„Die Heimatlosen“ von Paco Roca : Vergessene Helden

In seinem Comic „Die Heimatlosen“ arbeitet Paco Roca ein verdrängtes Kapitel der Zeitgeschichte auf. Dafür verknüpft der Spanier virtuos Gegenwart und Vergangenheit sowie Realität und Fiktion.

Andrea Heinze
Was ist Realität, was ist Fiktion? Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Was ist Realität, was ist Fiktion? Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Eine Ehrenparade am Arc de Triomphe: Gerade ist Paris von den Nationalsozialisten befreit worden, nun werden die Kompanien gefeiert, die als erste einmarschiert sind. Auf den Panzern erkennt man Schriftzüge: "Madrid" steht auf einem, "El Ebro" und "Guadalajara" auf anderen. So hat es Paco Roca in seinem Comic „Die Heimatlosen“ nach historischen Fotos gezeichnet. Diese beschrifteten Panzer hatten den Comiczeichner irritiert, als er die Bilder davon zum ersten Mal sah, sie waren der Anstoß für das Buch: Er wollte herausfinden, welche Geschichte dahinter steckt.

Die Geschichte ist verwickelt: In den Panzern saßen spanischen Soldaten, die an der Befreiung von Paris beteiligt waren. Es waren Linke, die schon im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatten und nach der Niederlage fliehen mussten. Im Zweiten Weltkrieg kämpften sie dann unter französischer Flagge gegen Hitler weiter. „La Nueve“ hieß ihre Kompanie, zu Deutsch: die Neunte. 160 Soldaten waren in dieser neunten Kompanie und fast alle kamen aus Spanien. „La Nueve“ war sehr erfolgreich und an den entscheidenden Kampfhandlungen am Ende des Zweiten Weltkriegs beteiligt: bei der Landung der Alliierten in der Normandie, bei der Befreiung von Paris, und sogar bei der Kapitulation der Deutschen am 8. Mai 1945.

Um ihren Ruhm betrogen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Um ihren Ruhm betrogen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Nach dem Krieg aber wurden diese spanischen Soldaten vergessen. Jedes Land feierte seine Helden - in Spanien aber regierte Franco weiter und der hatte kein Interesse, diese Kämpfer zu ehren, schließlich waren sie für ihn Vaterlandsverräter.

Als Paco Roca im Jahr 2008 begann, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, war es wie ein Puzzle, bei dem viele Teile fehlen. Für „Die Heimatlosen“ hat er mit Historikern zusammengearbeitet, Tagebücher gewälzt, Dokumente gesichtet. Er findet ein Foto, dass er für das Cover des Comics nachgezeichnet hat: Darauf ist der Soldat Miguel Ruiz abgebildet, ein Gruppenfoto mit anderen Soldaten – es ist das einzige Foto, dass von Miguel Ruiz bekannt ist.

Krieg, Kämpfe und Gemetzel in opulenten Bildern

Im Comic wohnt Miguel Ruiz, längst ein alter Mann, in Frankreich und wird von einem jungen Comicautor besucht. Es gibt Kaffee und eine Geschichte, die er, ein Griesgram von 94 Jahren, bis dahin noch niemandem erzählt hat. Das ist typisch. Denn die spanischen Soldaten fühlten sich von den Alliierten betrogen, schließlich wollten sie nicht nur gegen Hitler kämpfen, sondern gegen den Faschismus in ganz Europa. Doch nachdem Hitler besiegt war, hatten die Alliierten kein Interesse mehr daran - Franco blieb an der Macht und die Spanier standen allein da.

Diese Geschichte mit ihren unterschiedlichen Zeitebenen hat Paco Roca geschickt montiert: Die Gegenwart – ein Comiczeichner recherchiert die Geschichte von Miguel Ruiz – wird in einfachen Strichen gezeichnet. Die Vergangenheit – der brutale Krieg – dagegen ganz aufwändig und in Farbe, also sehr viel lebendiger und plastischer.

Wie lebendig die Vergangenheit für Miguel ist, macht Roca deutlich, indem er immer wieder Gegenwart und Vergangenheit in seinem Comic verschränkt. Auf der einen Bildleiste zum Beispiel sitzt der alte Mann mit schnellem Strich gezeichnet in seiner Wohnung, auf der anderen Seite sind Krieg, Kämpfe und Gemetzel in opulenten Bildern zu sehen. Spätestens hier wird klar: was damals passiert ist, macht diesen Mann viel mehr aus, als sein aktuelles Leben.

Auf diese Weise wirkt der Comic so dokumentarisch, dass man glaubt, Paco Roca habe, so wie der Zeichner im Comic, bei Miguel in Frankreich gesessen. In Wirklichkeit hat er weite Teile der Geschichte erfunden. Miguel gab es zwar tatsächlich, aber der ist im Krieg verschwunden.

Deshalb hat sich Roca mit drei Veteranen getroffen, die Miguel kannten und sich von denen inspirieren lassen: von dem einen, der mit niemandem so recht über seine Erfahrungen sprechen will hat er den griesgrämigen Charakter entliehen. Und von den anderen beiden hat er Details aus den Kämpfen und Miguels Leben erfahren.

Authentisch: Das Cover von "Die Heimatlosen" basiert auf einem Gruppenfoto, das auch die Hauptfigur des Buches zeigt.
Authentisch: Das Cover von "Die Heimatlosen" basiert auf einem Gruppenfoto, das auch die Hauptfigur des Buches zeigt.Foto: Reprodukt

Mit der Franco-Diktatur beschäftigt sich Paco Roca in seinen Comics und Zeitungscartoons, die er unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung" zeichnet immer wieder. Auch deswegen gilt er heute als einer der erfolgreichsten Comiczeichner in Spanien. Für seine Arbeiten hat er etliche große Preise bekommen, darunter den Premio Nacional de Comic, einen Staatspreis. In dem Comic „Winter des Zeichners“ zum Beispiel geht um Comiczeichner die während der Franco-Diktatur für ein Comicmagazin gearbeitet haben und die mit den Zwängen des Systems klar kommen mussten. In „Die Heimatlosen“ zeichnet er zum ersten Mal die rohe Gewalt der Franco-Diktatur.

Gleich zu Beginn zum Beispiel, als die unzähligen Menschen am Hafen von Alicante stehen und vor Franco flüchten wollen. Ein einziges Schiff schafft es bis in den Hafen und kann nicht alle aufnehmen. Die Zurückbleiben fürchten die Rache von Franco - zu Recht, wie sich später zeigen wird – und viele bringen sich um. Eine Sequenz zeigt, wie ein Mann im Anzug im Schneidersitz auf dem Kai sitzt, ruhig eine Zigarre anzündet - und sich dann plötzlich ein Messer in den Hals rammt. Dieses Bilder tauchen später immer wieder mal auf – wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Paco Roca schafft es so, die individuelle Katastrophe genauso darzustellen, wie das Massenphänomen der Flüchtlingskatastrophe.

Die Soldaten der „La Nueve“ werden inzwischen in Spanien geehrt. Dass deren Schicksal nicht mehr Vergessen ist, ist auch ein Verdienst des Comics „Die Heimatlosen“. Paco Roca würdigt darin die spanischen Kämpfer im zweiten Weltkrieg, in dem er Ihnen eine Geschichte gibt.

Paco Roca: Die Heimatlosen, Reprodukt, aus dem Spanischen von André Höchemer, Lettering von Minou Zaribaf , 328 Seiten, 39 Euro

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