„Ghetto Brother“ von Voloj und Claudia Ahlering : Sieg der Vernunft

In ihrem packenden Comic „Ghetto Brother“ zeichnen Julian Voloj und Claudia Ahlering das Leben des New Yorker Gang-Anführers Benjamin Melendez nach. Beim Comicfestival München ist das Buch als bester deutschsprachiger Comic nominiert.

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Das Business der Bronx: Eine Seite aus „Ghetto Brother“.
Das Business der Bronx: Eine Seite aus „Ghetto Brother“.Foto: Avant

Drei Mülltonnen auf weißem Grund – das Logo der Ghetto Brothers war schlicht und selbstironisch. Es verwies auf den desolaten Zustand ihrer Heimat, der South Bronx. In den späten Sechzigern eine von Kriminalität und heruntergekommen Gebäuden geprägte Gegend. Die meisten jungen Männer schlossen sich in Gangs zusammen. Es gab rund 100 davon, die Ghetto Brothers waren mit etwa 2000 Mitgliedern eine der größten. Gegründet hatte sie der puertoricanische Teenager Benjamin Melendez zusammen mit seinen beiden Brüdern. Er war es auch, der sich das Mülltonnen-Logo ausdachte und dafür sorgte, dass es alle Gangmitglieder es auf ihren Kutten trugen.

Die Rückenansicht eine solchen Jeans-Kluft ziert nun das Cover der Graphic Novel „Ghetto Brother“, in der Julian Voloj und die Zeichnerin Claudia Ahlering auf packende Weise die Lebensgeschichte von Benjamin Melendez dokumentieren. Er wird auf den ersten Seiten als alternder Typ mit Basecap und Schnurrbart vorgestellt, der im Jahr 2011 durch seinen alten Kiez führt. Dann springt die Handlung 40 Jahre zurück, Melendez erinnert sich an die Hochzeiten seiner Gang und an ihr größtes Trauma: Die Ermordung ihres Mitglieds Black Benjy während einer Vermittlermission mit rivalisierenden Banden.

Kreative Kräfte: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Kreative Kräfte: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Eigentlich hätte jetzt ein Bandkrieg losgehen müssen. Doch etwas absolut Erstaunliches geschah: Der besonnene Melendez rief eine Vollversammlung aller Bronx-Gangführer ein, die im Dezember 1971 ein weitreichendes Friedensabkommen beschlossen. Es ist in „Ghetto Brother“ komplett abgedruckt und beginnt mit diesen Sätzen: „Wir stellen fest, dass wir alle unter den gleichen Bedingungen leben und mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Wir stellen fest, dass der Kampf unter uns unsere Probleme nicht lösen wird. Wenn wir unsere Gemeinden aufbauen und zu einem besseren Ort für unsere Familien und uns selbst machen wollen, müssen wir zusammenarbeiten.“

Ein epochaler Sieg der Vernunft, zu dem Melendez mit einer klugen Rede maßgeblich beigetragen hatte. Der Text des Abkommens war deutlich Black Panther-Positionen beeinflusst, die Gruppe hatte schon früh einen Repräsentanten zu den Ghetto Brothers geschickt. Melendez fand dessen Position einleuchtend.

Die Befriedung der Bronx setzte die kreativen Kräfte der jungen Leute frei. Sie wurden DJs, Rapper, Breakdancer – die Geburt der Hip-Hop-Kultur. Melendez und seine Brüder organisierten Partys und spielten in einer Band. Die wohl bekannteste Transformation durchlief der Gang-Leader der Black Spades: Er wurde unter dem Namen Africa Bambaataa einer der einflussreichsten DJs, seine Gang verwandelte er in die Zulu Nation. Diesen Teil der Bronx-Geschichte hat Ed Piskor in seinem Comic-Album „Hip-Hop Family Tree“ detailliert und liebevoll nachgezeichnet.

Drei Mülltonnen als Erkennungszeichen: Das Buchcover.
Drei Mülltonnen als Erkennungszeichen: Das Buchcover.Foto: Avant

Der seit 2003 in New York lebende deutsche Fotograf  Julian Voloj und die Hamburger Zeichnerin Claudia Ahlering legen den Fokus hingegen ganz auf Melendez, der nicht nur als Gang-Anführer eine Ausnahmefigur war. Auch durch seine Ehe mit der Chinesin Mei-Wen – sie trug ihm den Spitznamen Yellow Benjy ein - ragte er aus der ansonsten ethnisch getrennten Bronx-Welt heraus.

Über eine weitere Besonderheit war sich der Vater von zwei Kindern lange nicht im Klaren: Seine Eltern waren Juden. Sie praktizierten ihren Glauben nur heimlich und gingen zur Tarnung mit ihren Kindern auch zur Sonntagsmesse – wie alle Puerto Ricaner. Wie Melendez diesen Teil seiner Herkunft im letzten Viertel erforscht und sich langsam dem Judentum annähert, gehört zu den spannendsten Teilen dieser lesenswerten Graphic Novel, die Ahlering in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustriert hat.

Julian Voloj (Text), Claudia Ahlering (Zeichnungen): Ghetto Brother. Avant-Verlag, 128 Seiten, 19,95 Euro

Hinweis: „Ghetto Brother“ ist eines der Werke, die von der Jury des Comicfestivals München (4.-7. Juni) als bester deutschsprachiger Comic nominiert wurden. Hier geht es zur Liste aller nominierten Titel, die Sieger werden am Samstagabend auf dem Festival verkündet.

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