Gratis-Comic-Tag : Fünf ist Trümpf

An diesem Sonnabend ist wieder Gratis-Comic-Tag - zum fünften Mal schon. Unser Autor Oliver Ristau hat zwar Kosten, aber nicht Mühen gescheut und sich durch einen Riesenstapel Comic-Hefte gearbeitet - hier seine Favoriten samt Tipps für Verleger und Künstler.

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Zugreifen! Das diesjährige Plakat für den Gratis-Comic-Tag hat der Zeichner Steff Murschetz gestaltet.
Zugreifen! Das diesjährige Plakat für den Gratis-Comic-Tag hat der Zeichner Steff Murschetz gestaltet.Foto: GCT/Promo

In dulci jubilo: An diesem Sonnabend wird der Gratis-Comic-Tag fünf Jahre alt. Wie jedes Jahr gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Möglichkeit, bei teilnehmenden Händlern „Comics für Umme“ abzugreifen – so drückt es zumindest der Untertitel des von Panini verschenkten "Simpsons"-Heftchens aus.

Bleibt Panini sich an diesem Aktionstag ansonsten mit den gewohnten Superhelden-Titeln von Marvels "Infinity" bis zu DCs "Forever Evil" treu, wagt man jedoch erstmals eine Veröffentlichung aus dem eigenen Graphic Novel-Programm. Dieses Wendemanöver wird treffend durch ein Heft mit Flipcover charakterisiert, welches die Titel "Capote in Kansas" und "Die Stern-Bande" vorstellt. Ersterer hat Truman Capotes kreativen Prozess beim Verfassen seiner berühmten Reportage "Kaltblütig" zum Thema. Hier lässt sich nur noch an Hand des bereits für Marvel-Serien wie "Thor" und "Daredevil" tätigen Zeichners Chris Samnee auf die Kernkompetenz des Stuttgarter Verlages rückschließen. Luca Enochs und Claudio Stassis Comic behandelt die von den Briten als "Stern-Bande" benannten paramilitärischen Radikal-Zionisten im Untergrund Palästinas zu Beginn der 1920er Jahre.

Als Dependance eines Verlages, der seine ursprünglichen Wurzeln in Italien hat, kann man nur dankbar für jede Publikation aus diesem Land sein, welches so großartige Künstler wie Liberatore, Lorenzo Mattotti oder Hugo Pratt hervorgebracht hat. Eine (Neu-)Veröffentlichung von die Kunstform prägenden Klassikern wie Sergio Toppi, Guido Crepax oder Dino Buzzati wäre neben der bereits existierenden Manara-Werkausgabe eine Ausbaumöglichkeit dieser Aktivitäten. Und bis dahin haben wir hierzulande immerhin die Möglichkeit, Gipi, Igort, Manuele Fiore sowie Sara Colaone zu lesen. Oder "Waisen", eine italienische Produktion aus dem Hause Bonelli, die schon für den Fumetti-Klassiker "Dylan Dog" verantwortlich zeichneten und diesen Science Fiction-Action-Kracher nun bei Cross Cult untergebracht haben. Die ersten vier Seiten erinnern an Darwyn Cooke und ähnliche Retro-Stilistiker, danach geht’s mehr in Richtung Werther Dell'Edera weiter.

Dédé oder PC?

Ebenfalls interessant: Das bei Epsilon herausgegebene und nach dem Spitznamen der investigativ tätigen Hauptfigur als Dédéktiv-Abenteuer zu bezeichnende "Sind Sie tot, Madame?" von Erik. Der vermutlich nicht nur durch die geografische Nähe mit franko-belgischen Einflüssen durchwirkte Zeichenstil des in der Hauptstadt des Saarlandes residierenden Künstlers wurde von Hella von Sinnen dereinst als "hammermäßig" klassifiziert. Dem ist nicht zu widersprechen.

Qual der Wahl: Einige der zur Auswahl stehenden Gratis-Hefte.
Qual der Wahl: Einige der zur Auswahl stehenden Gratis-Hefte.Foto: GCT

Eine weitere deutsche Produktion ist Thomas von Eckartsbergs und Benjamin von Kummants "Gung Ho" über den Überlebenskampf von Teenagern in einem desolaten Europa der Zukunft bei Cross Cult. Inwieweit man da nicht in genreimmanenten misogynen Klischees absäuft, bleibt nach der Blow Job gegen Drogen-andeutenden Szene abzuwarten, Pluspunkte gibt’s auf jeden Fall für das Zitieren von Blue-Öyster-Cult-Texten.

Das Problem, heute als "politisch korrekt" verächtlich gemacht zu werden, haben "U-Comix" bestimmt nicht. In ihrem diesjährigen GCT-Beitrag, programmatisch "30 Jahre nach 1984" betitelt, geben sich die Untergrund-Künstler (auch wenn es heutzutage so etwas wie einen Untergrund in der Kunst gar nicht mehr gibt) unverzagt in vermeintlicher Rebellenpose. Hervorzuheben ist allerdings die Qualität der Grafik Frank Tönsings in einer Geschichte mit einer erwartbar ausgelutschten Auflösung. Und auch Krimalkins fein-detaillierter Strich für "Citywatch" sowie Matthias Lehmanns stimmungsvoll kolorierter Beitrag "2084 Blackbox" sind echte Hingucker.

Die Kollegen von "Horror Schocker" aus dem Weissblech-Verlag halten ihr jährliches Niveau mit amüsanten Horror-Shorties, grafisch ragen hier Klaus Scherwinski und vor allem Carsten Dörr mit seiner stilistischen Melange aus Manfred Deix und Richard Corben heraus.

Im Carlsen-Programm gibt es nach dem letztjährigen "Skull Party" von Melanie Schober mit Martina Peters' "Tempest Curse" erneut eine deutschsprachige Manga-Veröffentlichung, die ebenfalls ziemlich ansprechend aussieht.

Hey Kids, Comics-Marketing!

Unter dem Label „Kids“ wird diesmal wieder an Jungleser gedacht, Tipp hier: Ahndongshiks "Lindbergh" von Kazé ist zwar nicht als ausdrücklich als kindertauglicher Titel gelistet, verspricht jedoch mit seinem an Myazakis "Das Schloss im Himmel" erinnernden Setting Unterhaltung für jung und alt. Ansonsten können Sie immer zum jährlichen "Donald Duck"-Heft aus der Egmont-Comic-Collection greifen, mit einem Beitrag von einem Künstler wie Kari Korhonen kann man eigentlich nicht viel falsch machen.

Ähnlich verhält es sich mit Greg und William Vance, deren erstes "Bruno Brazil"-Abenteuer von EEC in voller Länge präsentiert wird. Nur leider ist dieses das schwächste der sich später in ungeahnte Höhen - beziehungsweise Tiefen, zu Ungunsten der Hauptcharaktere - begebenden Serie, da hätte man mit einem späteren Album aus der Agenten-Reihe potentielle Käufer der just erschienen Gesamtausgabe weitaus besser anfixen können.

Mit Terry Moores "Strangers In Paradise" von Schreiber & Leser liegt man genauso richtig, da die Reihe aber eh läuft, hätte man vielleicht besser sein neues Werk „Rachel Rising“ bewerben können. Terry Moore ist überhaupt und sowieso grundsätzlich gut, und einem geschenkten Gaul etc pp.

Reprodukt, die Graphic-Novel-Erfolgsschmiede aus Berlin, bewirbt eine ganz frische Neuveröffentlichung mit einer Leseprobe, nämlich Mawils "Kinderland". Das ist nach öffentlichkeitswirksamer Abkehr vom Comic als Zeitvertreib für Kinder mit anschließender Rückwendung dorthin der wohl metatextuellste Marketing-Schachzug, den man noch bringen kann, Respekt. Egal, Mawil ist klasse, mitnehmen. Der Mann hat schließlich einige der betörendsten Plattencover aller Zeiten zu verantworten sowie das geilste Fake-Plattencoverprojekt ever (wenn es denn mal veröffentlicht wird).

Getrost liegenlassen kann man dagegen "Attack on Titan", der neueste Manga-Hype ist dilettantisch gezeichnet und scheint sich bei der Visualisierung seiner *gähn* menschenfressenden Monster maßgeblich bei Gunther von Hagens Plastinaten bedient zu haben. Die Anime-Version rockt jedenfalls um einiges mehr.

Alte Schule, neue Schule, Entschuldigungsschreiben und Fernbleiben vom Unterricht

Wie jedes Jahr ist überdies die Abteilung Old School vertreten, Splitter zeigt sich hier dem Trend folgend mit einer der vielen sich am Markt befindenden "Sherlock Holmes"-Adaptionen, deren klassische visuelle Umsetzung solide Kost verspricht.

Stainless Art bringt "Jommeke", der aussieht, wie Comics vor vielen Jahren aussahen. Verwechseln Sie ihn aber nicht mit "Sprung in die Zukunft" von Carlsen. Èmile Bravo zitiert hier bloß, wie er dieses auch schon in meisterhafter Manier bei einem der besten Spirou-Abenteuer der jüngeren Zeit tat, das kriegen so bei Spirou höchstens noch Yann und Schwartz hin.

Vermutlich lesen die Kinder heute aber eher Sachen wie "Rabbids" von Splitter beziehungsweise Toonfish, das trotz seiner Herkunft vom Computerspiel ziemlich nett aussieht. Dagegen wirkt "Pokémon" von Panini/Planet Manga schon fast etwas altbacken, aber das Alter macht auch vor Taschenmonstern nicht halt, seufz. Der putzige japanische Katzencartoon "Chi" von Carlsen Manga bietet sich da eventuell als geeignetes Zwischenmahl an. Oder sie löschen mit dem aus dem gleichen Hause stammenden "Asilisk" ab und gönnen sich mal eine schicke Hyperglykämie.

Alternativ dazu könnten Sie zu Erbauungslektüre greifen: Die einleitenden Worte von Jan Susik und Dirk Seliger zu ihrem bei Epsilon verlegten "Luzian Engelhardt" erinnern mich an das Grundprinzip künstlerischen Wirkens: Erkläre Dich nicht und rechtfertige Dich keinesfalls! Ansonsten einfach mal alte Exemplare von Rybas und Schulz' Schindelschwinger erwerben und konzeptuelle Weiterbildung betreiben. Das wird schon.

"Richard Löwenherz" von Dani Books sieht beim ersten Durchblättern wie eine dieser neueren Disney-Produktionen aus, was in meinem Fall „alles, was nach 'Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei' kam“ bedeutet, und wurde wieder zur Seite gelegt. Was aber nicht heißt, dass es schlecht sein muss. Mit "Elfen" kann ich auch nichts anfangen, daher gilt für diese Splitter-Produktion dasselbe.

Ebenfalls ignoriert wurden Kazés "Magi" und "Tokyo Ghoul" (bei japanischem Horror bevorzugen wir eher Hino oder Ito), Cross Cults "Avatar" sowie Schreiber und Lesers "Jessica Blandy".

Diese sehr subjektive Beurteilung sollte Sie nicht davon abhalten, in jeden der am Sonnabend verschenkten Titel einen Blick zu werfen – Vielfalt ist eine der Hauptursachen für den Erfolg des Gratis-Comic-Tags, sonst hätte er sein fünftes Lebensjahr wohl nie erreicht. Also Kuchen für alle!

Einen Überblick über alle Titel zum Gratis-Comic-Tag und alle teilnehmenden Händler gibt es hier.

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