„Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf : Ein Blondschopf in Syrien

In seiner Autobiografie „Der Araber von morgen“ legt Riad Sattouf einige Wurzeln des Syrien-Konflikts offen. Jetzt erschien der zweite Teil. Am Wochenende ist der französische Comic-Star in Berlin zu Gast.

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Schule des Lebens. Riad Sattoufs gezeichnetes Alter Ego (links) in einem Panel aus dem zweiten Band seiner Autobiografie.
Schule des Lebens. Riad Sattoufs gezeichnetes Alter Ego (links) in einem Panel aus dem zweiten Band seiner Autobiografie.Foto: Satouf/Promo

Am Ende des ersten Teils von Riad Sattoufs Kindheitserinnerungen „Der Araber von morgen“, mit dem der Franzose im Frühjahr beim Comicfestival von Angoulême Europas wichtigsten Comicpreis gewonnen hat, steht der Hauptfigur im Grundschulalter die Angst ins Gesicht geschrieben. Der Ich-Erzähler, Sohn eines syrischen Vaters und einer französischen Mutter, hat erfahren, dass seine Familie nach Syrien zurückgehen und sich einiges ändern wird. „Du wirst nicht dein ganzes Leben lang Ferien haben. Der Araber von morgen geht zur Schule“, grummelte der Vater.

Nun ist in Frankreich der zweite Band von Sattoufs auch in Deutschland vielgelobtem Rückblick erschienen, am kommenden Wochenende ist der Autor beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu Gast (siehe unten). Der blondgelockte Held ist inzwischen sechs Jahre alt. Allerdings hat er noch die Stimme eines kleinen Mädchens und muss sich ziemlich zusammenreißen, um nicht laut loszuheulen, wenn er hinfällt. Suboptimale Bedingungen, um in der Schule durchzustarten.

Rastloses Dasein zwischen den Kulturen

Am ersten Schultag kommt er zu spät, als würde er ahnen, was ihn im maroden Schulgebäude von Ter Maaleh erwarten sollte. Denn seine dralle Klassenlehrerin hat einen ausgeprägten Hang zur Zuckerbrot-und-Peitschen-Pädagogik. Schüler, die nicht spuren, schlägt sie mit dem Knüppel, die Dreckfinken aus den Armenvierteln stellt sie bloß, indem sie sie mit Rosenwasser übergießt, und auf dem Schulhof gelten Darwins Regeln. Diese Schule ist eine asoziale Institution des Kinderdrills, durch die es sich bestmöglich zu lavieren gilt.

Die skurrile Komik, mit der Sattouf aus seinem Leben erzählt, kippt nie ins Lächerliche, sondern bleibt immer mit dem ungläubigen Staunen seines kleinen Helden und der Empathie für seine Leidensgenossen verbunden. Dazu trägt der naive Stil bei: Wie Sattouf mit wenigen Strichen ganze Gefühlswelten entstehen und wieder zusammenbrechen lässt, das ist große Kunst.

Der Franzose lässt seine Leser aber nicht nur in den (Schul)Alltag des kleinen Riad, sondern in die Schule des Lebens der Sattoufs eintauchen, die das rastlose Dasein zwischen den Kulturen darstellt. Je länger Vater Abdel in seiner Heimat ist, desto mehr wandelt er sich vom glühenden Panarabisten zum saturierten Wohnzimmermuslim, der die archaischen und religiösen Wurzeln seiner Umgebung für sich (wieder)entdeckt und an seinen Sohn weiterzugeben versucht – und dabei mit seiner Frau in Streit gerät. In der arglosen Beobachtung der Eltern durch den Sechsjährigen werden die individuellen und kulturellen Wurzeln dieses Konflikts entlarvt, der derzeit die Nachrichten dominiert.

Am Ende steht ein Verbrechen, und ein tiefer Graben zwischen den Kulturen tut sich auf. Ob dieser geschlossen werden kann oder übersprungen werden muss, können des Französischen nicht mächtige Sattouf-Fans ab Mitte Februar 2016 lesen, da soll der zweite Band von „Der Araber von morgen“ bei Knaus auf Deutsch erscheinen.

Veranstaltungshinweis: An diesem Wochenende ist Riad Sattouf beim „Graphic Novel Day“ des 15. Internationalen Literaturfestivals Berlin zu Gast. Am Sonntag, dem 13. September, spricht Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne um 15 Uhr mit ihm über seine Arbeit, hier gibt es das komplette Programm des Tages. Zwei weitere ilb-Veranstaltung mit Sattouf finden am 14. September statt, einmal um 11.30 Uhr, einmal um 19 Uhr.

Weitere Tagesspiegel-Artikel unseres Autors Thomas Hummitzsch lesen Sie hier, seinen Blog intellectures finden Sie hier.

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