gekicher, nicht das leiseste Glucksen (außer von Jack Rollins - Woodys Manager - und mir in der hintersten Reihe).

Selbstverständlich war sein Auftritt ungemein originell, genial witzig – die gleiche Masche, mit der er später, als er einen Namen hatte, seine Zuschauer amüsierte –, aber an jenem Abend war der Kontakt zum Publikum null.

Später saß Woody niedergeschlagen in der Garderobe. »Das Publikum hatte was gegen mich«, murmelte er. Rollins blies gedankenvoll blauen Rauch in die Luft. »Die Zuschauer müssen dich mögen, bevor sie über deine Witze lachen. Sie haben gespürt, dass du gegen sie warst.« Er biss ein Stück vom Zigarrenwickel ab, spuckte es in den Abfalleimer und fuhr fort: »Könntest du rauskommen und deine Show ganz allein für dich abziehen, egal ob du Lacher hast oder nicht?« Woody war sich nicht sicher. Jack drängte ihn, es an mindestens zwanzig Abenden zu versuchen. Ich hatte damals kein Aufnahmegerät dabei, deshalb kann ich diesen Dialog nicht hundertprozentig genau wiedergeben. Aber ich habe ihn nach bestem Wissen und Gewissen nacherzählt.

Rollins' Rat befolgend trat Woody Woche für Woche beharrlich auf. Nach und nach wurde er sicherer und bekam sein Publikum schließlich bestens in den Griff. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Die Arbeit mit Woody als Rettung vor dem Nervenzusammenbruch

1975 war ein relativ gutes Jahr. Präsident Nixon war weg, und eine Schar seiner korrupten Führungsriege saß zur Strafe für den Watergate-Skandal im Knast. Die US-Army zog aus Vietnam ab. Charlie Chaplin wurde zum Ritter geschlagen. Ich hatte Field Enterprises einen Comic mit dem Titel »Reich und berühmt« verkauft. Das waren die guten Neuigkeiten.

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Chronische Selbstzweifel. Ein Strip von 1979.Illustration: Hample/Knesebeck

Die weniger guten: »Reich und berühmt« machte mich weder das eine noch das andere. Ich blieb Knecht in einer Werbeagentur und musste meine Comics nachts produzieren. Tagsüber machte ich Fernsehwerbung für eine Zigarettenmarke, die diskret Krebs verbreitete. Hätte ich diese geisttötende Arbeit noch viel länger machen müssen, so hätte das mit einem Nervenzusammenbruch und anschließendem Amoklauf geendet. Was konnte ich nur tun?

Ich träumte davon, etwas ganz Neues zu finden, um mir meine Brötchen zu verdienen, der Familie ein Dach über dem Kopf zu bieten und mich aus der Werbebranche zu verabschieden.

Und plötzlich ging mir eine ganze Theaterbeleuchtung auf! Mir kam die Idee, dass die Person Woodys – der in einer gleichgültigen Welt lebende Einsame, der Mann, der mit den Frauen nicht zurechtkam, der von seinen Eltern Gedemütigte (ich wusste, was gelaufen war), diese ganze Thematik, garniert mit einigen der lustigsten Antworten seit Oscar Wilde – einen fantastischen Comic ergeben müsste und mich aus der Knechtschaft der Werbeagentur befreien könnte!

"Und wie ist es mit den Witzen?"

Hm. Wie würde Woody, der jetzt 39 Jahre alt war und enormen Erfolg hatte, auf meine Idee reagieren? Immerhin hatte er mittlerweile "Was gibt’s Neues, Pussy?" geschrieben und darin gespielt, damals die erfolgreichste Komödie der Filmgeschichte; er war Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller in "Woody, der Unglücksrabe", "Bananas", "Mach’s noch einmal, Sam", "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten", "Der Schläfer", "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko". Er hatte in "Der Strohmann" gespielt; er war Autor zweier Broadway-Hits: "Vorsicht, Trinkwasser", "Spiel’s noch einmal, Sam"; er schnitt gerade den Film "Der Stadtneurotiker", der später vier Oscars kassierte, darunter den für den besten Film.

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Seelenqual. Bei vielen seiner Strips spielte Hample mit dem Bild, das Woody Allen in seinen Filmen von sich entworfen hatte.Illustration: Hample/Knesebeck

Wie also würde Woody auf meine Idee reagieren? Ich spielte die zu erwartende Szene im Kopf durch:
Ich (am Telefon): Woody, ich habe eine Idee für einen Comic Strip über dich. Ok?
Woody: Tut mir leid. Stecke bis zum Hals in Arbeit, schreibe an einem Film, ein anderer muss geschnitten werden, für den New Yorker ist ein Beitrag fällig. Ich brauche das Geld nicht. Versuch es nächstes Jahr nochmal.

Also fragte ich ihn persönlich. Woodys Neugier ging immerhin so weit, dass er sagte: »Zeig mir ein paar Entwürfe.« Ich hielt mich bei den Zeichnungen an das Aussehen, das er als Endzwanziger hatte, als ich ihn kennenlernte.

Er gab grünes Licht für die Cartoonfigur Woody (und ließ sie sogar für eine Trickfilmsequenz in "Der Stadtneurotiker" animieren), dann fragte er: »Und wie ist es mit den Witzen?« Ich zeigte ihm ein paar Entwürfe. Er überflog sie und sagte dann: »Ja – vielleicht könnte ich dir dabei helfen.«

"Unbequeme Art von Kreuzigung"

O Gott! Woody Allen bot mir an, mir bei den Witzen zu helfen! In der Annahme, er wolle sogar die Witze für mich schreiben, war ich schon versucht, »Mein Retter!« zu rufen, doch ich besann mich eines Besseren und sagte ganz ruhig »okay«. Das passte auch besser, weil sich die angebotene Hilfe als ein paar Dutzend Seiten mit Witzen entpuppte, die er in seinen Entertainerjahren zusammengetragen hatte.

Einige davon waren Gedankensplitter wie »Muskeln in ihren Haaren« oder »Sie banden mich an den Judenstern – unbequeme Art von Kreuzigung«. Andere waren noch kürzere Themenhinweise: »Stierkampf«, »Astrologie«. Gelegentlich half mir Woody wie ein Rosetta-Stein bei der Entzifferung seiner Hieroglyphen.

Es waren aber auch längere Anmerkungen darunter.
»Von Politik habe ich keine Ahnung. Ich weiß bloß, dass zwei Männer gegeneinander antreten und dass der, der die meisten Stimmen kriegt, nicht unbedingt der Sieger ist.«
»Sketch – Mann, der nach seiner Evolution mit dem weiblichen Affen Schluss macht.«

»Psychoanalytisches Institut N.Y. – Liste der zehn meistgesuchten Personen.«
»Underground-Film mit Vietnam-Wochenschauen. Von hinten nach vorn vorführen, dann sieht es eineinhalb Stunden so aus, als würden wir den Krieg gewinnen.«
»Ich kam als Jude und Demokrat zur Welt. Ich wusste nicht, was von beiden meine Religion war.«

Es waren auch kurze Texte mit szenischem Charakter darunter: »Freud war unfähig, Plinzen zu bestellen. Er schämte sich, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Wenn er in einen Feinkostladen ging, sagte er: ›Geben Sie mir eine dieser Crêpes mit Käse in der Mitte.‹ Wenn der Ladenbesitzer fragte: ›Meinen Sie Plinzen, Herr Professor?‹, wurde Freud rot und rannte mit fliegenden Rockschößen durch die Straßen Wiens. Vor lauter Wut begründete er schließlich die Psychoanalyse und sorgte dafür, dass sie nicht funktionierte.«

Woody erlaubte mir, diese Splitter nach Bedarf für die Comics zu adaptieren und darüber hinaus nach Belieben Material aus seinen Büchern, Filmen, Stücken und Sketchen zu entnehmen.

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Wunsch und Wirklichkeit. Diesen Strip veröffentlichte der heute 83-jährige Hample 1977.Illustration: Hample/Knesebeck

Wenn es irgendein pikantes Detail gäbe, wenn die Erfahrung schrecklich gewesen wäre, so brauchte man mir keine Daumenschrauben anzulegen, um mich zum Sprechen zu bringen. Die Arbeit in den fünfziger Jahren mit einem anderen berühmten Humoristen an einem anderen Comic Strip hatte in einer Katastrophe geendet.

Mit Woody aber befand ich mich in ruhigen Gewässern. Er war bereits eine internationale Ikone, praktisch der einzige Regisseur, der den Endschnitt bestimmte, der Liebling der amerikanischen Kino-Schickeria, die ganz große Nummer und trotzdem von vorbildlichem Charakter: bescheiden, tüchtig, verlässlich, zielstrebig, loyal, verständnisvoll bei Fehlern, scharfsinnig, ernsthaft und – weiter nicht verwunderlich – geistvoll, aber auf eine diskrete Art. Er ist niemals »auf Sendung«. Selbst wenn er einen archetypischen Allen-Witz von sich gibt, geht das ohne Augenrollen ab, ohne selbstgefälliges Grinsen, ohne manische Selbstdarstellung, ohne Alles-hört-mir-zu-Attitüde. Woody ist natürlich und authentisch – vielleicht auch dank einer guten »Seelenklempnerin«.

Übrigens treibt er sich nicht mit Komikern herum, sucht nicht das Rampenlicht auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und Preisverleihungen, verlangt nicht, dass sein Name über dem Titel erscheint. Außerdem hat er unglaublich saubere Hände. Und die Zusammenarbeit mit ihm war mit einer Belohnung verbunden: Durch ihn entdeckte ich See’s Lollis.

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Gesammelte Werke. Stuart Hamples Strips sind auf Deutsch bei Knesebeck erschienen. Der Band mit 220 Strips hat 240 Seiten und...Illustration: Hample/Knesebeck

Zum Abschluss muss man noch hervorheben, dass ein beharrlicher Gerichtsmediziner im Ton dieser Comicserie zwar hier oder dort Woodys DNA nachweisen könnte, dass sie aber nicht von Woody gemacht wurde. Würde sie von ihm stammen, so hätte sie wahrscheinlich weniger Leser erreicht, wäre aber wesentlich lustiger geworden.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Vorwort zu dem Buch „Vom Irrsinn des Lebens – Woody Allen in Comic-Strips“, das bei Knesebeck erschienen ist. Es versammelt alle Woody-Allen-Strips des Zeichner Stuart Hample aus den Jahren 1976 bis 1981, hat 240 Seiten und kostet 29,95 Euro. Mehr unter www.knesebeck.de. Wir danken dem Verlag für die Erlaubnis zum Abdruck des Textes.

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