Graphic Novel : Märchenfiguren im Blutrausch

Bonbonfarbene Harmonie trifft auf grenzenlose Gewalt: Das Buch "Jenseits" wagt ein spektakuläres Experiment - die ebenso kluge wie erschreckende Verbindung von Fabelwelt und Forensik.

Markus Dewes
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Putzige Parasiten. Erst auf den zweiten Blick entdeckt der Leser, was die kleinen Hauptfiguren hier treiben.Illustration: Reprodukt

Allzu niedlich ist die Covergestaltung dieses Comics ausgefallen, allzu gefällig ist die Wahl der Farben, niedliche Pastelltöne und Aquarelloptik schmeicheln dem Auge. Ein Kinderbuch, so könnte man denken, ein Märchen, ein ganz zuckriges Stück Kunst. Wären da nicht diese großen Finger am Bildrand.

Dieses sanfte Bilderbuch ist nur auf den ersten Blick bezaubernd. Der zweite Blick offenbart Brutalität, Grauen und Gewalt - es floss Blut, dort wo nun die Feen wandern.

Unterhalb der konventionellen Struktur einer Fabel, welche mit dem altbekannten stereotypen Personal (der Prinzessin, dem Prinzen, der für den Fortbestand der höfischen Rituale unverzichtbaren Zofe, der wagmutigen Heldin, dem unnahbaren Beau) nahezu klassisch erzählt wird, verbirgt sich ein Diskurs über das Leben nach dem Tod, welcher in dieser Form neu und einzigartig ist.

Dem Autorentrio, sprich dem Duo Kerascoët alias Marie Pommepuy (Story) & Sébastien Cosset (Zeichnungen) und dem Szenaristen Fabien Vehlmann,

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Märchenhaft. Eine Seite aus "Jenseits".Illustration: Reprodukt

gelingt ein heimtückischer Augentrick. Dieser Comic ist keine leichtverdauliche Ware für Kindergemüter, sondern eine schockierende pathologische Fallstudie.

Während eine vordergründig harmonische Geschichte über die Selbstorganisation einer kleinen Gemeinde von Fabelwesen erzählt wird, verrottet im Hintergrund der Leib eines Kindes. Die putzigen Gestalten beweisen ihre symbiotischen Fähigkeiten und nutzen den, auf dem Waldboden verstreuten Inhalt der Schultasche des Opfers als Materialien zum Wohnungsbau, Hefte werden zu Dächern für die kleinen Häupter und Kekspackungen zu Verkaufstheken.

Stück für Stück wird sichtbar, dass all diese putzigen Gesellen ebenso als parasitärer Befall einer Leiche betrachtet werden können, die forensische Entomologie hält Einzug in die Märchenwelt.

Diese ebenso kluge wie erschreckende Überkreuzung der beiden Ebenen, zwischen Wissenschaft und Mär, der stete Perspektivenwechsel zwischen Inszenierung von Verfall und Fäulnis einerseits und dem kontrastierenden bunten Treiben andererseits, der organisatorische Zusammenhang zwischen der verwesenden Kinderleiche und dem Aufblühen der Gemeinschaft machen diesen Comic zu etwas Außergewöhnlichem, zu einer Prüfung für das geschulte Auge.

Hat man das Grauen einmal erkannt, schreckt man auf, doch es bleibt nicht bei dieser Parallelmontage von Gaukelei und Mord, sondern eine Wanderbewegung setzt ein, welche die hintergründige Gewalt in den Vordergrund rückt.

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Innerhalb der Ansammlung der Figuren kommt es zu Exzessen extremer Gewalt, ausgegrenzte Geschöpfe werden bei lebendigem Leibe in der Federmappe der Toten beigesetzt, die Tötung wiederholt sich, diesmal unter den Augen der applaudierenden Mittäter.

Alles beginnt mit dem Blutrausch der Prinzessin, deren Gefolge - ganz genrekonform - den Taten nicht widerspricht, sondern sie sogar unterstützt. Kerascoët denunzieren und demontieren die Machtgefüge des Märchens und machen so etwas ganz anderes sichtbar, denn viele der weltbekannten Kindergeschichten berichten unhinterfragt von Gewalt und Tod. Die beiden Texter importieren nun weltliche Gewalt in diese Erzählweise und ermöglichen somit ein weitreichendes Nachdenken über Macht und Willkür.

"Jenseits" ist ein weiteres spannendes Experiment, welches zu beweisen versucht, dass der Comic auch imstande ist, äußerst ernsthafte Thematiken abzubilden. Zusätzlich wird der Nachweis erbracht, dass der graphische Roman auch vom Madenfraß durchaus in Pastelltönen berichten kann.

Marie Pommepuy, Sébastien Cosset und Fabien Vehlmann: Jenseits, 96 Seiten, 18 Euro, aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Dirk Rehm, Reprodukt-Verlag.

Mehr zum Buch und Lesproben unter
diesem Link.

Mehr von unserem Gastautor Markus Dewes finden Sie auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com.

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