„Fletcher Hanks' Bizarre Comickunst“ : Eine Zeit in der Hölle

Der eigenwillige Stilist Fletcher Hanks kreierte um 1940 seltsame Comicfiguren in sinnverwirrenden Geschichten. Nebenbei erfand er eine der ersten Superheldinnen.

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Superheldin Fantomah, bevor sie totenkopflastig wird: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Superheldin Fantomah, bevor sie totenkopflastig wird: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: BSV

Schon die Lebensgeschichte Fletcher Hanks' klingt nach einem dieser modernen selbstreferenziellen Comics mit zig Metaebenen: Hanks war, wenn auch nur recht kurzfristig zwischen 1939 und 1941, ein im Sinne der Auteur-Theorie tätiger Ein-Mann-Betrieb der Comics; was heißt, dass er seine Geschichten selbst verfasste, zeichnete, kolorierte und letterte. Das war sicherlich auch den prekären Arbeitsverhältnissen im amerikanischen Studiosystem jener Zeit geschuldet, welches im Fließbandsystem Produkte einforderte und wieder ausspie, jedoch wird in allen Geschichten Hanks' eine übergeordnete und stringent verfolgte künstlerische Vision sichtbar. Später dann wurde der Künstler in lokalpolitischen Zusammenhängen aktiv; 1976 fand man seine erfrorene Leiche auf einer Parkbank in Manhattan. Offensichtlich verschied er alkoholisiert und mittellos aus einem durch Trunksucht und von ihm gegenüber seiner Familie ausgeübter Gewalt geprägten Leben.

 Holzauge, sei wachsam!

 Dem im Volumen eher schmalen Werk von geschätzten einundfünfzig Geschichten widmet sich nun „Fletcher Hanks' Bizarre Comickunst“ aus dem in Hannover ansässigen BSV-Verlag, worin zwölf seiner Werke vorstellt werden. Darunter finden sich auch Storys über eine der ersten Superheldinnen namens Fantomah, die noch nach Fletchers Ableben, da vom Copyright befreit, bis 2011 gelegentlich totenschädelig in der Reihe „Hack/Slash“ herumgeisterte. Und erst letztes Jahr tauchte der von lockiger Pracht umspielte Totenkopf Fantomahs in der sechsten Ausgabe der deutschen Anthologie WHOA! COMICS anlässlich eines Beitrags von Lukasz Mazur auf, dessen Titel „Ein großer Bissen Tod“ sich nahtlos in die von Hanks in seinen Comics propagierte statisch-nihilistische Weltsicht einfügt.

Ein bisschen abhängen: Selbstjustiz und Statik bei Fletcher Hanks.
Ein bisschen abhängen: Selbstjustiz und Statik bei Fletcher Hanks.Foto: BSV

Befindet sich jedoch in Mazurs Story die Prügeldichte auf recht hohem Niveau, so fällt bei Hanks' Fantomah-Version eine häufige Abwesenheit der physischen Auseinandersetzung, wie diese sonst im Superheldengenre üblich ist, ins Auge. Und, wenn wir schon bei Augen sind, schweifen die Gedanken natürlich zu dem gleichfalls extrem zurückhaltend agierenden „The Eye Sees“ aus den Centaur-Mystery-Comics, ebenso in der Buchreihe „Perlen der Comicgeschichte“ des BSV-Verlags veröffentlicht.

Im Hinblick auf Hanks' Biografie wäre ein Blick auf die Abwesenheit von gewaltgeprägter Konfrontation ausgerechnet bei einer weiblichen Hauptfigur noch einmal von besonderem Interesse, wenngleich die Trennung von Werk und Künstler natürlich stets Vorrang hat. Oder von prügelndem Mann und der darunter leidenden Frau.

 Formel 1 im Kreisverkehr

 Hanks erzählte mit Form und Farbe in repetitiven Mustern, lange bevor dies durch Lorenzo Mattottis „Feuer“ ein endgültig anerkanntes Stilmittel wurde. Eines der exemplarischsten Beispiele dafür ist – neben der ersten im Buch abgedruckten Stardust-Geschichte voller Flugkörper im statischen Ballett – ausgerechnet ein Frühwerk mit dem holzfälleraffinen Naturburschen Big Red McClane, in dem, ganz anders als bei Fantomah, alles versohlt wird, was in „King Of The Northwoods“ nicht schnell genug auf die Bäume kommt und dessen unbeholfen scheinende Visualisierung seltsame Verzerrungen gebiert.

Sein besonders bei der Physiognomie seiner Figuren gelegentlich bei Basil Wolverton Anleihen machender Strich verweigert im Gegensatz zu Wolverton die detaillierte Ausführung, vermutlich ist dies einer auf pünktliche Termineinhaltung optimierten Arbeitsweise geschuldet; wie auch sonst die große Fläche Vorrang vor allzu akkuraten Finessen oder Schattierungen erhält. Das macht den Einsatz repetitiver Muster zu einer ökonomischen Notwendigkeit, gleichzeitig erhalten so aber Fläche und Wiederholung narrative Aufwertung und Bedeutung.

In einer ebenso formelhaft angelegten Erzählstruktur, die sich an stets wiederkehrenden Motiven abarbeitet, als Beispiel seien hier die grotesk bis drakonisch anmutenden Bestrafungen der Übeltäter durch Hanks' übermächtige und sich so gut wie nie in Gefahr befindenden Heldenfiguren angeführt, ergibt sich so ein aus Mustern und vor allem ungewöhnlichen Farben gewobener Teppich, der seine hypnotisierten Betrachter durch monotone Rhythmen und psychedelisch-surrealistisch anmutende Einsprengsel genauso zum Schweben zu bringen vermag, wie dies auch immer wieder Wildkatzen, Bomben, Skeletten oder Ganoven in Hanks' Geschichten widerfährt.

Das Titelbild des besprochen Bandes.
Das Titelbild des besprochen Bandes.Foto: BSV

Die Übersetzung ist, besonders in der Holzfäller-Geschichte, knackig, „Antreten zur Abreibung“ statt „Step up and get it“ heißt es gelungen alliterativ in der Übersetzung von Jürgen Gleue; sonstige Vergleiche mit dem Original können hier gezogen werden. Sollte es jedoch zu einer Veröffentlichung von dieser Preziose kommen, dürfte Gleue ins Schwitzen kommen.

Bewunderer hat Fletcher Hanks nicht wenige, im gehobenen Feuilleton würde man ihnen jetzt vermutlich den Schriftsteller Kurt Vonnegut, Musikkritiker Greil Marcus und den Underground-Comix-Veteran Robert Crumb um die Ohren hauen sowie auf Bezüge zu Salvador Dali und René Magritte verweisen; wir belassen es lieber bei „The Eye Sees“ und „Space Patrol“ und bleiben somit bei unseren Leisten, ganz im Sinne von Joe Shuster.

Perlen der Comicgeschichte 3: Fletcher Hanks' Bizarre Comickunst, BSV-Verlag Hannover, Hardcover, 104 Seiten, 24,80 Euro

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