Geschichte im Comic : Das Schweigen der Helden

Die Reihe „Unter dem Hakenkreuz“ fächert mit historisch-soziologischem Eifer das menschliche Verhalten während des Nationalsozialismus auf. Ein besonderes Augenmerk widmen die Autoren dabei den Schwächen ihres schöngeistigen Protagonisten.

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Pariser Sommer: Eine Seite aus dem zweiten Band.
Pariser Sommer: Eine Seite aus dem zweiten Band.Foto: Schreiber & Leser

Es ist ein deutscher Tick, Titel so zu übersetzen, dass sie mindestens zwei Spuren spektakulärer wirken als das Original. In diesem Fall traf es die Comicreihe „Unter dem Hakenkreuz“, deren Originaltitel „Amours Fragiles“ lautet: „Zerbrechliche Liebe“. Indem die Herausgeber auf die Signalwirkung setzen, dass es hier um das Dritte Reich geht, nehmen sie in Kauf, dass das Besondere am Ansatz der Reihe von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot verloren geht: Nicht die Nazigreuel stehen hier im Vordergrund, sondern das jugendliche Bedürfnis, einen Platz im Leben zu finden, das Schöne darin zu entdecken und sich selbst zu verwirklichen. Im Schatten der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen müssen die Helden dieser Erzählung einsehen, dass die Zeit, in der sie sich bewegen, keine höheren Ambitionen und Ideale zulässt.

Der französische Zeichner Beuriot erklärt, warum er und Richelle sich darauf verlegt haben, den Schrecken des Dritten Reichs unterschwellig zu halten: „Sei es im amerikanischen oder französischen Kino, die Filme über den Zweiten Weltkrieg konzentrieren sich im Allgemeinen auf die spektakuläre Seite des Leidens. Ich halte mich an den Alltag. Die Geschichte wirkt schließlich umso erschreckender, da der Leser heute weiß, was noch alles von den Nazis kommen sollte.“

„Wir haben uns vorgenommen, beim einfachen Bürger zu bleiben, der sich nicht für die Ereignisse verantwortlich fühlte“, ergänzt der belgische Szenarist Richelle. „Die Deutschen verhalten sich so, als ob die Schrecken der Deportationen nicht ohne Weiteres vorauszusehen gewesen wären. Niemand wusste genau, was sich abspielt. Die Leute kümmerten sich zuallererst darum, ihr Leben zu leben und etwas zu essen zu haben. […] Mich interessieren keine Kriegsszenen. Ich versuche, die Mentalität der Epoche wiederzugeben. Mein Ziel war es, die so häufig schwarzweiße Sicht auf diese Zeit um Nuancen zu bereichern.“

Ein verliebter Beobachter

Der Held von „Amours Fragiles“ trägt den missverständlichen Namen Martin Mahner. Was nach Holzhammerdidaktik klingt, gemahnt beim näheren Hinsehen eher daran, dass man 1932 als Heranwachsender andere Probleme gehabt hat als über den Anbruch des Dritten Reichs beunruhigt zu sein. Martin ist ein zarter Jungintellektueller, der kurz vor dem Abitur steht. Er verliebt sich auf den ersten Blick in seine neue Nachbarin Katharina. Dass sie einer jüdischen Familie entstammt, bekommt er eine ganze Weile nicht mit, weil sich die beiden nur selten über den Weg laufen, obwohl sie direkt gegenüber wohnen. Bei den wenigen Gelegenheiten, die sich Martin bieten sie kennenzulernen, versagt er jämmerlich. Man kann ihm generell nicht gerade ein Gespür für Frauen nachsagen. Was sonst den Topos der „unmöglichen Liebe“ bedient hätte, wird hier zum Katalysator, dass es überhaupt zu einer Liebesgeschichte kommt: Die Isolation, die Katharina nach der Machtergreifung Hitlers allerorten erfährt, gibt Martin erst die Gelegenheit, ihr näherzukommen, indem er sich zu ihr bekennt.

Der Einfluss der Nazis macht sich in Martins Leben überall bemerkbar. Bereits bei sich daheim setzt ihm sein Vater täglich mit politischen Standpauken darüber zu, dass Deutschland nur mit dem Nationalsozialismus eine Zukunft habe. Sein bis dato bester Freund Gunther hat mit Katharina angebandelt und lässt sie schmählich sitzen, nachdem er erfahren hat, dass sie Jüdin ist. Und selbst auf einer eleganten Party der betont freigeistigen Gesellschaft gibt es immer noch jemanden, der Hitler von einer quasi-religiösen Aura umgeben sieht.

Es ist allerdings nicht so, dass Martin offensiv dagegen Stellung beziehen und sich als Vertreter der richtigen Sache erweisen würde. Zwar grinst er auf jener Party zustimmend, als sich ein Musiker über den Anhänger Hitlers lustig macht. Von ihm selbst wäre solch ein öffentliches Statement nicht zu erwarten gewesen. Dazu ist er viel zu schüchtern. Seine Zustimmung versteht sich von selbst, da er dort von der kulturellen Avantgarde umgeben ist, von den Leuten, zu denen er aufschaut und zu denen er gehören will. Seine Abneigung gegen die Nazis begründet der Musiker, indem er sagt: „Ich liebe meine Freiheit. Ich will nach meiner Fasson leben. Sagen, was ich denke, lieben, wen ich will. […] Die Bilder von Picasso und Kokoschka betrachten…“ Martin träumt vom Germanistikstudium und vom Theater.

Kultur als Voraussetzung für einen wachen Verstand

Allein das trennt ihn von seinem tumben Vater, der aus seiner kleinbürgerlichen Scheuklappenperspektive nur vom sozialen Aufstieg träumt. Martins Vater ignoriert die Wesensart seines Sohnes, der sich gerade in der Lebensphase befindet, in der der Charakter feste Züge annimmt. Sein Sohn zeigt durchaus ein Distinktionsstreben, das er sich so von ihm wünscht, nur dass es nicht in die ökonomische Richtung geht, sondern in die kulturelle. Marcel Reich-Ranicki sagte einst, dass die Nazis für ihn niemals Verführungspotential hätten haben können, auch wenn er kein Jude gewesen wäre. Dass sie all die Schriftsteller beschimpft und verfolgt hätten, die er so liebte, wäre eine unüberwindliche Mauer zwischen ihnen gewesen. Ähnliches gilt für Martin. Darüber hinaus sieht er permanent, wie sein Vater auf die Nazipropaganda hereinfällt und Menschen stigmatisiert werden, die wie sein Deutschlehrer durchaus Rollenvorbilder für ihn abgeben. Philippe Richelle sieht seine kulturellen Vorlieben als Voraussetzung für einen wachen Verstand: „Die Bücher und die Kunst im Allgemeinen nähren den Geist, entwickeln den kritischen Sinn, erlauben einem, die Vergangenheit zu verstehen und die Gegenwart besser zu begreifen.“

Menschliche Schwächen: Eine Seite aus dem dritten Band.
Menschliche Schwächen: Eine Seite aus dem dritten Band.Foto: Schreiber & Leser

Obwohl er sensibel für die Entwicklung ist, die Deutschland seit Hitlers Machtergreifung nimmt, bezieht er noch nicht einmal im Familienkreis deutlich Stellung. Offenbar ist Politik etwas, womit er sich nicht abgeben mag. Ein einziges Mal bringt Gunther ihn dazu, sich gegen Hitlers Glorifizierung zu wenden. Das ist allerdings ausgerechnet im Beisein von Katharina. In dieser Situation mochte er einfach darüber verstimmt sein, dass sie sich mit einem solch opportunistischen Schwätzer wie Gunther einlässt, der sofort in das „Hitler ist der Mann der Stunde“-Sermon einstimmt. Auch als Martin sich mit einem SA-Mann anlegt, tut er es wegen Katharina. Nachdem Katharinas Eltern Selbstmord begangen haben und SA-Schergen sie vor den Augen der Schaulustigen „wie Tiere“ in Schubkarren abtransportieren, wird ihm bewusst, wie feige er sich verhalten hat – genau an dem Ort, wo er Katharina zuvor verteidigt hatte. Solange Martin keinen amourösen Antrieb dazu verspürt, sich anders zu verhalten, verkörpert er den passiven Schöngeist, dem Zivilcourage völlig abgeht.

Die ganz gewöhnliche Feigheit

Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot zeichnen Martin nicht als ungebrochen positiv besetzte Bezugsfigur. Er entwickelt sich zwar zum Sympathieträger, das aber in einem Zwischenraum: nachdem er als Wehrmachtsoldat in die Geschichte eingeführt wurde und bevor er sich als stummer Zeuge des Unrechts diskreditiert hat. Er fügt sich ins Unvermeidliche, um sich den Problemen seines Erwachsenwerdens zuwenden zu können. Martin macht ein innerer Konflikt zu schaffen, dem sich wohl jeder von uns bisweilen ausgesetzt sieht: Bis zu welchem Grad können wir unsere Überzeugungen verleugnen, ohne uns dabei erbärmlich vorzukommen?

Martin erscheint ebenso ambivalent wie sein Vater, der Wohnzimmernazi. So beschränkt er insgesamt auch ist, immerhin nimmt er sich vor, ein Zeichen gegen den allgemeinen Boykott von jüdischen Geschäften zu setzen. Persönliche Beziehungen scheinen ihm dann doch wichtiger zu sein als die Feindbilder der Propaganda. Natürlich erweist er sich angesichts der Überwachungstrupps als zu rückgratlos, seinen Plan umzusetzen. Schon rein äußerlich sieht er zwar wie der klassische Deutschnationale aus, der mit Verve nach rechts strebt: Er trägt Hitlers Scheitel, das Bärtchen und den ausrasierten Nacken. Dadurch jedoch, dass Martins aufrechter Onkel Rudolf derselben modischen Verirrung erliegt, ist dieses Erscheinungsbild nicht eindeutig codiert.

Philippe Richelle gibt keine Antworten darauf, wie gewöhnliche Menschen zu Sadisten und Mördern werden. Ihm geht es darum, woher die ganz gewöhnliche Feigheit kommt: „Der amerikanische Soziologe [Albert Otto] Hirschman hat eine direkte Beziehung zwischen dem allgemeinen Wohlstand und dem Verhalten der Bürger im sozialen Leben hergestellt.“ Martins früherer Klassenkamerad Karl Erlinger tritt der SA bei. Zuvor musste er aus Geldmangel die Schule verlassen, wo er nie Anschluss an die anderen gefunden hat. In der SA findet er also ebenso einen sozialen Hort wie er eine Funktion im Machtgetriebe übernimmt. Zu einem Mitläufer der Nazis ist er geworden, nachdem Martin und Gunther seine Annäherungsversuche stets abgewiesen haben. Während Martin nach dem Abitur vor den deutschen Verhältnissen nach Frankreich flüchtet, macht Karl das, was ihm im Rahmen seiner gesellschaftlichen Möglichkeiten zu liegen scheint. Zu einem kompletten Schweinehund lässt ihn Richelle aber nicht werden: Als sein Kumpan Martin erschießen will, rettet er ihm das Leben.

Zwischen Stillschweigen und Kämpfen

Nachdem Beuriot und Richelle im ersten Band das grundlegende Konzept und das Liebespaar in spe etabliert hatten, beschlossen sie, die Reihe auf acht Folgen hin anzulegen und die historischen Ereignisse um den Zweiten Weltkrieg herum jeweils unter den wichtigsten Gesichtspunkten zu betrachten. Ihre deutsch-französische Geschichte widmet sich im ersten Band „Der letzte Frühling“ dem Aufstieg des Nationalsozialismus, im folgenden „Ein Sommer in Paris“ den deutschen Emigranten in Frankreich vor dem Kriegsbeginn und im kürzlich erschienenen dritten mit dem Titel „Maria“ dem deutschen Widerstand während des Krieges. Der bereits in Frankreich erschienene vierte Band „Katharina“ handelt vom ansteigenden Antisemitismus in Frankreich unter dem Vichy-Regime. Die Menschen zeigen sich von ihrer niederträchtigen Seite: In einer Atmosphäre des Misstrauens denunziert jedermann den anderen bei der Gestapo, um die eigenen Interessen zu wahren. Mit dem nächsten Band „Résistance“ lernen wir Bürger und Soldaten kennen, die den französischen Widerstand getragen haben. Weitere Folgen werden über die Kollaboration und den Holocaust berichten.

Martin und Katharina bilden das Zentrum der Geschichte. Nach dem traumatischen Erlebnis des Selbstmords ihrer Eltern verlässt sie Deutschland endgültig und baut sich ein Leben in Frankreich auf. Erst der fatale Gang des Zeitgeschehens bringt sie zusammen. Sie verkörpern die Hoffnung, dass Liebe auch noch in barbarischen Zeiten überlebt. Bevor er mit der Arbeit an „Amours Fragiles“ begann, las Jean-Michel Beuriot Bücher über die Liebe während des Krieges. „Überall lauerte der Tod, also wollten die Menschen sich unbedingt noch ausleben.“ In seinen Zeichnungen versuche er, diesen Lebenshunger auszudrücken: „Ich will wissen, was in den Gesichtern zum Vorschein kommen soll, bevor ich mich um schöne Gesichtszüge kümmere. Ich führe zuerst eine Art zeichnerisches Casting durch, bevor ich ein Album in Angriff nehme.“ Die beiden Autoren suchen Familienarchive und andere historische Quellen ab, um Ideen zu finden. Auch in seiner Serie „Opération Vent Printanier“, die eine völlig ins Wanken geratene französische Gesellschaft nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht zeigt, griff Philippe Richelle auf das geheime Tagebuch einer fünfzehnjährigen Schülerin zurück, um seine Protagonistin zu gestalten, die eine Freundschaft zu einem deutschen Soldaten knüpft.

Die wirklichen Helden bleiben auf der Strecke

Im Umkreis von Martin Mahner demonstrieren die Nebenfiguren Henry und Maria, wohin eine weniger kompromissbereite Haltung führt. Der arbeitslose Schauspieler Henry weigert sich, linksradikale Deutsche bei der französischen Polizei zu denunzieren, obwohl er sie kennt und nicht ausstehen kann. Darüber droht er seine Aufenthaltserlaubnis zu verlieren und wird beinahe ausgewiesen. Seine frühere Geliebte Maria wird im Widerstand aktiv und schreibt ihrer kleinen Tochter vor ihrer Hinrichtung: „Zwischen Stillschweigen und Kämpfen habe ich mich für den Kampf entschieden.“

Deutscher Widerstand: Der kürzlich erschienenen dritte Band der Reihe.
Deutscher Widerstand: Der kürzlich erschienenen dritte Band der Reihe.Foto: Schreiber & Leser

Derweil hofft Martin in der Verwaltung der Wehrmacht darauf, nicht noch vor dem erwarteten Kriegsende an die Front zu müssen. In den bisherigen Bänden zeigte sich Martin als Held genauso unfertig wie die Liebesgeschichte. Dass er und Katherina schließlich zusammengefunden haben, sehen wir in Schlaglichtszenen, die den Lauf der Dinge vorwegnehmen. Während sich ihr Liebesglück an der Côte D’Azur in der Ferne ankündigt, bleiben die wirklichen Helden auf der Strecke. Beuriot und Richelle verstehen ihr historisches Portrait als Schlüssel für die Gegenwart. Vielleicht warten sie deshalb noch ab, wie sie dieses zynische Dreieck von Lebenshunger, Kompromissbereitschaft und Heldentum auflösen wollen: „Wie gegen Ende der dreißiger Jahre ist heute die Konjunktur schlecht, die Zukunft ungewiss. Die Versuchung, sich auf sich selbst zurückzuziehen, ist sehr groß. Die Umstände verleiten uns dazu, unsere Ideale zu verraten.“

Jean-Michel Beuriot/Philippe Richelle: Unter dem Hakenkreuz, bislang drei Bände mit 56 bzw. 88 Seiten, je 18,80 Euro bzw. 22,80 Euro. Mehr auf der Website des Verlags Schreiber & Leser.

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