Graphic Novel : Unter der Decke

Craig Thompsons Comic-Autobiografie „Blankets“ ist Coming-of-Age-Roman und Gesellschaftsporträt, Religionskritik und Liebesgeschichte. Jetzt wurde das lange vergriffene Meisterwerk neu aufgelegt.

Katja Schmitz-Dräger
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Jenseits der Worte. Im Zentrum von »Blankets« steht die Geschichte von Craig und Raina.Illustration: Thompson/Carlsen

Es ist Winter, fast über die gesamten knapp 600 Seiten von Craig Thompsons autobiografischem Werk „Blankets“ liegt eine Schneedecke über dem amerikanischen mittleren Westen, in dem Thompsons Alter Ego Kindheit und Jugend verbringt. Das ist einer der Ursprünge des Titels dieser Graphic Novel, die der Carlsen-Verlag jetzt in einer neuen hochwertigen gebundenen Ausgabe herausgebracht hat. Diese ist in der Tat wunderschön anzusehen und -zufassen - Tiefenprägung und ein Muster aus Relieflack, hochwertiges Papier und Lesebändchen.

Neben dem Luxusfaktor hat diese Ausstattung hier auch sehr praktische Vorzüge: „Blankets“ ist ein Wälzer, dessen Umfang eher an den Großen Brockhaus erinnert - und, so beklagte ein befreundeter Besitzer der 2004 bei Speed Comics erschienenen und längst vergriffenen ersten deutschen Ausgabe: Häufigem Ausleihen war die Taschenbuchbindung schlicht nicht gewachsen.

Ausbruch aus den Zwängen von Schule und Religiosität

Und man wird dieses Buch häufig verleihen wollen - oder müssen. Denn „Blankets“ ist eine der anrührendsten Comicerzählungen über Kindheit, Jugend, erste Liebe und Entfremdung, die Craig Thompson nach ihrem Erscheinen 2003 zu Recht eine ganze Reihe renommierter Preise eingebracht hat. Die Bezeichnung „illustrierter Roman" hat nicht nur hinsichtlich der Ausmaße ihre Berechtigung, sondern auch mit Blick auf Gehalt und Komplexität der Geschichte.

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Vielschichtig. Rückblicke auf Craigs Kindheit sind mit der erzählerischen Gegenwart verwoben.Illustration: Thompson/Carlsen

Dabei ist es weniger ein außergewöhnlich spannender Plot, als das detailreiche und feinfühlige Nachzeichnen einer Kindheit und der ersten Liebe in wunderschönen und poetischen Bildern, das diesen Band so fesselnd macht und dazu führt, dass man ihn immer wieder durchblättern möchte. Indem Thompson vom Aufwachsen in einer christlich-fundamentalistisch geprägten Familie im Wisconsin der 1990er Jahre und vom ersten Ausbrechen aus den Zwängen von Schule und Religiosität erzählt, lotet er vor allem zwei Beziehungen aus: die zu seinem Bruder und zu seiner ersten Liebe Raina - beide den Veränderungen unterworfen, die das Heranwachsen mit sich bringt.

Es ist die gemeinsame Geschichte von Craig und Raina, die den Hauptstrang der Erzählung bildet: von der Begegnung in einem christlichen Ferienlager, in dem sich beide nicht zugehörig fühlen, über den Flirt per Briefpost, Craigs zweiwöchigen Besuch bei Rainas Familie im benachbarten Bundesstaat, währenddessen sich die beiden ineinander verlieben - und schließlich die Entfremdung im voneinander getrennten Alltag. Und es ist eine schmerzhaft treffende Erzählung einer ersten Liebe mit den großen, manchmal überwältigenden Gefühlen, magischen Momenten, dem gemeinsamen Schmieden unrealistischer Zukunftspläne - aber auch den Momenten der Distanz, dem Sich-unterlegen-Fühlen, der Eifersucht auf das Leben des anderen. Es ist Craig, der in der Schule gemobbte Außenseiter, der Raina zu seinem Lichtblick macht und sich in der Position des uneingeschränkt Anbetenden befindet. Die Tragik, die darin liegt, für jemanden da sein zu wollen, der einen im Grunde weniger braucht als umgekehrt, ist ebenso wie die Momente der innigen Nähe in stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen dargestellt, die sich immer wieder vom bloßen Geschehen lösen, um für einen Moment in Stimmungen und Vorstellungen aufzugehen, und die gelegentlich ganz ohne Text auskommen.

Der strenge Vater, der zudringliche Babysitter

Eine noch größere Rolle spielen diese Stimmungen und Fantasien in den Rückblenden, die von Craigs Kindheit und der Beziehung zu seinem kleinen Bruder Phil erzählen. Geschickt sind die beiden Ebenen miteinander verwoben, immer wieder verweisen Erinnerungen oder Craigs Schwierigkeiten mit sich selbst oder mit seinem Begehren gegenüber Raina auf deren Wurzeln in seiner brutalchristlich geprägten Kindheit. Thompson vermag es, das kindliche Gefangensein in den familiären Rahmenumständen und das aus dem religiösen Fundamentalismus erwachsende Unglücklichsein über die eigenen Schwächen ebenso plausibel in kleinen Situationen zu erzählen wie die ganz normale Bipolarität einer Geschwisterbeziehung: Craig und Phil sind mal Spielkameraden, mal Rivalen; mal wird eine Erdhöhle entdeckt oder Schiffbruch im gemeinsamen Bett gespielt, mal darüber gestritten, wer mehr Platz im Bett oder zuerst angefangen hat.

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Schmuckstück. Die Neuauflage bei Carlsen ist hochwertig und erinnert vom Umfang an den Großen Brockhaus.

Und auch die bitteren Aspekte wie die übermäßige Strenge des Vaters, der sexuell zudringliche Babysitter, und der fehlende brüderliche Zusammenhalt in schwierigen Situationen werden nicht ausgespart.

Bäume, Schnee und biblische Motive sind die immer wiederkehrenden Bilder, die die Atmosphäre des Bandes tragen - und die Muster der Patchworkdecke, die Raina für Craig näht (die zweite Bedeutung des Titels), und unter der die beiden für eine Weile eine Zuflucht vor den Widrigkeiten des Alltags finden.

Ein Meisterwerk der Comic-Literatur

Am Ende greift die Bezeichnung „illustrierter Roman“ doch zu kurz - denn wie fast jeder gute Comic vereint „Blankets“ das Beste der verschiedenen Kunstformen, macht sich die Mittel des Films in Schnitten und Blenden ebenso zunutze wie die der Malerei, trifft auch in den Textpassagen den Ton und verleiht selbst den Nebenfiguren wie Rainas im Auflösungsprozess befindlicher Familie eine erstaunliche Dreidimensionalität. Eines der Werke, die die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums Comic ausloten und zu einem organischen Ganzen verbinden - und denen es gelingt, damit zugleich Coming-of-Age-Roman, Gesellschaftsporträt, Religionskritik und Liebesgeschichte in einem zu sein.

Zum Schluss der Erzählung ist der Schnee geschmolzen, Craig hat sein Elternhaus verlassen und es geschafft, losgelöst von den religiösen Fesseln seiner Kindheit zu einem eigenen Selbst- und Weltbild zu finden. Und es gelingt ihm, nach der Entfremdung, die sowohl im Verhältnis zu Phil als auch in dem zu Raina stattgefunden hat, eine neue Beziehung zu beiden Geschichten zu entwickeln, sich die schönen Seiten zurückzuerobern. Die von Raina genähte Decke, lange in einen dunklen Winkel verbannt, wird wieder hervorgeholt. Und Craig Thompsons Karriere als Zeichner - vom Roman-Craig in einem Anfall religiöser Schuldgefühle vorzeitig mit einem größeren Feuer beendet - hat mit diesem Werk erst so richtig begonnen.

Craig Thompson: Blankets, 592 Seiten, 38 Euro, Carlsen. Eine Leseprobe gibt es unter
diesem Link. Zu Craig Thompsons Website geht es unter diesem Link.

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