„Das falsche Geschlecht“ : Suzannes Freiheit

Die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet erzählt in „Das falsche Geschlecht“ ein packendes historisches Liebesdrama.

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Neue Freiheit: Die Hauptfigur in einer Szene aus dem besprochenen Band.
Neue Freiheit: Die Hauptfigur in einer Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Avant

Vom Standesamt geht es für Paul direkt zum Militärdienst. Er glaubt, dass er nicht lange von seiner geliebten Louise getrennt sein wird, doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus und Paul muss für Frankreich gegen die Deutschen kämpfen. Seine Zeit an der Front umfasst nur zehn, schwarz umrandete Seiten in Chloé Cruchaudets beeindruckender Graphic Novel „Das falsche Geschlecht“ , aber die haben es in sich. Pauls Lebensgeschichte nimmt einen völlig neuen Verlauf. In den Schützengräben erlebt er den Stellungskriegshorror, sieht wie einem Kameraden direkt neben ihm der Kopf weggeschossen wird – ein Bild, das die er nie wieder loswird.

Nach einer Selbstverstümmelung und einem Lazarettaufenthalt desertiert er schließlich. Seine Frau versteckt ihn in Paris – auch als der Krieg endlich vorbei ist, denn für Fahnenflüchtige gibt es erst viele Jahre später eine Amnestie. Sein Trauma und das Eingeschlossensein machen ihn aggressiv. Er trinkt zu viel, streitet ständig mit Louise.

Verstört und fasziniert von der neuen Rolle

Bis er eines Abends zufällig einen Ausweg aus der klaustrophobischen Situation findet: Wenn er Frauenkleider anzieht, kann er wieder auf die Straße gehen. Eine Verwandlung beginnt, an der er bald sogar Gefallen findet. Dennoch führt der deutsche Titel von Cruchaudets Band (im Orginal: „La Garçonne et l’Assassin“) ein wenig in die Irre, denn bei Paul handelt es sich nicht um einen Transsexuellen. Er ist höchstens bisexuell, vor allem aber verstört und gleichzeitig fasziniert von den Möglichkeiten, die sich ihm in der Rolle der Suzanne nachts im Park bieten.

Basiert auf einer wahren Geschichte: Das Cover des besprochenen Bandes.
Basiert auf einer wahren Geschichte: Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Avant

Die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet erzählt die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte in schwarz-weißer Tusche- und Kreideoptik, wobei sie Details wie Röcke, Halstücher oder Blut - mit roter Farbe heraushebt. Das weckt Assoziationen an die zwanziger Jahre und verleiht dem Comic eine authentische Atmosphäre. Ein ebenso trauriger wie packender Beitrag zum Weltkriegsjubiläum.

Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht, basierend auf der Biografie La Garconne et L'Assassin von Fabrice Virgili und Daniele Voldman, aus dem Französischen von Marc André Schmachtel und Sahar Rahimi, Avant Verlag, 160 Seiten, 24,95 Euro. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Verlages.

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