Comicforschung : Zeichen der Zeit

Ein neuer Sammelband vermittelt hervorragende Einblicke in den aktuellen Stand der deutschen Comicforschung.

Sven Jachmann
Macht der Bilder. Die Titelillustration des Bandes zeigt die vielen Facetten des Themas.
Macht der Bilder. Die Titelillustration des Bandes zeigt die vielen Facetten des Themas.© Anjin Anhut/Transcript

Die Zeichensprache der Comics ist universal, ihre Grammatik hingegen (obwohl diese Analogie zum System Sprache wiederum derart viele kritikwürdige Implikationen in sich birgt, dass sie nichts taugt) ist es nicht. Solche Sätze fanden sich oft in den deutschsprachigen Monographien und fachwissenschaftlichen Arbeiten vor allem in den 70er Jahren zu Comics. Ihre Verfasser mussten notgedrungen zum Ausdruck bringen, dass sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem in der Öffentlichkeit und in der Regel auch innerhalb der Disziplinen verpönten Gegenstand trotzdem lohne. Und wenn es nicht um pädagogische Schelte ging, war das Vorgehen meist deskriptiv.

Diese Berührungsängste sind schon aus Gründen der Interdisziplinarität schwer aufrecht zu erhalten bzw. die zeitgenössischen interdisziplinären Arbeiten ließen sich gut als Vorläufer einer institutionalisierten Comicforschung begreifen - und ihnen verdankt sich denn auch die einschränkende Klammerbemerkung des ersten Satzes. Denn fernab von sozialhistorisch formalistischen Brückenschlägen zum Teppich von Bayeux, die wenig vom Eindrucks einer hochgradig beklommenen Sublimierung für die Beschäftigungsfreude mit einem niedrigwertigen Kulturphänomen der Moderne nehmen konnten, setzt man mittlerweile die Dringlichkeit der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Comic als bekannt voraus. Schließlich ist er da. Das Anknüpfen an die Tradition der Cultural Studies vermerken die Herausgeber des Sammelbandes „Comics. Zur Geschichte eines populärkulturellen Mediums“ entsprechend im Vorwort. Und bieten anschließend in Form von insgesamt zwölf Aufsätzen ausreichend methodischen Raum für genealogische, formalästhetische, sozialgeschichtliche und einzelanalytische Erörterungen.

Ein Vergleich zum ebenfalls im letzten Jahr veröffentlichten Sammelband der Edition Text + Kritik drängt sich allenfalls der Form wegen auf. Dort standen die Inhalte in einigen Fällen etwas unvermittelt nebeneinander. Dem vorliegenden Buch hingegen ging 2008 eine Ringvorlesung an der Universität Göttingen voraus, was eine stärkere Bezugnahme der einzelnen Beiträge zur Folge hat.

Von „Sandman“ bis zu Superheldencomics

Stephan Packards Frage „Was ist ein Cartoon?“ erklärt zugleich mit psychosemiotischen Instrumentarien implizit den interdisziplinären Zugriff: Ein Medium, das mit Bild und Wort arbeitet, ist vielleicht gewinnbringender als zeichensystemische Erscheinung zu dekodieren, anstatt voreilig der Literatur- oder Kunstwissenschaft zugewiesen zu werden. Auf welchen erzählerischen Prinzipien diese Wort/Bild-Verknüpfung fußt, versuchen anschließend Stephanie Hoppeler, Lukas Etter und Gabriele Rippl mithilfe der intermedialen Narratologie anhand von Neil Gaimas „Sandman“ zu erläutern. Dahinter steht natürlich auch immer die stets faszinierende Frage, woraus der Comic seine Attraktivität als leicht verständlicher Bedeutungsträger speisen konnte und speist. Das gilt für serielle Ästhetik der amerikanischen Zeitungscomics ebenso wie für die narrative Struktur der Superheldencomics, denen sich Frank Kelleter und Daniel Stein bzw. Stephan Ditschke und Anjin Anhut widmen.

Dass die Problematik der Frage, wie der Symbiose von Text und Bild adäquat zu begegnen sei, nicht ausnahmslos eine akademische ist, zeigen sehr schön auch Beiträge, von denen man es im ersten Augenblick vielleicht nicht vermuten würde. In Stephan Ditschkes Untersuchung zur Etablierung des Comics im deutschsprachigen Feuilleton der überregionalen Tagespresse wird beispielsweise deutlich, dass dessen Literarisierung nicht bei der Beachtung auf den Literaturseiten endet, sondern zumeist auch mit einer inhaltlichen Fokussierung der Texte verknüpft ist - Problematisierungen des Zeichenstils oder der Panelstruktur bilden in den seltensten Fällen den Ausgang.

Auch die weiteren Beiträge, insbesondere Ole Frahms exzellente Kritik der historisierenden, bürgerlichen Versuche einer Comicgeschichtsschreibung mittels Begriffe wie Genie, Werk und Avantgarde, die aufgrund der selbstreflexiven Struktur der Comics schon immer problematisch, dank der Erzählmodi der Independent-Comics aber nunmehr längst auf den Kopf gestellt worden seien, bieten einen hervorragenden Einblick darin, wie mannigfaltig Mediengeschichte und Medientheorie gemeinsam zu denken sind, nämlich als gleichzeitige Analyse ästhetischer Zeichen und ihrer inhärenten Diskurse - ein Verfahren nebenbei, dass außerhalb akademischer Strukturen auch politisch längst Anwendung findet: Warum sonst sollte der Verfassungsschutz in NRW viel Geld in die inhaltlich und ästhetisch lächerlichen „Andi“-Comics, die die Jugend von zu viel Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islam fern halten sollen, stecken, wenn da nicht schon aufgrund der disparaten Themen eine wenigstens kümmerliche Überzeugung von der Macht der erzählten Bilder existierte?.

In der Summe ist dieses Buch ein beeindruckendes Beispiel für brillante Comicanalyse und weckt große und gespannte Erwartungen auf Folgeprojekte.

Stephan Ditschke/ Katerina Kroucheva/ Daniel Stein (Hg.) – Comics. Zur Geschichte eines populärkulturellen Mediums. Transcript Verlag, 362 Seiten, 29,80 Euro. Mehr unter diesem Link.

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