Comicreihe „Hopfen und Malz“ : Belgische Buddenbrooks

Sozialgeschichte am Beispiel einer Bierbrauer-Dynastie: Die Comicreihe „Hopfen und Malz“ ist fundiert recherchiert und solide gezeichnet, leidet aber unter erzählerischen Schwächen.

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Gier, Macht und Reichtum: Eine Szene aus der besprochenen Reihe.
Gier, Macht und Reichtum: Eine Szene aus der besprochenen Reihe.Foto: comicplus +

Hier gilt nicht das deutsche Reinheitsgebot. Doch hat Deutschlands beliebtestes Erfrischungsgetränk, das Bier, auch im Nachbarland Belgien eine lange Tradition. Hunderte verschiedene Bierarten gibt es, die in der Vielfalt der Geschmackssorten wohl kaum zu überbieten sind und eher den Genießer ansprechen als den Durstigen. Dass Bier aus der Sicht der Hersteller nicht nur zur -Seligkeit einlädt, sondern auch die Gier nach Macht und Reichtum fördert, zeigt die Comicreihe „Hopfen und Malz“ des Comicroutiniers Jean van Hamme und des Zeichners Francis Vallès, die vom Verlag comicplus+ in einer dreibändigen, jeweils auf 1000 Exemplare limitierten Gesamtausgabe vorgelegt wird und dessen Band 2 gerade erschienen ist. Insgesamt sieben Einzel-Alben umfasst die Ausgabe, zwischen die noch zusätzliche Episoden gesetzt sind, die manche Lücken in der Erzählung schließen.

Der Bierbrauer als unangefochtener Herrscher

1854. In der belgischen Ortschaft Dorp nahe den Ardennen ist der Bierbrauer Alfred de Ruiter der unangefochtene Herrscher, seine Arbeiter behandelt er wie Leibeigene. Da macht ihm eines Tages ein junger Mann mit seinem eigenen Bier Konkurrenz, der als Novize in einem Kloster das Bierbrauen gelernt hat. Das wird sich de Ruiter nicht bieten lassen, schon gar nicht, da der junge Charles Steenfort aus einer seiner Arbeiterfamilien stammt.

Der zunächst sympathische Charles Steenfort, der aufgrund einer Liebschaft zu einer Dorfschönheit aus dem Kloster geflogen ist, entpuppt sich schnell als ehrgeiziger und gnadenloser Machtmensch, der dem rücksichtslosen de Ruiter ebenbürtig ist – nichts und niemand kann ihn aufhalten auf seinem Weg nach oben. Seine Jugendliebe wird einer einträglicheren Verbindung wegen geopfert, die den Zwist zwischen den Feinden beilegt. Und seine spätere Geliebte, die Deutsche „Margrit“, wird die mittlerweile renommierte Biermarke Steenfort würdig weiterführen und sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten klug anpassen, um die Wirtschaftlichkeit des Betriebs zu gewährleisten… 

Berg- und Talfahrt einer Dynastie

Blut und Bier – in dieser belgischen Comicreihe scheinen beide Flüssigkeiten untrennbar miteinander verbunden. Es ist die dramaturgisch rasante Berg- und Talfahrt einer Unternehmer-Dynastie, die 150 Jahre belgischer Geschichte widerspiegelt. Band 2 beschreibt die Schrecken des 1. Weltkriegs, in der die deutschen Besatzer eine große Rolle in Belgien und insbesondere in Dorp spielen, und führt die Erzählung bis zum Beginn des 2. Weltkriegs.

Blut und Bier: Eine Seite aus dem zweiten Band der besprochenen Reihe.
Blut und Bier: Eine Seite aus dem zweiten Band der besprochenen Reihe.Foto: comicplus +

Zwischen den einzelnen Episoden liegen oft Zeiträume von 20 Jahren, die Protagonisten des jeweiligen letzten Bandes sind mittlerweile gealtert oder gestorben, ihre jüngeren Geliebten oder ihre Nachkommen rücken in den Vordergrund.

Als TV-Serie konzipiert

So entsteht ein epischer Comic-Zyklus um die (fiktive) Brauer-Familie Steenfort, der an literarische Vorbilder wie Thomas Manns „Buddenbrooks“ denken lässt. Jedoch sind die Charaktere ungleich grober geschnitzt, das Geschehen wird dramatisch und emotional so zugespitzt, wie wir es aus Trivialromanen oder Fernsehserien kennen.

Und als Fernsehserie war „Hopfen und Malz“ auch ursprünglich konzipiert. Der 1939 geborene Belgier Jean van Hamme entwickelte das Skript zunächst für einen belgischen TV-Sender Anfang der 80er Jahre, das Projekt wurde aber nicht verwirklicht. Da ihn der Stoff nicht losließ, nahm ihn sich van Hamme rund eine Dekade später wieder vor. Mittlerweile war er ein erfolgreicher Bestseller-Comicautor, der das Fantasy-Epos „Thorgal“, die Agentenserie „XIII“ und den Businessthriller „Largo Winch“ erfunden hatte, und der Verlag Glénat brachte ihn mit dem 1959 geborenen französischen Zeichner Francis Vallès (u.a. bekannt durch die Mafia-Serie „Tosca“, erschienen im Epsilon-Verlag) zusammen. Der setzte die Geschichte in naturalistischen Zeichnungen um, die an die realistische Variante der Ligne Claire anknüpfen, welche Zeichner wie Jacques Martin („Alix“) oder Jean Graton („Michel Vaillant“) in Hergés Zeitschrift „Tintin“ vertraten.

Sorgfältig recherchierte Dekors, Requisiten und Kostüme

So wie das Szenario einen guten Einblick in das Handwerk des Bierbrauens, aber auch in die gesellschaftlich-ökonomischen Hintergründe der jeweiligen Zeit gibt, so überzeugt Vallès durch sorgfältige Recherche bezüglich der Dekors, Requisiten und Kostüme, eher konservativ ist das Seitenlayout gestaltet. 1996 wurde dann, angeregt durch den Erfolg der Comicreihe, doch noch eine TV-Serie produziert, die die Geschichte leicht veränderte und nach Frankreich versetzte, um mehr Zuschauer zu erreichen. Diese gab dem Erfolg der Comics in Frankreich und Belgien einen erneuten Schub.

Fortsetzung folgt: Das Cover des zweiten Sammelbandes.
Fortsetzung folgt: Das Cover des zweiten Sammelbandes.Foto: comicplus +

So spannend und wendungsreich der Comic-Zyklus insgesamt konstruiert ist, so erscheint dem anspruchsvollen Leser doch manche Zuspitzung arg kolportagehaft, manche Szene zu melodramatisch und manche Figur in ihrem Verhalten zu klischeehaft. So erscheinen die Deutschen schon als Besatzungsmacht im 1. Weltkrieg in der Verkörperung durch den als finsteren Sadisten gezeichneten blonden „General von Bissfeld“ als veritable Prä-Nazis. Francis Vallès kann diese Klischees, die an schlichte Propaganda aus der damaligen Zeit erinnern, nicht entkräften, in seinen Figurenzeichnungen unterstützt er ganz die Absichten des Szenaristen und setzt mehr auf bewährte illustrative Ausdrucksmittel denn auf Originalität.

Unterm Strich imponiert der Mut der Autoren, eine Storyline mit langem Atem zu verfassen, die anhand der Geschichte einer Brauerei eine sich wandelnde, langsam modernisierende Gesellschaft porträtiert. Und für Liebhaber belgischen Bieres ist „Hopfen und Malz“ ohnehin eine unterhaltsame Weiterbildungsmaßnahme.

Jean Van Hamme, Francis Vallès: Hopfen und Malz, Gesamtausgabe. Band 1 und 2, jeweils 128 S., HC, 34 €. Erschienen bei comicplus+

Unser Autor Ralph Trommer ist dipl. Animator, freier Autor und Journalist mit dem Schwerpunkt Comic. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

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