DDR-Comic : Mickys abenteuerlustige Ost-Verwandtschaft

Menschliche Mäuse gab es nicht nur bei Walt Disney. Jetzt wird Jürgen Kieser, der Schöpfer der DDR-Comicfiguren Fix und Fax, 90 Jahre alt.

Wolfgang Schönwald
Populär und unpolitisch: Eine von Kiesers Originalseiten.
Populär und unpolitisch: Eine von Kiesers Originalseiten.Foto: www.galerielaqua.de

Wie er da auf seinem Stuhl sitzt und seine an die Wand projizierten Comic-Geschichten betrachtet, ist Jürgen Kieser sein Alter nicht anzusehen. Der Altmeister der ostdeutschen Bildgeschichte begeht am 20. August seinen 90. Geburtstag. Bekannt wurde der in Erkner bei Berlin geborene Künstler vor allem als Schöpfer der Mäuseknaben Fix und Fax. Sie waren für Millionen von jungen Lesern die beliebtesten Figuren der DDR-Kinderzeitschrift „Atze“.

Fast 30 Jahre lang begleiteten die beiden großohrigen Mäuse das Leben von Kieser. Ende der 50er Jahre hatte es der Künstler, der nach dem Krieg zunächst als Situationszeichner und Dekorateur sein Geld verdiente, kaum für möglich gehalten, dass Fix und Fax zu einem Dauerbrenner werden. „Eigentlich hatte ich nur den Auftrag, für die ersten beiden ‚Atze‘-Hefte 1958 ein Mäuse-Abenteuer zu zeichnen“, erinnerte sich der 89-Jährige am Donnerstag in Berlin.

Die FDJ hatte ideologische Bedenken

Die zunächst noch etwas plüschig gezeichneten Mäuse kamen bei den jungen Lesern sofort gut an. Das half wohl den beiden Comic-Helden auch zu überleben. Denn als es beim DDR-Jugendverband FDJ als „Atze“-Herausgeber in den 60er Jahren aus ideologischen Gründen plötzlich Überlegungen gab, die Mäuse-Geschichten aus der Zeitschrift zu streichen, musste aufgrund von Leserpostanalysen davon Abstand genommen werden, wie dem zum 80. Geburtstag erschienenen „Jürgen-Kieser-Buch“ zu entnehmen ist.

Mann und Maus:Kieser mit seiner Schöpfung.
Mann und Maus:Kieser mit seiner Schöpfung.Foto: dapd

„Atze“ war ein Verkaufsschlager. Die Auflage kletterte von zunächst 375.000 auf später weit über 500.000 Heften im Monat. Und die Mäuse erlebten stets neue Abenteuer. Zu den Schauplätzen gehörten der Weltraum, der Alltag in der DDR und das Mittelalter ebenso wie die Urzeit mit den typischen Sauriern. Wechsel zwischen abgeschlossenen Episoden und langen Serien waren üblich. Kieser konnte liefern, was ihm einfiel. „Der Zensur war ich nicht unterworfen, da meine Mäuse-Erlebnisse ja nicht politisch waren“, sagte er rückblickend in den Räumen des Mosaik Steinchen für Steinchen Verlages im Stadtteil Westend, der seit 1994 die beliebten Geschichten wieder auflegt.

Der große Vorteil sei, dass die Abenteuer zeitlos seien, sagte Geschäftsführer Klaus D. Schleiter. „Die Geschichten mit den gereimten Bildunterschriften finden so großen Anklang, dass sie Kinder noch bis heute begeistern.“

Micky Maus und Fix und Foxi? Kein Interesse

Bis 1987 erschienen mehr als 1000 Seiten mit Kiesers Mäusen. „Wen ich erstmal die Idee hatte, brauchte ich für die Zeichnungen und Verse drei Tage“, erklärte der Künstler, den die West-Helden wie Micky Maus oder Fix und Foxi nach eigenem Bekunden damals nicht interessierten.

Eine Fortsetzung mit neuen Abenteuern von Fix und Fax schließt Verlagschef Schleiter aus. „Wir haben ein großes Archiv, aus dem wir schöpfen können.“ Der Verlag gab seit Mitte der 90er Jahre eine 25-bändige Sammleredition heraus, die alle Abenteuer der Mäuse enthielt. Mittlerweile sind die meisten Bände vergriffen. Jetzt gebe es Taschenbücher und seit dem Frühjahr für die Jüngsten Pappbilderbücher mit den Helden.

Kiesers dauerhafter Erfolg liegt vielleicht an den Bildunterschriften. „Die Verse kann man den Kleinen abends am Bett vorlesen, die Kleinen können sie dann nachsprechen, ... eine ganz andere Sache als Peng, Zisch und Ächz“, sagte der Mäuse-Zeichner einmal. „Ich liebe Mäuse, nicht nur die gezeichneten, auch die kleinen Wuseligen im Alltag“, sagt Kieser. (dapd)

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