''Digedags'' : Helden der Jugend

Die Digedags waren die beliebtesten Comicfiguren der DDR. Eine Ausstellung in Halle ergründet ihren Erfolg.

Jens Müller
Digedags
Die Sympathien der Digedags gehörten den Unterdrückten. In einem Heft malten sich die Macher die Stadt der Zukunft aus. -Fotos: Katalog

Dig ist der Erfinder im Trio, Dag hat immer gute Laune, und Digedag ist auf couragierte Weise unbescheiden. Dig, Dag und Digedag: Klingt ein bisschen nach Tick, Trick und Track. Kommt aber angeblich von Tick-Tack-Ticketack. Eine alte Wanduhr habe ihn inspiriert, sagte Hannes Hegen über seine Schöpfung, die drei Kobolde mit den Knollennasen, die bekanntesten Comic-Helden der DDR. Gemeinsam ziehen sie durch Raum und Zeit. Sie haben einen didaktischen Auftrag. In Serien, die sich über mehr als 50 Hefte erstrecken können, treffen sie auf die alten Römer oder auf Erfinder des 19. Jahrhunderts. Etwas Vergleichbares gibt es im Westen nicht. Das pädagogische Moment ist es auch, das die Digedags jetzt für die Franckeschen Stiftungen zu Halle interessant macht. Die vor 300 Jahren als Armen- und Waisenanstalt gegründete Institution würdigt die Comichelden derzeit mit einer Ausstellung.

Das „Mosaik“ erscheint erstmals am 23. Dezember 1955. 52 Jahre später gibt es das Heft noch immer, „Im Schweinsgalopp nach Halberstadt“ heißt die aktuelle Ausgabe. Die aber zählt für viele nicht. Das liegt an den Abrafaxen. „Ich hasse die Abrafaxe!“, steht im Gästebuch der Ausstellung. Die Abrafaxe treten 1975 an die Stelle der Digedags und spalten die Leser. Wer – wie die Kuratoren Moritz Götze und Peter Lang – mit den Digedags aufgewachsen ist, kann mit den Abrafaxen nichts anfangen. Und so kommen sie in der Ausstellung gar nicht vor. Als Hannes Hegen dem „Mosaik“ nach 20 Jahren den Rücken kehrt, macht er sein Urheberrecht geltend. Er will die Digedags nicht anderen überlassen und schickt sie in die Wüste. Heft 223 endet am Fuß der ägyptischen Pyramiden. Mit einem Winken verabschieden sich Dig, Dag und Digedag in geheimnisvolle, unerreichbare Fernen. Sie werden nicht wiederkommen.

Was ist der Grund? Schließlich sind die Digedags ungemein erfolgreich. Während der westliche Vorzeigetitel „Tim und Struppi“ es weltweit auf eine Spitzenauflage von 300 000 bringt, schaffen die Digedags bis zu 660 000 Exemplare – allein in der DDR. Die Hefte sind immer „Bückware“ und stets ausverkauft. In Halle wird eines der letzten Interviews gezeigt, das der heute zurückgezogen in Berlin lebende Hannes Hegen 1993 der ZDF-Sendung „Aspekte“ gab. Er sagt: „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre ich heute noch abgeschaltet. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, ,Mosaik’ zu machen.“ Aber waren seine Hefte wirklich subversiv? Oder einfach nur auf nicht ganz so plumpe Weise regimekonform?

Fragen, die sich durch die „Mosaik“-Lektüre beantworten lassen sollten. Allerdings sind die alten Hefte heute begehrte Sammlerobjekte und entsprechend schwer aufzutreiben – und kostspielig. Die Nummer Eins, „Auf der Jagd nach dem Golde“, wird in Kioskqualität – wie sie gerahmt in der Ausstellung hängt – für mehr als 2000 Euro gehandelt. Auch die limitierten Nachdrucke sind nicht billig, liegen aber in Halle in großer Zahl zum Durchblättern aus. Heft Eins, erste Sprechblase: „Na, die haben die Rechnung ohne uns gemacht!“, sagt Digedag und meint die Steuereintreiber eines dekadenten Sultans. Damit stehen die Digedags gewiss auf dem sozialistisch-korrekten Klassenstandpunkt. Andererseits: Was bleibt Helden auch anderes übrig, als sich für die Armen und Unterdrückten einzusetzen? Das ist ihr Job.

In der „Weltraum-Serie“ kommt es später zur Konfrontation zwischen der fortschrittlichen „Republikanischen Union“ und dem revanchistischen „Großneonischen Reich“. Sinnbild des Ost-West-Gegensatzes. Keine Frage, die Sympathien der Digedags gehören den Republikanern. Aber: Was soll Jahre später die 59-Hefte-Serie über ein ganz und gar nicht revanchistisches Amerika? Heft 29, wieder aus der Weltraum-Serie, entfaltet auf einer Doppelseite einen „Querschnitt durch den Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt“. Es gibt dort Hochhäuser mit Palmen oder Landeflächen für Hubschrauber auf den Dächern, ein vierstöckiges Schnellstraßenkreuz, Schwebebahnen, Rohrpostleitungen und einiges mehr. Der endgültige Triumph sozialistischer Stadtplanung. Aber: Sahen nicht die fortschrittstrunkenen westlichen Utopien der 50er Jahre genauso aus? Das Mosaik lässt sich so einfach, also ideologisch, nicht festnageln.

Man kann sich die Digedags auch auf andere Weise erschließen. So wie es die jungen Leser – Jungs vor allem – getan haben. Auf vielen Doppelseiten entfalten Hegen und sein „Kollektiv“ populärwissenschaftliche Tableaus, aus denen die Kinder manchmal mehr über Technik, Naturkunde und Geografie lernen als in der Schule. In Heft 90 findet sich etwa ein Stadtplan Venedigs, in Heft 38 eine Typologie futuristischer Flugapparate: darunter der Flugstrahler, der Kippflügler und der Ringflügler. Der „Querschnitt durch den Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt“ bedeckt in Halle eine ganze Wandfläche. Die Vergrößerung führt die Detailgenauigkeit der Zeichnung vor Augen. Moritz Götze meint, dass so etwas unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gar nicht möglich gewesen sei. Der Maler, der selbst schon zwei Comics veröffentlicht hat, weiß um die erforderliche Akribie. Zwei der Ausstellungsräume lassen auf Comics aus dem Westen blicken, aus der Bundesrepublik, aus Belgien und Frankreich: Fix & Foxi, Sigurd, Asterix, Lucky Luke und Gaston. Man vergleiche selbst. In Interviews erzählen Männer der Jahrgänge zwischen 1945 und 1965 nostalgisch von ihrer Jugend mit den Digedags. Eine kleine Kuriosität ist der Pilot zu einem Digedag-Film, der nie gedreht wurde.

Über die Hintergründe für Hannes Hegens Ausstieg aus dem Mosaik gibt es übrigens noch eine zweite Geschichte. Da sind sich Moritz Götze und der heutige Herausgeber des „Mosaik“, Klaus Schleiter, einig. Diese zweite Geschichte hat nichts mit politischen Differenzen zu tun, sondern ist sehr viel profaner: Hegen, der ein nach DDR-Maßstäben fürstliches Einkommen bezog, wollte gerne noch ein bisschen mehr Geld haben. Angebliche 23 000 Ostmark (Schleiter) waren ihm nicht genug. Mit seiner Kündigung hat er dann einfach zu hoch gepokert. Obwohl: War nicht demonstratives Gewinnstreben im Sozialismus auch eine Form von Regimekritik?

Franckesche Stiftungen zu Halle im Historischen Waisenhaus, bis 27. Januar. Begleitbuch 21 €.

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