Edgar-Allan-Poe-Hommage : Scharfe Kombination

Edgar Allan Poes C. Auguste Dupin gilt als Prototyp des modernen Detektivs. Die frankobelgische Comic-Reihe „Pik As“ widmet sich den paranormalen Fällen des einflussreichen Ermittlers und seiner etwas zu emanzipierten Praktikantin.

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Nicht von dieser Welt: Der Tod eines zwergwüchsigen Mediums steht im Zentrum der Geschichte. Foto: Splitter
Nicht von dieser Welt: Der Tod eines zwergwüchsigen Mediums steht im Zentrum der Geschichte.Foto: Splitter

Edgar Allan Poe (1809-1849) war der erst nach seinem Tod hofierte Unglücksrabe der amerikanischen Literatur. Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes geht zu großen Teilen ebenso auf Poes französischen Schnüffler zurück wie Agatha Christies Hercule Poirot oder die ganzen CSI-Ableger im Serienfernsehen unserer Tage, in denen die Tatortanalyse manchmal wie ein Musikvideo stilisiert wird und dem Zuschauer vor aufgesetzter Coolness schier das Blut in den Adern gefriert. Mit Dupin überführte Poe außerdem nicht nur den Detective in den englischen Sprachgebrauch, sondern zeigte eben auch erstmals die kreative Rekonstruktion eines Verbrechens anhand von Untersuchungen und intellektuellen Rückschlüssen am Tatort. Conan Doyle verfeinerte später das Bild des Gentleman-Detektivs ebenso wie die modernen Ermittlungsmethoden, und das lange vor der tatsächlichen Revolution der realen „Crime Scene Investigation“ innerhalb der Kriminalistik – Poe brachte sie und die Deduktion jedoch erst literarisch auf den Weg.

Es passt zu der gesamten Tragik in Edgar Allan Poes kurzem, aber oft sehr bitteren und kargen Leben, dass Dupin dem einen oder anderen Leser von „Die Parapsychologin“ eher wie eine französische Variante – eine Kopie – des wesentlich berühmteren Meisterdetektivs aus der Baker Street 221 B vorkommen könnte. Nur dass Dupin  im Comic statt eines artverwandten Zimmergenossen und männlichen Blutsbruders eben eine hübsche, aufgeweckte junge und vorwitzige Praktikantin hat.

Zwei Augäpfel am Tatort

Denn auch Dupin klaubt Kleinigkeiten auf und findet Spuren und Hinweise, wo andere nichts sehen – konstruiert Zusammenhänge, die sich anderen Ermittlern gar nicht erst als Möglichkeit auftun, geschweige denn erschließen. Im ersten Band von „Pik As – Die fantastische Detektei“ von Autor Thierry Gloris und Zeichner Jacques Lamontagne bekommt der gestandene Pariser Ermittler und Phänomenologe Dupin überdies eine quirlige, emanzipierte Praktikantin an die Seite gestellt, die sich einem Klienten schon mal als Teilhaberin des großen Dupin verkauft, damit sie selbst losziehen und die Techniken ihres Mentors im Feldversuch anwenden kann: Flora Vernet.

Leiser Humor: Flora Vernet steht dem Meisterdetektiv zur Seite. Foto: Splitter
Leiser Humor: Flora Vernet steht dem Meisterdetektiv zur Seite.Foto: Splitter

Dupin nimmt das eher gelassen, er ist schließlich ein über alle Maße objektiver und rationaler Mensch. In einer Welt, in der sexueller Chauvinismus nur so blüht, gesteht der renommierte Privatermittler Frauen mehr Intelligenz zu als viele andere – und erst recht als vielen anderen – seiner Zeit- und Geschlechtsgenossen. Und so darf Flora auch nach Aufklärung ihres eigentlichen Status als Praktikantin weiter einem eigenen Fall nachgehen, derweil ihr viel beschäftigter Meister der Pariser Polizei in einem bizarren Mord zur Hand geht, bei dem nur die Augäpfel eines berühmten zwergwüchsigen Mediums am Tatort zurückgeblieben sind – nebst einiger Hinweise, die natürlich allein Auguste Dupin sehen und mit scharfer Kombinationsgabe sinnig zusammenführen kann. Doch auch Flora schlägt sich gar nicht so schlecht mit ihrer Ermittlung, bis am Ende des ersten Albums sogar beide Fälle zusammenlaufen und Dupin die wahre Natur von Floras Klienten ins Visier nimmt ...

Mörder, Spione, Spielhöllenherren

Als wären die miteinander verknüpften Fälle des besonnenen Meisters und seiner kecken Schülerin nicht genug, lauert im Hintergrund auch noch ein mächtiger Schurke ohne Skrupel in den Schatten, die sein Gesicht auf den letzten Seiten einstweilen erst mal verbergen. Und dann ist da noch die weniger geheimnisvolle Bruderschaft des Bösen, die sich irgendwo unter dem Meeresspiegel trifft, Gift trinkt und just eine junge Puffmutter in den illustren Kreis der bösen Bösewichter einführt.

Diese sinistere Interessengemeinschaft steht ganz im unheilsträchtigen Zeichen cthulhuider Monster und kosmischer Schrecken – und vereint somit in der Fiktion einmal mehr die ursprünglich gut getrennten Schaffenswelten der beiden schauerlichen Altmeister Poe und H. P. Lovecraft. Bis wir mehr Tentakel als Tintenfische zu sehen kriegen, die vielleicht sogar einmal aus der Seine zu steigen drohen, erfreut sich die Roben tragende Tischgesellschaft der Mörder, Spione, Spielhöllenherren, Drogenbosse, Bordellbesitzer und Korrupten jedoch an ihrer eigenen Geheimniskrämerei – und an ihrem kollektiven Hass auf Dupin, den „unbestechlichen Sturkopf und Anhänger der Guillotine“.

Ärgerliches Ende, paranormales Potenzial

Keine Frage: „Pik As“ besitzt auf vielen Ebenen genug Potenzial, um eine richtig unterhaltsame Reihe um Auguste Dupin und seine vorlaute Praktikantin zu werden. Gloris schreibt die Charaktere permanent mit leisem Humor, und „Die Druiden“-Zeichner Lamontagne visualisiert das Ganze meistens ziemlich ansehnlich. Zumal Dupin im Mainstream – oder gar im Comic – noch nicht so oft adaptiert wurde wie sein Kollege aus London, auch wenn Alan Moore Dupin kurz in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ durchs Bild huschen ließ und schon Conan Doyle in „Eine Studie in Scharlachrot“ auf Dupin verwies, wo Holmes seinen Vorläufer aus der französischen Hauptstadt jedoch eher als überholt oder nicht ausgereift bezeichnet.

Vielversprechender Auftakt: Der erste Band der Reihe ist jetzt auf Deutsch erschienen. Foto: Splitter
Vielversprechender Auftakt: Der erste Band der Reihe ist jetzt auf Deutsch erschienen.Foto: Splitter

Allerdings gibt es im ersten Band nicht nur allerhand schöne Szenen, eine stimmige Chemie zwischen den Figuren oder eine – snikt! – Anspielung auf Marvels X-Man Wolverine, sondern auch viele begonnene, auf der letzten Seite noch unaufgelöste Fäden. Da kann Dupin noch so majestätisch die beiden Handlungsstränge geradezu postmodern zusammenführen und Autor Gloris wie im besten Holmes-Pastiche alle drei klassischen Dupin-Fälle von Poe („Der Doppelmord in der Rue Morgue“, „Das Geheimnis der Marie Rogêt“, „Der entwendete Brief“) erwähnen – der Leser bleibt am Schluss der eigentlich durchgehend vergnüglichen Lektüre erst mal mächtig unbefriedigt und angesäuert zurück.

Andererseits ist der Wunsch nach der sofortigen Weiterführung einer Geschichte mehr ein Indiz für die Qualität des Ganzen und erhärtet den Verdacht, dass die Kreativen sich lediglich für einen arg strapaziösen Cliffhanger am Ende der klassischen 48 Albenseiten entschieden haben.

Spätestens wenn der zweite Teil um die Detektei im Zeichen eines Schwarzen Katers (sic!) – hoffentlich nicht allzu spät – an die besten Szenen dieses leichtfüßigen, glücklicherweise nicht zu ernsten ersten Bandes anknüpfen wird, sollte dieses eher unbefriedigende Ende des Debüts vergessen sein.

Thierry Gloris (Autor) und Jacques Lamontagne (Zeichner): Pik As Bd. 1: Die Parapsychologin, aus dem Französischen von Tanja Krämling, Splitter Verlag, 48 Seiten, 13,80 Euro. Leseprobe hier.

Mehr von Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. Unser Autor schreibt nicht nur regelmäßig für die zitty und diverse Comic-Verlage, sondern ist auch begeisterter Holmesianer. Seine Pastiche-Sammlung „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ erschien 2009 im Atlantis Verlag.

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