Ein Jahr nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ : Die Schockwelle im Kopf

Deutsche Karikaturisten bilanzieren, wieweit der Angriff auf das französische Satiremagazin vor einem Jahr auch ihre Arbeit verändert hat.

Rainer Nolte
Satire gegen den Terror: Das Titelbild der Charlie-Hebdo-Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge.
Satire gegen den Terror: Das Titelbild der Charlie-Hebdo-Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge.Foto: Reuters

Der Anschlag am 7. Januar 2015 auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ rückte die Karikaturen-Szene blitzartig in den Fokus. Auch ein Jahr nach dem Attentat in Paris ist die Debatte darüber, wie weit Satire gehen darf, unbeantwortet. „Es wurde deutlich, welche ungeheure Kraft das Stilmittel der satirischen Zeichnung hat“, sagt der Essener Karikaturist Thomas Plaßmann rückblickend.

Das brutale Attentat, bei dem zwölf Menschen starben, war ein Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit. Der Kulturbereich habe sich durch den abscheulichen Anschlag vor einem Jahr jedoch nicht einschüchtern lassen, erklärt der Deutsche Kulturrat in Berlin. „Die Terroristen haben ihr Ziel nicht erreicht“, sagt Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

Aber hat sich ein Jahr nach dem Terror-Vorfall die Karikaturen-Landschaft verändert? Thomas Plaßmann, der in Tages- und auch Kirchenzeitungen veröffentlicht, bemerkte damals eine immense Solidarität für die Zeichner. Nach einem Jahr hätte die Aufmerksamkeit zwar abgenommen, jedoch sei sie noch spürbar.

Dieses Gefühl im Nacken

Zum Zeitpunkt des Anschlages saß er damals fassungslos an seinem Zeichentisch. „Gerade jetzt, zum Jahrestag des Anschlags, spürt man dieses Gefühl im Nacken wieder besonders deutlich“, sagt der Cartoonist. Er mache sich bei entsprechenden Themen seine Gedanken: „Wie weit kannst du bei deiner Arbeit gehen, um nicht plötzlich einen vermummten Menschen im Büro zu haben, der dir eine Kugel in den Kopf schießt.“

Sein Zeichen-Kollege Jürgen Tomicek sieht persönlich keine grundlegende Veränderung. Bei einigen Karikaturisten sei direkt nach den Anschlägen eine Jetzt-erst-Recht-Haltung aufgekommen, diese habe sich aber wieder gelegt. „Auch vorher habe ich mir Gedanken über meine Zeichnung gemacht. Wer in den Medien arbeitet, weiß, wo er aneckt und kennt die Tragweite einer Karikatur“, sagt Tomicek.

Zeichnen gegen den Terror: Karikaturen zu #CharlieHebdo
Albert Uderzo: Asterix, Obelix und Idefix verneigen sich. @asterixofficiel
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09.01.2015 08:53Albert Uderzo: Asterix, Obelix und Idefix verneigen sich. @asterixofficiel

Medien- und Islamwissenschaftler Kai Hafez von der Universität Essen kritisiert, dass sich die öffentliche Debatte zum Thema nicht weiterentwickelt habe. Er wünscht sich eine differenziertere Betrachtung, die auch die Anliegen der Minderheiten und die weltpolitische Situation aus Sicht der Betroffenen mit einbeziehe.

Nicht alles, was juristisch korrekt sei, sei auch gesellschaftlich verantwortungsvoll, gerade vor dem Hintergrund der hohen Islamfeindlichkeitsraten in Deutschland und der Übergriffe auf Ausländer, die es neben der großen Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge eben auch gebe.

Für den Bonner Karikaturisten Burkhard Mohr hat sich in der Branche etwas verschoben: „Der Anschlag war ein Knall, durch den eine Schockwelle nachhaltig durch die Köpfe geschwappt ist.“ Bei gewissen Dingen sei man nun besonders vorsichtig - aber nicht nur bei Islam-Themen, sondern generell bei Zeichnungen über Kirche, Israel, Juden, Flüchtlinge oder auch Abtreibung.

Manche Ideen lässt Mohr sich nun zehnmal durch den Kopf gehen, bevor er sie umsetzt. „Vor 20 Jahren sah ich weniger ein Problem, doch heute kann eine Karikatur durch internationale Verbreitungswege, wozu sicher auch das Internet gehört, auch in einem anderen kulturellen Kontext betrachtet werden.“ So könnten ungewollt Provokationen und Beleidigung entstehen. Ein Shitstorm könne da noch die harmloseste Folge sein.

Thomas Plaßmann hat nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ die Figur Mohammeds gezeichnet, jedoch mit Zurückhaltung. Der Respekt vor der jeweiligen Religion sei bei seiner Arbeit ein zu berücksichtigender Faktor und wichtig. „Die Aussage meiner Zeichnung darf darunter zwar nicht leiden, aber ich muss mit Verantwortung zeichnen.“ Unter diesen Vorzeichen wollen er und seine Kollegen auch am Jahrestag satirische Zeichnungen veröffentlichen. (KNA)