Graphic Novel : Rosengarten in der Wüste

Krimi, Südstaaten-Roman, Spätwestern: Die Graphic Novel „Las Rosas“ erzählt die Geschichte einer Trailerpark-Gemeinschaft im Süden der USA, die sich mit gefährlichen Wahrheiten auseinandersetzen muss. 

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Abgeschiedene Welt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Abgeschiedene Welt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Schreiber & Leser

Obwohl seine Graphic Novel „Las Rosas“ 2011 beim Comic-Festival im französischen Angoulême in die Endrunde gelangte, provoziert das Artwork von Anthony Pastor nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Lässt man sich allerdings vom melodischen Titel und der hübschen Filmplakat-Hommage auf dem Cover des mehr als 300 Seiten starken Comic-Romans anlocken, merkt man recht schnell, dass die Panel und vor allem Gesichter des Franzosen vielleicht nicht immer todschick oder gar von formvollendeter Eleganz sind - dafür sind die Graustufen-Bilder sehr effizient, wenn es darum geht, die Stimmungen und Dramen in der abgeschiedenen kleinen Welt des Trailerparks am staubigen Highway mitten durch die Wüste einzufangen.

Gute Männer, schlechte Männer

Sheriff Flecha ist ein guter Mann. Er hat Übergewicht, trinkt zu viel und zögert, seiner Liebe Ausdruck zu verleihen, doch es gibt Schlimmere. Deshalb bringt er die junge Rosa, die von ihrem gewalttätigen Dealer-Freund, dem sie zu allem Überfluss auch noch Stoff geklaut hat, schwanger ist, aus der großen Stadt raus aufs Land und hier nach Las Rosas, eine trockene, verschworene Wohnwagen-Enklave um eine Tankstelle für Fernfahrer, in der nur Frauen und ein paar Kinder leben. Eine Kommune, die Frauen Schutz bietet, die vor gewalttätigen Männern fliehen.

Rosa, Stadtkind durch und durch, hasst das alles vom ersten Augenblick an, und wie könnte sie auch nicht? Vergewaltigt. Schwanger. Auf der Flucht. An diesem Ort gefangen, der in der Nacht noch schlimmer und öder ist als am Tag, ein Gefängnis mitten in der Wüste. Um sich von ihrem Elend abzulenken, macht die unangepasste junge Frau sich mit viel Neugierde und wenig Skrupel daran, einem der großen Geheimnisse von Las Rosas nachzugehen: Was hat es wirklich mit Angel auf sich, dem verlorenen Sohn des Örtchens, der just aus dem Gefängnis entlassen wurde und jeden Tag in die Stadt zurückkommen kann? Und wird er wirklich seinen verhassten Vater umbringen, der voller Anspannung um Las Rosas herum die Wüste mit seinem Sportwagen durchstreift und auf den Showdown und die Bestrafung seiner Sünden wartet?

Wüstenwelt: Eine weitere Seite aus dem Buch.
Wüstenwelt: Eine weitere Seite aus dem Buch.Foto: Promo

Atmosphärischer Tortilla-Western

Der 1973 geborenene Pastor hat seine Graphic Novel als „Tortilla-Western“ bezeichnet. Damit möchte er vermutlich nicht nur noch mal explizit darauf verweisen, dass sein Comic-Roman ziemlich nahe an der amerikanisch-mexikanischen Grenze spielt, sondern auch, dass er eine stimmige Mischung aus Krimi, Südstaaten-Roman und vor allem Spätwestern ist.

Das kleine, von der Außenwelt weitgehend isolierte Örtchen in der heißen Wüste, das einen Sheriff und einen Schurken hat und auf die Ankunft eines jungen Revolverhelden wartet, während die schrulligen Mitglieder der Dorfgemeinschaft ein Geheimnis teilen, dem im Anschluss an den Showdown noch mehr Kummer und Leid folgen - das ist ein Plot direkt aus der Western-Mythologie, wie er klassischer kaum sein könnte. Vielleicht sollte jemand die Coen-Brüder auf diesen europäischen Comic mit seiner stark amerikanischer Prägung aufmerksam machen.

Das Buchcover.
Das Buchcover.Foto: Schreiber & Leser

„Las Rosas“ versteckt es zunächst ganz gut, doch hat die Geschichte alles, was ein guter Western braucht - und sogar noch ein bisschen mehr. Vor allem Drama. Manchmal davon sogar mit Sicherheit etwas zu viel, vor allem in Nähe des unvermeidlichen Showdowns, den Pastor vorbereitet, indem er mit seiner Kamera abwechselnd seine Figuren umkreist, sie von innen und von außen betrachtet.

Doch da ist es fast wie mit der symbolischen Seifenoper, der eine Gruppe Frauen täglich im Fernseher in der Tankstelle von Las Rosas genauso aufmerksam folgt wie dem Tratsch und den neuesten Entwicklungen vor Ort: All das überspitzte Drama tut dem Lesevergnügen des „Spätwesterns auf den zweiten Blick“ letztlich keinen Abbruch. Außerdem braucht jede noch so schöne Rose ein paar Dornen, damit sie sich echt anfühlt.

Anthony Pastor: Las Rosas, Schreiber & Leser, 320 Seiten, 19,80 Euro

Der Blog unseres Autors Christian Endres findet sich hier: www.christianendres.de.

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