Comics : Die Möglichkeit einer Insel

Mit Bohnen die Welt erklären: Larry Marder zeigt Kindern und Kennern, wie der Prozess des Zusammenlebens funktioniert.

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Hallo, Hübscha! Die Bohnen im Stummelspross-Fieber
Hallo, Hübscha! Die Bohnen im Stummelspross-FieberIllustration: Marder/Ventil

In der Bohnenwelt sieht alles erst einmal ganz einfach aus: Auch Bohnen müssen sich ernähren. Glücklicherweise fügt es sich, dass der Lebensbaum auf ihrer Insel immer mal wieder einen Stummelspross fallenlässt, den ihre natürlichen Feinde, die Hoi Polloi, zu Kau verarbeiten. Die Nährstoffe des Kaus saugen die Bohnen auf, während sie darin Planschen. Natürlich müssen sie den Hoi Polloi vorher auf heroischen Raubzügen das Kau unter massiven Einsatz ihrer Lanzen abluchsen. Die spielsüchtigen Hoi Polloi nutzen das Kau nämlich als Wetteinsatz.

"Hoi polloi! ist aus dem Griechischen entlehnt und bezeichnet im Englischen so etwas wie „das gemeine Pack“: entwicklungsunfähige Lebewesen, die sich einem stupiden Zeitvertreib hingeben. Kein Wunder also, dass sie buchstäblich unter der Insel der Bohnen angesiedelt sind. Die Bohnen hingegen sind einfallsreiche Wesen, die aus dem dunkeln Zeitalter der mühsamen und unerquicklichen Nahrungsbeschaffung ausgebrochen sind und durch die Erfindung neuer Kulturtechniken inzwischen lustvoll in reichlich Kau baden. Da gibt es endlich Raum für zivilisatorischen Fortschritt:

Aus einfachen Elementen komplexe Systeme

Selbst ein einfacher Lanzer kann unvermittelt zum Künstler mutieren. Einer namens Bohnerich fügt Figuren aus den vier Grundlagen zusammen, die als Stengel, Kringel, Funkel und Wimpel die Insel umlagern. In den Bildern erkennen die Bohnen ihr Leben wieder. Erst wird aus dem schieren Überleben Kultur und Selbsterkenntnis.

Bohnerich stellt durch die Kombination der einfachsten Elemente komplexe Systeme dar. Sein Gegenpart ist Mr. Spuk, der Held der Bohnenwelt, eine Nervensäge von Anführer, dem alles gegen den Strich geht, was irgendwie jenseits der bloßen Futterbeschaffung liegt. Dabei ist ihm das Werkzeug, dem er seinen Rang zu verdanken hat, vom Himmel in die Hände gefallen. Seine Dreizack-Gabel sorgt für das Übermaß an Kau, das die

Kampf gegen die Hoi Polloi. Szene aus "Bohnenwelt".
Kampf gegen die Hoi Polloi. Szene aus "Bohnenwelt".Illustration: Marder/Ventil

Weiterentwicklung der Bohnen erst möglich macht. Aber ihm fehlt der Blick fürs „Große-Große-Ganze“, dessen Teil die Bohnenwelt ist. So wie er nur auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Held ist, ohne deren Existenz der vom Überlebenskampf befreite Künstler aber nicht existieren könnte. Ohne die Hoi Polloi wären die Bohnen aufgeschmissen.

Spaß mit Ökoanspruch

Larry Marder kommt aus der Konzeptkunst, die sich aus dem Formalismus entwickelt hat. Dort braucht es nur die formalen Elemente, um eine visuelle Komposition zu verstehen, keinen Kontext der Wirklichkeit. Bei der Konzeptkunst ist die Idee alles. Larry Marder betrachtet die Bohnenwelt nicht als abgeschlossenen Ort, sondern als Prozess. Die Wesen müssen wieder und wieder verstehen lernen, dass sie voneinander abhängen, um zu leben. Das natürliche Gleichgewicht stellt sich durch das Zusammenwirken von Gegensätzen her: Die heldischen Bohnen springen vom „legendären Rand“, um sich ins Abenteuer zu stürzen, und kommen am „sprichwörtlichen Sandstrand“ an, um sich nach getaner Arbeit ins Vergnügen zu stürzen. Beim Betrachten der Bohnenwelt lernen wir die materielle Ökologie genauso kennen wie die Ökologie widerstreitender Bedürfnisse.

Solche Ökokunst macht Kindern die Welt begreiflich und spielt gleichzeitig so viele Fragen des Zusammenlebens durch, dass es auch für Erwachsene eine reine Freude ist. Die Zeichnungen sind sehr einfach gehalten und setzen auf Putzigkeit. Professor Garbanzo etwa, der die Wissenschaft verkörpert und permanent daran herumtüftelt, in welcher Kombination die vier Grundlagen neue Werkzeuge ergeben könnten, guckt mit großen Augen unter seiner Zaubererzipfelmütze hervor. Die Hoi Polloi grimassieren, was das Zeug hält, und die Bohnen zappeln mit ihren zierlichen Ärmchen und Beinchen so manisch herum, dass die Bohnenwelt nicht nur zu vibrieren scheint, wenn die Wummer-Band einen Gig spielt. Und aus der ausgezeichneten Übersetzung von Daniela Seel und Dirk Schwieger ploppt immer mal wieder wie ein Stummelspross vom Lebensbaum eine Sprachperle heraus: „Von drinnen: ein dünnes Wimmern, das sich zu Wut verdickt.“

Larry Marders "Bohnenwelt" ist bei Ventil erschienen. 272 Seiten, 17,90 Euro.
Larry Marders "Bohnenwelt" ist bei Ventil erschienen. 272 Seiten, 17,90 Euro.Foto: Ventil

Der Ventil Verlag hat die ersten neun Episoden herausgegeben, die Dark Horse Comics 2009 unter dem Titel "Wahoolazuma" wiederauflegte. Wir können nur hoffen, dass bald der nächste Band folgt, der die restlichen zwölf Episoden erzählt, die Larry Marder zwischen 1985 und 1993 veröffentlichte. Die erste deutsche Ausgabe der Bohnenwelt hört recht unvermittelt auf, bevor das Geheimnis der Geburt gelüftet werden kann. Am Ende des Bands denkt man sich, was auch Larry Marder nach einer Pause von fünfzehn Jahren gedacht haben muss, bevor er 2008 den Bohnenmythos weiterspann: Der Prozess muss weitergehen!

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