„Ich habe Wale gesehen“ von Javier De Isusi : Begegnen und finden

Javier De Isusi nähert sich in seinem Comic „Ich habe Wale gesehen“ behutsam dem Konflikt im Baskenland. Im September ist er beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu Gast.

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Zeitreise. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Zeitreise. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Moderne

Im Deutschen können „begegnen“ und „finden“ durchaus zwei unterschiedliche Dinge sein. Im Spanischen hingegen benutzt man für beide dasselbe Verb. Genau diese Doppeldeutigkeit macht sich Javier De Isusi in „Ich habe Wale gesehen“ zunutze, um das Verhältnis seiner drei Protagonisten zueinander zu gestalten.

Josu, ein ehemaliger ETA-Kämpfer und Emmanuel, der für die von der spanischen Regierung finanzierten GAL-Milizen aktiv war, begegnen sich im Gefängnis und finden trotz gegenseitiger Vorbehalte doch irgendwie zueinander. Und dann ist da noch Anton, der als Jugendlicher mit Josu befreundet war und dessen Vater von der ETA ermordet wurde. Auch diese beiden begegnen sich wieder, viele Jahre nachdem Anton beschloss, den Mördern seines Vaters zu verzeihen und ins Priesterseminar eintrat. Vergebung ist damit das zweite große Thema der Graphic Novel, die in deutscher Übersetzung bei der Edition Moderne erschienen ist.

Impulse zur Reflexion ohne zu moralisieren oder werten

Javier De Isusi ist eine ruhige und sehr berührende Erzählung über den Konflikt im Baskenland gelungen, die jeder der drei Perspektiven den nötigen Raum gibt. Der Comic ist zwar sehr konventionell strukturiert und aufgebaut – jedes der etwa gleich langen Kapitel widmet sich einem der drei Protagonisten – diese Erzählweise passt jedoch gut zum Bestreben des Zeichners, alle drei Perspektiven auf den Konflikt gleichberechtigt zu zeigen.

Die Begegnungen zwischen Josu und Emmanuel bzw. zwischen Josu und Anton geben dem Leser Impulse zur Reflexion, der baskische Zeichner moralisiert oder wertet jedoch nicht. Dafür spricht auch das offene Ende. Man sieht zwar, dass Anton Josu nach Jahren im Gefängnis besucht, was die beiden sich nach so langer Zeit zu sagen haben, erfährt man allerdings nicht mehr.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Edition Moderne

Einziger Wermutstropfen ist die Tatsache, dass dies zwar das Ende der Erzählung aus De Isusis Feder ist, dass als Nachklapp nun aber noch eine kurze, von der mit dem Autor befreundeten Künstlerin Leticia Ruifernández stammende Erzählung mit dem Titel „Der Krieg der Statuen“ folgt. Diese Kombination aus ganzseitigen Zeichnungen und Fließtext passt sich zwar in Farbgebung und Aquarellierung dem restlichen Comic an, sie rückt das Thema vom Finden und Begegnen jedoch so offensichtlich noch einmal in den Vordergrund, dass man sich fragt, warum der Autor so wenig auf seine eigene Erzählung vertraut.

Das ist mehr als schade, denn diese funktioniert mit ihrer gleichmäßigen Struktur – fast durchgehend gibt es klare Panelgrenzen und ein relativ regelmäßiges Seitenlayout – sowie den ruhigen, mit Graublau- und Gelbtönen aquarellierten Zeichnungen wunderbar. Auch die Tatsache, dass die Bedeutung des Titels „Ich habe Wale gesehen“ erst relativ spät aufgelöst wird, passt zur zurückgenommenen Erzählweise De Isusis.

Javier De Isusi: Ich habe Wale gesehen, Edition Moderne, 176 Seiten, 29 Euro

Veranstaltungshinweis: Javier de Isusi ist am 10. September beim Graphic Novel Day des Internationalen Literaturfestivals Berlin zu Gast. Hier das komplette Programm, weitere Informationen auf der Website der Veranstalter:

10.09., Haus der Berliner Festspiele (Schaperstraße 24, 10719 Berlin):
10:00 Uhr: Amruta Patil [Indien/F] behandelt in »Sauptik. Blood and Flowers« die Schönheit als Mittel des Widerstandes
11:00 Uhr: Burcu Türker [D] und Ahmed Mohammed Omer [Eritrea/D] präsentieren das Projekt »Alphabet des Ankommens«
12:00 Uhr: Javier de Isusi [E]: »Ich habe Wale gesehen« und Hamid Sulaiman [Syrien/F]: »Freedom Hospital«
13:00 Uhr: Berliac [Argentinien/D] und Inga Steinmetz [D] diskutieren den Manga als Weltsprache
14:00 Uhr: Buchpremiere: In »Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein« schildert Ulli Lust [A/D] den Weg einer lebensgierigen Anarchistin im Wien der 90er Jahre
15:15 Uhr: Romain Renard [B] präsentiert sein multimediales Comic-Meisterwerk »Melvile«
16:30 Uhr: Buchpremiere: Nicolas Mahler [A] interpretiert Prousts Meisterwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« neu

Ticket (gilt für alle Veranstaltungen dieses Tages): 8 Euro / ermäßigt 6 / Schüler 4, erhältlich hier.

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