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Comicfestival Angoulême : Echte Franzosen

22.12.2012 16:48 Uhrvon
Provinzkrimi: Eine Seite aus „Intrus à l’étrange“. Foto: PromoBild vergrößern
Provinzkrimi: Eine Seite aus „Intrus à l’étrange“. - Foto: Promo

Ende Januar findet in Angoulême wieder das größte Comicfestival Europas statt. Was wurde eigentlich aus den Siegern der Vorjahre? Zumindest zwei Titel werden in Deutschland wohl kaum je erscheinen.

Das Comicfestival in Angoulême ist seit Jahren auch für den deutschen Comicmarkt maßgeblich. Fast alle der als beste Alben prämierten Comics seit 2000 sind auf dem deutschen Markt erschienen – und von diesem nicht mehr wegzudenken. Die Werke von Guy Deslisle (Bestes Album 2012), Manuele Fior (2011), Winshluss (2009), Shaun Tan (2008), Gipi (2006), Marjane Satrapi (2005), Manu Larcenet (2004), Chris Ware (2003), Christophe Blain (2002), René Pétillon (2001) und Pascal Rabaté (2000) sind allesamt bei den wichtigsten deutschsprachigen Comicverlagen in einer deutschen Übersetzung erschienen.

Der Preisträger von 2007, der japanische Mangazeichner Shigeru Mizuki, ist einer der wichtigsten Comicschaffenden Japans. Dass keines seiner Werke in einer deutschen Übersetzung vorliegt, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Die nicht übersetzten Siegerbände von Riad Satouff (2010) liegen nicht auf Deutsch vor, weil sie nicht ausreichend für den internationalen Markt geeignet scheinen – sie sind zu französisch, wenn man so will. Ihre Prämierung war eine Verbeugung vor dem französischen Comic bei dem französischen Comicfestival. Dass diese Verbeugung beim wichtigsten Preis des Festivals stattfindet, ist schon etwas außergewöhnlich, wenngleich man hier zugeben muss, dass Riad Satouff mit seiner Serie um den Vorstadtrowdy Pascal Brutal eine fantastische Satire der französischen Großstadtverhältnisse geschaffen hat.

Die Verbeugung der Jury vor dem französischen Comic findet jedes Jahr statt, meist aber in den Nebenkategorien, etwa beim Preis für das beste Comicdebüt, bei der Auszeichnung der besten Kriminalgeschichte der französischen Bahn oder bei der Palme des französischen Buchhändlers FNAC. Wenngleich mit den Prämierungen in diesen Kategorien auch schon internationale Stars wie Cyril Pedrosa, Ulli Lust, Bastien Vivès oder Marjane Satrapi entdeckt (und später gefeiert) wurden, finden sich in diesen Nebenkategorien auch immer wieder „echte Franzosen“, Bände also, die sich in einer solch comicverrückten Gesellschaft wie der französischen behaupten können, aber nicht unbedingt für den internationalen Markt geschaffen sind. Zu diesen Bänden gehören zweifelsohne Gilles Rochiers Debütcomic, der Banlieue-Erzählung „TMLP – Ta mère la Pute“ (dt. Deine Mutter die Hure), und Simon Hureaus Krimi aus der französischen Provinz „Intrus à l’étrange (dt. Der seltsame Eindringling).

Banlieue-Alltag: Eine Szene aus „TMLP – Ta mère la Pute“. Foto: PromoBild vergrößern
Banlieue-Alltag: Eine Szene aus „TMLP – Ta mère la Pute“. - Foto: Promo

Gilles Rochier erzählt in naivem Strich die real anmutende Geschichte einer Clique Heranwachsender in einer französischen Großstadt. Zwischen den Plattenbauten gibt es wenig Erbauliches, die Armut und Tristesse, die den Alltag der Jugendlichen prägen, werden mit allerlei Blödsinn, pubertären Streichen und scheinbarer Coolness verjagt. Alle Lässigkeit gerät aber an ihre Grenzen, wenn es um die Mütter geht. Wenn eine der Mütter der jungen Wilden abends an einer bestimmten Bushaltestelle im Viertel gesehen wird, brodelt es in der Gerüchteküche. Denn diese Haltestelle hat den Ruf eines nächtlichen Straßenstrichs. Jeder weiß, welche Mütter dort nachts der eigenen Armut den Kampf ansagen, doch niemand spricht es aus. Erst in der Not wird der Satz „Deine Mutter ist eine Hure“ zum schlechten Anker in der Not, zur provozierenden Geste, zum Schlachtruf im Machtkampf auf dem Bolzplatz, der eines Tages eskaliert. Es kommt zur Katastrophe.

Gilles Rochier überträgt in seinem Album die Komplexität der Lebenssituation der Jugendlichen in faszinierend einfache Szenen, ohne dabei auf Tiefgründigkeit zu verzichten. Gerade das macht diesen Comic lesenswert. Sollte die Diskussion um die Zustände in sozialen Brennpunkten noch einmal derart aufkommen, wie nach den Unruhen in den französischen Vorstädten 2005, dann kann es sein, dass sich recht schnell ein deutscher Verlag für Rochiers Debütalbum interessiert. Bis dahin aber wird hierzulande die französischsprachige Lektüre die einzige Möglichkeit bleiben, den Band zu entdecken.

Siegertitel: Die Cover der prämierten Bücher von Gilles Rochier und Simon Hureau. Foto: PromoBild vergrößern
Siegertitel: Die Cover der prämierten Bücher von Gilles Rochier und Simon Hureau. - Foto: Promo

Kaum bessere Aussichten hat Simon Hureau mit seinem Provinzkrimi „Intrus à l’étrange“. Seine mit schwarzer Tinte gezeichnete Geschichte ist streng genommen gar kein Krimi, denn es gibt weder Mörder noch Täter. Was es gibt, ist ein Geheimnis, und diesem ist der in Paris gescheiterte Anti-Held Martial auf der Spur. Nach dem Tod seines Großvaters entdeckt er in dessen Wohnung zwei verschlossene Koffer, die beide für einen Felix Larose in einem Ort mit dem vieldeutigen Namen Magnat-L’Étrange bestimmt sind. Martial beschließt, jenem die Koffer zu überbringen und macht sich auf in das kleine Dorf, das in der Mitte von Frankreich liegt und 231 Einwohner hat. Über den Ortsnamen, den man mit „der seltsame Großgrundbesitzer“ übersetzen könnte, liest man in der französischen Wikipedia, dass er nicht etwa auf übernatürliche (seltsame) Phänomene zurückgeführt werden kann, sondern auf die beiden Familien, die einst die Geschicke des Ortes bestimmt haben.

Dieser Eintrag wie auch die mögliche Bedeutung des Ortsnamen scheint Simon Hureau inspiriert zu haben, seine Geschichte zu schreiben. Denn an seltsamen Ereignissen mangelt es in dieser Erzählung, die in ihren Grundzügen ein wenig an Fred Vargas’ Krimi „Der verbotene Ort“ erinnert, keineswegs. Jenen Felix Larose, den Martial in dem Ort aufsuchen will, kennt dort angeblich niemand. Die ältere Dame in Magnat-L’Étrange, mit der Martials Großvater bis zu seinem Tod noch leidenschaftliche Liebesbriefe ausgetauscht hat, stirbt kurz nach seiner Visite. Ein heruntergekommener Künstler im Ort wird von den Dorfbewohnern bedroht, weil er nachts als Vampir angeblich sein Unwesen treibt – was wiederum einen Gothic-Blogger anlockt und einen selbsternannten Experten für Flughunde auf den Plan hebt. Eines Nachts nimmt Martial dann eine seltsame Spur auf und entdeckt das „dunkle“ Geheimnis des Ortes. Ein seltsamer Großgrundbesitzer spielt dabei auch noch eine Rolle.

Vom Strich her erinnert Hureau ein wenig an den französischen Großmeister des Kriminalcomics Jacques Tardi, der in Deutschland für seine Geschichtsreihe „Die Macht des Volkes“ bekannt ist, in Frankreich aber auch mit seinen Nestor-Burma-Adaptionen des französischen Krimiautors Léo Malet große Erfolge feiert. Mit Tardi kann Simon Hureau aber nicht mithalten, wenngleich er in Frankreich für seine präzisen und detaillierten Zeichnungen gelobt wurde. Seine Erzählung hat jedoch eine markante Schwäche: Sie ist kein wirklicher Krimi, sondern entwickelt sich als Ansammlung von Seltsamkeiten zu einer Groteske. Als solcher sind der geheimnisumwitterten Geschichte aus der französischen Provinz kaum Chancen auf dem deutschen Comicmarkt auszurechnen.

Gilles Rochier: TMLP – Ta mère la pute. 6 pieds sous terre, 65 Seiten, 16,- Euro.
Simon Hureau: L’intrus à l’étrange. La boite à bulles, 150 Seiten, 24,35 Euro.

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