Comicserie „The Goon“ : Sympathischer Schläger

Nach 15 Jahren endet die US-Serie „The Goon“ von Eric Powell. Comiczeichner Bela Sobottke nimmt Abschied

Bela Sobottke
Hart, aber herzlich. Eric Powells Goon bei der Zeitungslektüre, gezeichnet von unserem Gastautor.
Hart, aber herzlich. Eric Powells Goon bei der Zeitungslektüre, gezeichnet von unserem Gastautor.Foto: Bela Sobottke

Mir begegnete der Goon das erste Mal im Jahr 2002, als mir beim Stöbern im Comicladen „The Goon“ #2 in die Hände fiel. Herausgebracht hatte es der Schöpfer der Reihe, Eric Powell, im Selbstverlag mit dem blumigen Namen „Albatross Exploding Funny Books“. Auf dem Cover warb er mit den Sätzen „Mmmm! Tastes like Chicken! Because you demanded it ... Cannibalism!“ Klar, dass ich das Ding mit nach Hause nehmen musste. Wer so vollmundig ankündigt, so lustvoll provoziert, der hat sich meine Neugier redlich verdient.

Die Geschichte um den sympathischen Mafiavollstrecker Goon (zu Deutsch „Schlägertyp“), der, stets begleitet von seinem treuen Sidekick Frankie, zum Paten einer abgetakelten, verfluchten Stadt sowie zum Beschützer ihrer Bewohner wird, avancierte schnell zu einem meiner Lieblingscomics. Der Innenteil hielt, was das Cover versprach: derbe Genre-Kost, augenzwinkernd dargeboten, dabei niemals kalt und abgebrüht, sondern voller Mitgefühl für seine Außenseitercharaktere. Ein Rezept, das mich immer begeistert hat, und das nicht umsonst auch meinen eigenen Comics zugrunde liegt.

Der Strich und die Storys erinnern an Comic-Altmeister Will Eisner

Dazu kommt, dass „The Goon“ fantastisch gezeichnet ist. Eric Powell, der Schöpfer der Reihe, wird gerne mit Will Eisner verglichen. In der Tat erinnert Powells flüssig-organischer Strich an den Altmeister der sequenziellen Bildgeschichte. Beide ähneln sich auch in der Darstellung ihrer Figuren aus Proletariat und Prekariat, in der Schilderung von Härte und Herzlichkeit des Lebens. Zudem erzählen Powell wie Eisner die Stadt, in der ihre Figuren leben, auf ähnliche Weise – sie wird selbst zum Protagonisten.

Durch Zeit und Raum. Eine Szene aus dem Sammelband "Geschichten aus dem Goon Universum" 2.
Durch Zeit und Raum. Eine Szene aus dem Sammelband "Geschichten aus dem Goon Universum" 2.Foto: Cross Cult

Nach drei Heften bei Avatar Press und vier Ausgaben im Eigenverlag wurde der Dark Horse auf den Goon aufmerksam und holte die Serie zu sich. Die deutsche Ausgabe vom Goon erscheint seit 2008 bei Cross Cult. Dort wurden die Comics zunächst im gleichen Seitenumfang wie die amerikanischen Taschenbuchausgaben veröffentlicht. Zuletzt wurde das Format umgestellt auf 400 bis 500 Seiten starke und auf 1111 Stück limitierte Ziegelsteine.

Diese spezielle Veröffentlichungsform, zuvor bereits beim „Hellboy“-Spin-off „BUAP“ erprobt, ist den Bedingungen des deutschen Comicmarkts mit seiner speziellen Gemengelage aus Lizenzzahlungen, Druckkosten und geringer Leserschaft geschuldet. Wir 1000 deutschsprachigen Goon-Leser dürfen uns freuen. Denn auch wenn so ein 500-Seiten-Totschläger auf den ersten Blick einschüchternd wirken mag, für den nächsten Urlaub ist es die perfekte Lektüre.

Humorvoll wo möglich, dramatisch wo nötig

Der Abschlussband, etwas umständlich betitelt als „Geschichten aus dem The Goon Universum 2“ (400 Seiten, 50 Euro) feiert noch einmal das komplette Programm: Humor an der Grenze zum Klamauk, wenn der Echsenmann Hombre Lagarto, der ausschließlich spanisch spricht (und konsequent nicht übersetzt wird – ich habe keine Ahnung, was der da erzählt), sein Unwesen treibt. Zu Herzen gehendes Drama, wenn die Geschichte von Goons Mutter „Kizzie, the Iron Maiden“ geschildert wird. Irrsinn im Team-Up mit Billy The Kid aus der bislang nur im amerikanischen Original erschienenen Serie „Billy The Kid’s Old Timey Oddities“ (ein weiterer Lieblingscomic von mir). Knüppelharte Brutalität, wenn der Goon, verraten von seiner großen Liebe, beinahe seines letzten Fünkchens Menschlichkeit verlustig geht und sich gnadenlos dem großen Showdown entgegenmetzelt. Das Ganze wird derart virtuos erzählt, mit leicht variierendem, der Stimmung angepassten Zeichenstil, humorvoll wo möglich, dramatisch wo nötig, dass es eine wahre Freude ist.

Shwak, Wham, Smash! Eine Bildfolge aus "The Goon" #5.
Shwak, Wham, Smash! Eine Bildfolge aus "The Goon" #5.Foto: www.comicartfans.com

Eric Powell ist nach dem Abschluss von „The Goon“ zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und hat seinen Eigenverlag Albatross wiederbelebt. Dort erscheint unter anderem seine neue Serie „Hillbilly“, deren erste sechs Hefte überaus überzeugend sind. Für Albatross hat Powell weitere Zeichner angeheuert, wie Steve Mannion, den Schöpfer von „Fearless Dawn“, einer überdrehten Exploitation-Serie, erschienen im US-Kleinverlag Asylum Press (und, wie sollte es anders sein, ein weiterer meiner Lieblingscomics). Es ist bemerkenswert, dass hier einer ohne Zwang die sicheren Pfade bei einem etablierten Verlagshaus verlässt und zurückkehrt zum Self-Publishing. Eric Powell ist bei allem Erfolg einer von uns geblieben: einer aus dem Zeichnervolk, der Comics wie „The Goon“, „Hillbilly“ und „Satan’s Sodomy Baby“ auch dann machen würde, wenn er dafür nur ’n Appel und ’n Ei bekäme.

In den USA wurde übrigens noch ein weiteres, allerletztes Goon-Heft nachgeschoben, das in der letzten Cross-Cult- Ausgabe nicht enthalten ist: „Theatre Bizarre“ zeigt den Goon, Frankie und Kid, den Werwuff (halb Junge, halb Hund), nachdem sie am Ende der letzten Geschichte ihre nur knapp vor dem Untergang gerettete Stadt verlassen haben, mit einem rollenden Zirkus umherfahren und in einen vampirverseuchten Jahrmarkt stolpern.

Das Ganze soll eine Überleitung zu „The Lords of Misery“ sein, dem von Eric Powell nebulös in Aussicht gestellten Goon-Ableger, über den bisher so gut wie nichts bekannt ist – auch nicht, ob der Goon Hauptcharakter oder Nebenfigur der neuen Serie sein wird. Es geht also doch irgendwie weiter mit dem Goon, wenn auch nicht unter diesem Titel. Nur ein Element wird allem Anschein nach nicht mehr dabei sein: die verfluchte Stadt. Insofern ist der vorliegende Band tatsächlich ein Abschied. Und was für einer!

Unser Autor Bela Sobottke lebt in Berlin und arbeitet als Comiczeichner und Grafiker. Seine derben Genre-Comics wie „Keiner killt so schön wie Rocco“ hat ein Kritiker mal in die Nähe von „The Goon“ gerückt, was dem Zeichner runterging wie Öl. Und hier finden Sie ein Interview, das der Tagesspiegel vor sieben Jahren mit Eric Powell führte, dem Schöpfer von „The Goon“.

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