Interview : „Zeichnungen müssen intensiv sein“

Er hat sich seit den späten 60er Jahren mit Serien wie „Andy Morgan“ und „Comanche“ international einen Namen gemacht. Im Tagesspiegel-Interview spricht Hermann über lebendige Bilder, wiederbelebte Klassiker und die Zusammenarbeit mit seinem Sohn.

Rauer Strich. Szene aus dem aktuellen "Jeremiah"-Band.
Rauer Strich. Szene aus dem aktuellen "Jeremiah"-Band.Illustration: Hermann/Kult Editionen

Hermann Huppen, von seinen Fans als Hermann verehrt, ist seit vier Jahrzehnten einer der ganz Großen der europäischen Comicszene. Am Sonntag war der belgische Zeichner und Autor zu Gast bei der gut besuchten Berliner Comicbörse im Ellington-Hotel. Im Gegensatz zu anderen namhaften Zeichnern, die wegen durch den isländischen Vulkanausbruch ausgefallener Flüge ihre Reise nach Berlin absagen mussten, kam der Zeichner planmäßig: Er war statt mit dem Flugzeug mit dem Auto aus Brüssel angereist. Dem Tagesspiegel verriet er im Interview, was er von seinem Frühwerk hält, wie es ist, mit dem eigenen Sohn als Autor zusammenzuarbeiten und warum er trotz seiner 72 Jahre nicht an die Rente denkt. 

Tagesspiegel: Normalerweise distanzieren sich Kinder irgendwann von dem, was die Eltern machen und gehen ihre eigenen Wege. Sie hingegen arbeiten viel mit Ihrem Sohn Yves zusammen, der Geschichten schreibt, die Sie dann zeichnen. Führt das nicht ständig zu Vater-Sohn-Konflikten?

Hermann: Nein. Wir haben natürlich auch unsere Kämpfe gehabt, als Yves ein Jugendlicher war. Aber er ist jetzt 43 Jahre alt, und unsere Zusammenarbeit unterscheidet sich kaum von der mit anderen Autoren, nach deren Vorlagen ich zeichne. Mit einem Unterschied: Ich bin bei seinen Skripts noch kritischer als bei anderen.

Viele ältere deutsche Leser haben Sie in den 70er Jahren durch die Abenteuergeschichten Ihrer Figur „Andy Morgan“, im Original „Bernard Prince“,  kennengelernt, die in der Zeitschrift „Zack“ abgedruckt waren. Jetzt setzen Sie nach langer Pause die eigentlich lange für beendet erklärte Reihe noch einmal fort, auf Deutsch erscheint sie derzeit wieder im „Zack“-Magazin. Wie kam es zu diesem Stimmungsumschwung?

Das hat ebenfalls mit meinem Sohn zu tun. Er drängte mich, die alte Geschichte weiterzuspinnen. Ich fand das erst sehr merkwürdig, diese alte Figur, die ich längst hinter mir gelassen hatte, wieder zum Leben zu erwecken und sagte: Das ist überflüssig, es ist alles erzählt. Dann überzeugte er mich, die Figuren etwas älter und reifer zu machen und der Geschichte noch mal eine neue Chance zu geben. Da gehorchte ich meinem Sohn – auch wenn es eigentlich andersherum sein und er mir gehorchen sollte!

Sie sind ja selbst in vielen Fällen – so bei Ihrer Abenteuerserie „Jeremiah“ - zugleich Zeichner und Autor. Wenn Sie mal nur der Zeichner sind, fällt es Ihnen dann schwer, das zu akzeptieren, was Ihnen andere Autoren wie jetzt Ihr Sohn vorlegen?

Wiederbelebt. Szene aus der Fortsetzung der Reihe "Andy Morgan", die derzeit in der Zeitschrift "Zack" erscheint.
Wiederbelebt. Szene aus der Fortsetzung der Reihe "Andy Morgan", die derzeit in der Zeitschrift "Zack" erscheint.Illustration: Hermann/Zack

Eigentlich nicht. Aber „Andy Morgan“ ist eine Ausnahme. Ich habe ja die Serie lange mit dem Autor Greg zusammen fortentwickelt, der vor einigen Jahren gestorben ist. Als mein Sohn und ich uns jetzt daran machten, die Geschichte weiterzuerzählen, gab Yves mir nur einen grob vorformulierten Text und bat mich, daran so lange zu arbeiten, bis es so klingt, als habe Greg es geschrieben. Dann habe ich so lange daran getüftelt, bis es den richtigen Ton traf. Aber bei anderen Serien wie „Die Türme von Bos-Maury“ setze ich das zeichnerisch um, was mein Sohn schreibt, ohne daran groß etwas zu ändern.

Sie haben in den vergangenen vier Jahrzehnten etliche Abenteuergeschichten in exotischen Ländern, in der Wildnis oder und vergangenen historischen Epochen erzählt. Nur das Hier und Jetzt findet sich in Ihren Arbeiten kaum. Wie kommt das?

Ich liebe fremde Welten und die Natur. Aber moderne Großstädte finde ich künstlerisch langweilig. Die sind mir zu kalt, zu sauber, zu geleckt. Meine Geschichten sollen an Orten mit Charakter stattfinden, nicht an sterilen, austauschbaren Plätzen, wie man sie heutzutage in etlichen Großstädten rund um die Welt findet.

Auch Ihre Figuren wirken im Vergleich zu anderen Zeichnern stets sehr ausgeprägt und alles andere als glatt, sie haben Ecken und Kanten und raue Gesichtszüge…

So muss es sein: Ich gehe in meinen Bildern auf, ich arbeite so lange an ihnen, bis sie eine intensive Ausstrahlung haben. Zeichnungen müssen intensiv sein, sonst interessieren sie mich auch nicht. Gerade im Comic, wo man mit unbewegten Bildern arbeitet und doch Bewegung vermitteln will, muss man sich besonders bemühen, die Zeichnungen lebendig wirken zu lassen.

Dabei hilft wohl auch, dass Sie als Zeichner alter Schule den Computer skeptisch sehen…

Klassiker. Hermann ist seit Mitte der 1960er Jahre als Comiczeichner und Autor im Geschäft.
Klassiker. Hermann ist seit Mitte der 1960er Jahre als Comiczeichner und Autor im Geschäft.Foto: Lars von Törne

Ja. Ich glaube an das Kunsthandwerk, nicht an Konzepte, die man dann am Computer umsetzt. Ich ziehe meine Freude daraus, echte Kunst mit meinen Händen zu schaffen. Das würde ich mit dem Computer nie so empfinden.

Was empfinden Sie eigentlich, wenn Sie Ihre alten Serien wieder betrachten, zum Beispiel den Western „Comanche“, der jetzt neu auf Deutsch veröffentlicht wird?

Die neuen Ausgaben sehen wunderbar aus. Aber wenn Sie das Zeichnerische meinen: Ich bin immer unzufrieden mit meinen früheren Arbeiten und entdecke jedes Mal Elemente, die mir nicht mehr gefallen. Aber so muss es sein: An dem Tag, an dem man von seinen alten Arbeiten begeisterter ist als von seinen aktuellen, hat man das Ende erreicht.

Lesen Sie eigentlich Comics anderer Zeichner?

Kaum. Ich lebe wie in einem Turm, abgeschottet von der Welt, und arbeite so viel ich kann, oft 70 Stunden die Woche. Da bleibt keine Zeit, um noch andere Comics zu lesen. Ich blättere hin und wieder mal in den Arbeiten von Kollegen, aber nur sehr selten. In den letzten Jahren sind ja Mangas besonders populär geworden – ich verstehe gar nicht, was deren Leser daran finden! Die meisten, die ich gesehen habe, sind ästhetische Katastrophen, keine Kunst. Ich verstehe einfach nicht, was die bringen sollen.

Aber es gibt doch auch etliche Mangazeichner, die sehr kunstvolle Arbeiten auf hohem Niveau abliefern, Jiro Taniguchi zum Beispiel.

Ja, einverstanden. Aber der ist für mich kein Mangazeichner im engeren Sinne, seine Arbeiten sind doch in Europa populärer als in Japan.

In Ihrem Alter sind andere Menschen schon sieben Jahre lang im Ruhestand… Denken Sie manchmal daran, in Rente zu gehen?

Niemals! Eher sterbe ich bei der Arbeit, als dass ich unbeschäftigt Däumchen drehe. Und der Vorteil des Zeichner-Daseins ist, dass es körperlich nicht anstrengend ist. Einen Stift kann ich auch noch heben, wenn ich alt und klapprig bin. Also werde ich das bis zum Schluss machen. Es macht mir einfach zu viel Spaß, um aufzuhören.

Das Interview führte Lars von Törne.

Die Bücher von Hermann erscheinen auf Deutsch in den Verlagen Kult Editionen und Splitter, die aktuelle Andy-Morgan-Serie wird derzeit in der Zeitschrift „Zack“ veröffentlicht, kürzlich ist der dritte Teil erschienen. Vielen Dank an Eckart Schott vom Verlag Salleck Publications für die Vermittlung des Interviews! Hermanns Website findet sich unter diesem Link.

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